Viren schweben über einer Hand, mit der etwas auf ein Blatt Papier geschrieben wird. © Colourbox Panthermedia Foto: Pressmaster kostsov

Hospitalisierungsrate zeigt nur noch die Hälfte der Corona-Patienten

Stand: 01.10.2021 06:08 Uhr

Die vom Robert Koch-Institut veröffentlichte Hospitalisierungsrate unterschätzt die Anzahl Covid-19-Erkrankter in Kliniken immer stärker. In der kommenden Herbstwelle könnte der Indikator quasi unbrauchbar werden.

von Björn Schwentker, Marvin Milatz und Ciara Cesaro-Tadic

Die Hospitalisierungsrate, die die Politik anstelle der Neuinfektionen zum Leitindikator in der Corona-Pandemie erhoben hat, unterschätzt die Lage in den Krankenhäusern immer drastischer und ist damit immer weniger belastbar. Die tagesaktuell vom Robert Koch-Institut (RKI) für Deutschland veröffentlichte Hospitalisierungsrate ist inzwischen nur noch halb so groß wie ihr tatsächlicher Wert. So veröffentlichte das RKI etwa am 8. September für die letzten sieben Tage 1,8 Neuaufnahmen wegen Covid-19 pro 100.000 Einwohnern. Tatsächlich lag die Zahl aber doppelt so hoch, nämlich bei 3,6.

Grund dafür sind Tausende Krankenhausaufnahmen, die erst nach und nach erfasst werden. Bundesweit dauert es inzwischen 21 Tage, bis die Neuaufnahmen in den Krankenhäusern durch Nachmeldungen zu wenigstens 95 Prozent erfasst sind, wie die NDR Analysen zeigen.

Mit den Hospitalisierungsraten wird die Gefährlichkeit der Pandemie für die Menschen und ihre Gesundheit unterschätzt - und Gegenmaßnahmen könnten ausbleiben: Die aktuell veröffentlichten Raten können dauerhaft so niedrig aussehen, als lägen sie unter den Grenzwerten, obwohl sie längst darüber liegen.

Am Robert Koch-Institut, das als Bundeseinrichtung in Berlin für die Pandemie zuständig ist, ist man sich des Problems durchaus bewusst. Es gehe hier um eine "Abwägung zwischen Zeitnähe und Datenqualität". Wenn die Daten – wie bei COVID-19 – maximal schnell bereitgestellt würden, gehe dies auf Kosten der Datenvollständigkeit. Dies müsse bei der Definition von Schwellenwerten berücksichtigt werden: "Sie müssen die Unterschätzung bei den tagesaktuellen Werten berücksichtigen und dürfen sich nicht an den endgültig zu erwartenden Werten orientieren", schreibt das RKI in seiner Antwort an den NDR.

Neuaufnahmen durch Coronawelle im Herbst noch stärker unterschätzt?

Nach der RKI-Logik müsste man also die Schwellenwerte der jeweils aktuellen Verzerrung anpassen. Das ist allerdings schwierig, denn deren Ausmaß verändert sich ständig. Seit drei Monaten wird der Leitindikator kontinuierlich stärker unterschätzt. Ende Juni zeigte die aktuelle Hospitalisierungsrate noch etwa zwei Drittel des endgültigen Wertes an, jetzt nur noch die Hälfte - zeitweise auch schon weniger.

Mit steigenden Fallzahlen in der kommenden Coronawelle im Herbst könnte der Grad an Unterschätzung sogar noch zunehmen. Denn bisher erfassten die RKI-Daten anteilig um so weniger Neuaufnahmen, je mehr Menschen in die Kliniken kamen. Dafür spricht auch, dass die Unterschätzung der Neuaufnahmen in der Gruppe der 35- bis 59-Jährigen am stärksten ist. Dies ist gleichzeitig die Altersgruppe mit den meisten Hospitalisierungen.

Bundesweites Wirrwarr an Hospitalisierungsdaten und Grenzwerten

Das Robert Koch-Institut veröffentlicht die Hospitalisierungsraten für Bund und Länder täglich im Internet. Ob die Bundesländer diese Zahlen verwenden, und welche Schwellenwerte sie für Corona-Maßnahmen festsetzen, ist ihnen selbst überlassen. Wie NDR Recherchen ergaben, entsteht in den Ländern ein bunter Flickenteppich an Regelungen.

Hospitalisierungsrate

Die Hospitalisierungsrate gibt die Zahl der Corona-Neuaufnahmen in Krankenhäusern binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern an. Konkret: Wenn die Hospitalisierungsrate beispielsweise bei zwei liegt, sind zwei Personen von 100.000 innerhalb von sieben Tagen "mit" oder "wegen" Corona hospitalisiert worden. Die Hospitalisierung ist seit Mitte September der neue Leitindikator zur Bewertung der Pandemiesituation. Von den Nordbundesländern veröffentlichen bisher Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein Hospitalisierungsraten, teilweise übernehmen sie den Wert vom Robert Koch-Institut, teilweise ermitteln sie eigene Werte.

So nutzt etwa Schleswig-Holstein die vom RKI veröffentlichten Hospitalisierungsraten, während andere Länder wie Niedersachsen die Krankenhausdaten komplett selbst erheben - parallel zum Erfassungsweg des Bundesinstitutes, das über die örtlichen Gesundheitsämter läuft. Einige Bundesländer scheinen Meldungen im RKI-System abzugreifen, noch bevor sie nach Berlin gemeldet werden. Sie dürften ebenfalls Probleme mit Unterschätzungen und Meldeverzügen haben - wenn auch weniger drastisch.

Extremer Meldeverzug der Hospitalisierungsrate in Hamburg

Die Belastbarkeit der Hospitalisierungsraten schwankt deutlich zwischen den Bundesländern. Am schlimmsten ist die Lage in Hamburg: Dort unterschätzt die aktuelle gemeldete Zahl der Klinikaufnahmen den tatsächlichen Wert so stark, dass er am Ende vier- bis fünfmal so hoch ist wie zuerst angegeben. Bis alle Nachmeldungen da sind, dauert es im Stadtstaat einen ganzen Monat.

"Die Hospitalisierungsrate hat in Hamburg einen gehörigen Zeitverzug", gibt Martin Helfrich, Pressesprecher der Hamburger Sozialbehörde, unumwunden zu. Die Stadt wolle die Zahlen nicht veröffentlichen und auch keinen Schwellenwert für sie ansetzen. Sie seien nicht besonders wichtig, da man an ihnen ohnehin nicht wirklich ablesen könne, wie hoch die Belastung des Gesundheitssystems sei. "Für den Senat ist die Hospitalisierungsrate einer von verschiedenen Faktoren, die betrachtet werden", sagt Martin Helfrich. Dabei schaue man durchaus auf die Zahlen des RKI. Es gehe aber weniger um deren Größe als um den Trend: "Wichtiger als die Zahl ist Richtung und Geschwindigkeit." Beides gäben die RKI-Zahlen trotz Unterschätzung und Meldeverzug ausreichend genau wieder.

Gefährliche Corona-Trends werden zu spät erkannt

Die NDR Analysen der RKI-Daten zeigen das Gegenteil: Gerade Trendveränderungen wie zunehmende Klinikaufnahmen werden erst mit Verspätung von Tagen oder Wochen erkannt. Die aktuellen Zahlen können sogar vortäuschen, dass die Situation besser wird, obwohl sie sich verschlechtert.

Das zeigen beispielhaft die Neuaufnahmen in Hamburger Krankenhäusern Mitte Juli, als die ersten Infizierten der vierten Coronawelle in die Kliniken kamen: Die tagesaktuellen Zahlen stiegen damals kaum merklich an. Tatsächlich hatten sich die Neueinweisungen innerhalb einer Woche aber mehr als verdoppelt, und damit den Start eines bis heute anhaltenden Trends markiert. Das ließ sich aber erst einen Monat später sehen, als die endgültigen Werte vorlagen.

Schlechte Lageeinschätzung wegen langwieriger Meldeverfahren

Was die Meldungen so massiv verzögere, sei das "mehrkettige Meldeverfahren", glaubt Martin Helfrich aus Hamburg. Die Angaben aus den Krankenhäusern müssten zuerst an die Gesundheitsämter am Wohnort der Patientinnen und Patienten gehen, und das koste Zeit. Möglichkeiten zur Beschleunigung des Verfahrens sieht Helfrich in Hamburg erstmal nicht: "Momentan gibt es keine digitale Infrastruktur, die eine Direktmeldung ans RKI ermöglicht."

Dass es tatsächlich viel schneller geht, beweist Niedersachsen: Dort lässt man die verzerrten RKI-Daten komplett links liegen und fasst die Angaben der Kliniken zu Covid-19-Neuaufnahmen ohne Umweg über die Gesundheitsämter in einem digitalen Meldesystem namens "Ivena" zusammen. Schon am Folgetag kennt man so den unverzerrten, endgültigen Wert für die gesundheitliche Belastung durch Covid-19.

Verzerrung in RKI-Daten wäre durch "Nowcast" korrigierbar

Auch für Bund und Länder, die auf die RKI-Daten angewiesen sind, gäbe es eine Chance auf bessere Daten, sagt Helmut Küchenhoff, Statistik-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Denn: "Der Meldeverzug ist statistisch korrigierbar."

Dazu müssten die aktuellen Werte der Hospitalisierungsrate lediglich um die zuletzt beobachtete Unterschätzung nach oben korrigiert werden. Dieses Verfahren, ein so genannter "Nowcast", sei statistisch gut beherrschbar und werde vom RKI bereits für die 7-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen angewendet.

Darum fordert Küchenhoff: "Das Robert Koch-Institut sollte für die Hospitalisierungsinzidenzen der Bundesländer ebenfalls einen Nowcast veröffentlichen." Der Nachteil dieser Methode: Die aktuellen Zahlen sind dann nur statistische Schätzungen. Deren Unsicherheit dürfte jedoch deutlich kleiner sein als die Verzerrungen in den derzeit vom RKI berichteten Zahlen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 01.10.2021 | 09:18 Uhr

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