Drei Ärzte gehen einen Flur im Krankenhaus entlang © panthermedia Foto: Kzenon

Darum sind Hospitalisierungsraten im Norden kaum vergleichbar

Stand: 02.10.2021 08:41 Uhr

Die Hospitalisierungs-Inzidenz ist ein neuer wichtiger Richtwert, um den Verlauf der Corona-Pandemie einzuschätzen. Doch die Werte aus den Bundesländern lassen sich kaum miteinander vergleichen.

von Marvin Milatz, Björn Schwentker und Ciara Cesaro-Tadic

Seit wenigen Wochen soll sich die Schwere der Corona-Pandemie an der Hospitalisierungsrate (oder auch Hospitalisierungs-Inzidenz) ablesen lassen. Prinzipiell ist diese neue Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-bedingten Krankenhauseinweisungen eine gute Idee: Im Gegensatz zur Inzidenz der Neuinfizierten ist sie von einer deutlich geringeren Dunkelziffer betroffen und weniger anfällig für Änderungen in der Teststrategie. Sich neu anbahnende Corona-Wellen sollen sich mithilfe der Hospitalisierungsrate zudem noch so rechtzeitig erkennen lassen, dass die Politik gegensteuern kann, bevor die Intensivbetten knapp werden.

Hospitalisierungsrate

Die Hospitalisierungsrate gibt die Zahl der Corona-Neuaufnahmen in Krankenhäusern binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern an. Konkret: Wenn die Hospitalisierungsrate beispielsweise bei zwei liegt, sind zwei Personen von 100.000 innerhalb von sieben Tagen "mit" oder "wegen" Corona hospitalisiert worden. Die Hospitalisierung ist seit Mitte September der neue Leitindikator zur Bewertung der Pandemiesituation. Von den Nordbundesländern veröffentlichen bisher Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein Hospitalisierungsraten, teilweise übernehmen sie den Wert vom Robert Koch-Institut, teilweise ermitteln sie eigene Werte.

Hospitalisierungs-Inzidenz vom RKI verzerrt das Bild stark

Die Hospitalisierungsrate könnte also wirklich ein sinnvoller Indikator sein, wäre sie in den Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) nicht stark verzerrt. Wie bereits die Recherchen zahlreicher Medien eindrücklich gezeigt haben, verfehlen die RKI-Werte das Ziel, die aktuelle Schwere der Pandemie korrekt und vor allem rechtzeitig einzuschätzen. Ein Teil des Problems: Statt des Einweisungsdatums verwendet das RKI bei den Hospitalisierungen das Meldedatum, also jenen Tag, an dem das lokale Gesundheitsamt die hospitalisierte Person als positiv getestet registriert hat.

So tauchen Neuhospitalisierte nicht zu dem Datum in der Statistik auf, an dem sie auch wirklich ins Krankenhaus kamen, sondern rutschen im Nachhinein an einen Zeitpunkt, der Tage oder Wochen vor der eigentlichen Einweisung lag. Nach jüngsten NDR Analysen enthalten die RKI-Daten am Tag der Veröffentlichung inzwischen nur noch 50 Prozent der eigentlichen Fälle. In den letzten drei Monaten hat diese Unterschätzung kontinuierlich zugenommen.

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Auch Bundesland-Lösungen bieten keine Vergleichbarkeit

Um die aktuelle Lage in den Krankenhäusern zu beurteilen und diese auf regionaler Ebene zu vergleichen, taugt die RKI-Inzidenz demnach wenig. Die Gesundheitsämter der norddeutschen Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern haben dieses Problem erkannt und versuchen es mit ganz unterschiedlichen Mitteln zu lösen. Dies führt zu einer Vielfalt an Methoden und die Ergebnisse sind weiterhin nicht vergleichbar.

Kein Meldeverzug in Niedersachsen, kaum Verzug in Bremen

Krankenhäuser in Niedersachsen fahren zweigleisig: Zum einen schicken sie die Daten der neu eingewiesenen Corona-Fälle über den offiziellen RKI-Meldeweg, auf dem zumindest teilweise noch gefaxt wird. Parallel dazu füttern sie die Daten in ein rein digitales Tool namens "Ivena", das die Behandlungs- und Bettenkapazitäten der regionalen Krankenhäuser direkt an das zuständige Landesministerium durchleitet. Niedersachsen kann dadurch seine Hospitalisierungsrate aus "den tagesaktuellen Daten von 6 Uhr des Vortages bis 5.59 Uhr des aktuellen Tages" berechnen, teilt das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung auf NDR Anfrage mit.

Auch in Bremen nutzt man das Datum der Einweisung, statt des Meldedatums. "Es kann maximal zu einem Meldeverzug von ein bis zwei Tagen kommen", sagt Alicia Bernhardt, Presserefentin der Bremer Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz.

Das Problem: Damit liegen die Niedersachsen und Bremer zwar deutlich näher an der wahren Belastung der Krankenhäuser, aber auch immer deutlich höher als der RKI-Wert für ihre Bundesländer. So wird ein Vergleich zwischen den Bundesländern zum Dilemma.

Schleswig-Holstein nutzt RKI-Hospitalisierungszahlen

Denn in Schleswig-Holstein nutzt man die RKI-Hospitalisierungszahlen, also jene, die teils erst mit Wochen Verzögerung ein vollständiges Bild der Lage zeichnen. "Natürlich gibt es viele Kritikpunkte und viele Möglichkeiten der Berechnung", räumt Helmut Fickenscher ein. Der Leiter des Kompetenzzentrums für das Meldewesen übertragbarer Krankheiten in Schleswig-Holstein habe viele Berechnungsvarianten ausprobiert - auch etwa nach Beginn der Symptomatik oder nach Hospitalisierungsdatum. "Und tatsächlich war aus meiner persönlichen Sicht keine Variante überzeugend", sagt Fickenscher.

Für Schleswig-Holstein ist die Berechnung nach dem Meldedatum laut Fickenscher deshalb "am besten geeignet", da die Datengrundlage "am breitesten" sei. Das Datum der Einweisung liegt in Schleswig-Holstein also längst nicht immer vor. Ganz im Gegensatz zu Niedersachsen, das durch die Doppelterhebung in Ivena stets auf das Datum der Krankenhausaufnahme zurückgreifen kann.

Hamburg plant keine eigene Berechnung

Hamburg verweist in einer NDR Anfrage zwar auf die Hospitalisierungs-Inzidenz des RKI, teilt aber gleichzeitig mit, dass diese für die Hansestadt keine tieferliegende Bedeutung hat: "Die Hospitalisierungs-Inzidenz sagt uns nicht, welche Belastung das Gesundheitssystem gerade erfährt", sagt Martin Helfrich, Pressesprecher der Hamburger Sozialbehörde.

Deshalb plane man in Hamburg weder eine eigene Berechnung noch einen Schwellenwert, wie er in anderen Bundesländern bereits eingeführt wurde. Statt der Neuaufnahmen pro Tag weise man wie zuvor die Zahl der momentan wegen Covid-19 auf den Stationen liegenden Patientinnen und Patienten aus, egal wann sie eingewiesen wurden. Laut Helfrich ergebe das Umrechnen der belegten Krankenhausbetten auf 100.000 Einwohner in Hamburg wenig Sinn, da dort auch Corona-Erkrankte aus anderen Bundesländern behandelt werden würden.

Mecklenburg-Vorpommern würde bundeseinheitliche Lösung bevorzugen

Mecklenburg-Vorpommern wiederum nutzt - wie Niedersachsen und Bremen - auch den Tag der Hospitalisierung für die Berechnung seiner Inzidenz. Aus Sicht des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGuS) stelle "das Hospitalisierungsdatum den Referenzwert dar, der die Realität möglichst genau abbildet."

Deshalb unterscheidet sich auch in Mecklenburg-Vorpommern die publizierte Inzidenz von der des RKI und dem dortigen Ministerium ist dieses Problem auch bewusst: "Das LAGuS würde eine bundesweit einheitliche Methodik der Berechnung befürworten, um eine bessere Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten", sagt die Ministeriumssprecherin.

Mehrere Corona-Indikatoren sollen Abhilfe schaffen

Bei all den Unterschieden sind sich alle Vertreterinnen und Vertreter der Bundesländer in einem Punkt einig: Die Hospitalisierungs-Inzidenz allein reicht nicht aus, um die aktuelle Corona-Lage realistisch zu bewerten. Aus diesem Grund publizieren alle Nordländer auch weiterhin die ehemaligen Leitindikatoren und versuchen so, ein Gesamtbild zu zeichnen.

Dabei gäbe es eine Lösung, die die Hospitalisierungsrate doch noch zum tatsächlichen robusten Leitindikator machen könnte, als den die Politik ihn ursprünglich verkauft hat: Alle Bundesländer folgen dem Vorgehen von Niedersachsen. Denn dort ist es ja möglich, eine Hospitalisierungsrate mit Aussagekraft zu berechnen.

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NDR Info | Aktuell | 01.10.2021 | 09:18 Uhr

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