Stand: 06.04.2020 13:34 Uhr

Kleinunternehmer: Kreativ durch die Krise

von Ulrich Czisla

Für Heike Schramm begann die vergangene Woche mit einer faustdicken Überraschung: Aus der Zeitung erfuhr sie, dass ihr kleines Blumengeschäft in Hamburg-Othmarschen wieder öffnen darf. Wegen des Corona-Virus müssen seit dem 16. März in Hamburg alle Geschäfte außer Supermärkten, Drogerien und Baumärkte geschlossen bleiben. Restaurants und Cafés dürfen nur noch für den Außer-Haus-Verkauf öffnen. Die Nachricht, dass Heike Schramm wieder öffnen darf, kam am Morgen eigentlich schon zu spät, erzählt sie: "Ich konnte da nicht schnell reagieren: Um zehn Uhr hat der Blumengroßmarkt schon geschlossen. Dann haben wir uns erstmal kurzgeschlossen: Machen wir auf oder nicht?"

Wiedereröffnete Geschäfte sorgen wegen des Corona-Virus für Sicherheitsvorkehrungen. © picture alliance/dpa Foto: Gregor Fischer

Teil 2: Corona trifft Mittelstand - erste Lockerungen

NDR Info - Wirtschaft -

Die Blumenhändlerin freut sich über die Wiederöffnung ihres kleinen Geschäfts - während für den Hotelier noch völlig ungewiss ist, wann er wieder Gäste empfangen kann.

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Freude über Normalität

Die Entscheidung wieder aufzumachen war gemeinsam mit ihrer Kollegin schnell gefallen, nachdem auch der Fachverband der Floristen die Zeitungs-Meldung bestätigte. So ganz traut Heike Schramm ihrem Glück aber noch nicht: "Wir hoffen, dass wir offenbleiben dürfen. Es ist jetzt nicht der Bär los, aber wir freuen uns einfach, dass wir Normalität haben."

Antragsstress statt Übernachtungen

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Marcus van Riesen wartet zurzeit noch auf die beantragten Hilfen

Marcus van Riesen, der ein 32-Zimmer-Hotel auf St. Pauli betreibt, hat nicht so viel Glück. Sein Unternehmen bleibt geschlossen. Die Mitarbeiter hat der Hotelier mit Kurzarbeit 100 Prozent nach Hause geschickt. In den vergangenen Wochen musste er sich vor allem mit Banken und Behörden, mit Anträgen für Kredite und Hilfsgelder herumgeschlagen: "Ich habe am 31. März im Internet einen Zuschuss beantragt. Ich warte aber noch auf Rückmeldung, auch jetzt einige Tage später. Ich habe noch nichts gehört, noch keine Bestätigung und auch noch kein Geld", erzählt van Riesen. Das Gleiche gilt auch für das Kurzarbeitergeld - die Anträge sind gestellt. Eine Reaktion der zurzeit stark überlasteten Behörden lässt aber noch auf sich warten.

Weder schnell noch unbürokratisch

Darüber hinaus ist van Riesen mit seiner Hausbank im Gespräch über die Vergabe von Überbrückungs-Krediten der bundeseigenen Förderbank KfW. Ein milliardenschwerer Kredittopf soll Unternehmen helfen, Corona-bedingte Umsatzeinbrüche auszugleichen - und vor allem verhindern, dass sie zahlungsunfähig werden. Der Kniff dabei: Bis zu 90 Prozent der beantragten Kreditsumme sind KfW-Geld, die restlichen 10 Prozent kommen von der jeweiligen Hausbank. Doch die prüft ihre 10-Prozent Kreditsumme genau so scharf, wie sie 100 Prozent prüfen würde. Von schnellem und unbürokratischem Verhalten keine Spur, findet van Riesen: "Das Prozedere ist eins zu eins das gleiche, das wurde mir auch von der Bank bestätigt. Und ich konnte das auch im Anforderungsprofil sehen. Ich muss eigentlich die gleichen Unterlagen mitbringen, als würde ich mein Hotel komplett renovieren wollen."

Ziel: Die nächsten Wochen überleben

Doch van Riesen geht es eigentlich nur darum, als Unternehmen die nächsten Wochen zu überleben. Was dem wirtschaftlich gut aufgestellten Hotel noch gelingen mag, ist bei vielen anderen Mittelständlern kaum möglich. Viele werden in die Insolvenz fallen, wenn die ausgezahlten staatlichen Zuschüsse aufgebraucht sind und sie wegen der bisher sehr zurückhaltend agierenden Banken kein zusätzliches Geld bekommen. Auch die Bundesregierung hat die missliche Lage jetzt erkannt, sie plant offenbar, Kredite für kleinere Unternehmen in Zukunft zu 100 Prozent von der KfW zu vergeben.

"Ein Tropfen auf den heißen Stein"

Thies Gudewer, Chef eines Garten-Einrichters im Hamburger Westen, versucht ganz ohne staatliche Hilfskredite auszukommen. Bisher hat er nur Kurzarbeitergeld 50 Prozent für seine zehn Beschäftigten beantragt. Die Soforthilfe musste aber auch er beantragen, um Liquiditätsengpässe überbrücken: "Das kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Zusätzlich müssen wir unseren vereinbarten Kreditrahmen in Anspruch nehmen, um unsere laufenden Kosten zu decken."

Beratung über Telefon und Mail

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Thies Gudewer berät seine Kunden zurzeit nur online oder am Telefon

Mehrere hunderttausend Euro hat Gudewer nach eigenen Angaben in Garten-Möbel, Grills und Accessoires für seine derzeitige Ausstellung investiert - Geld das ausgegeben ist, ohne im Moment irgendeine Rendite zu bringen. Das Frühjahr ist für ihn die mit Abstand umsatzstärkste Zeit. Wer in Gartenmöbel für die heimische Terrasse investiert, will nicht erst im Herbst darauf sitzen. Gudewer hat deshalb in den vergangenen Tagen versucht, mit individuell vereinbarter Einzelberatung von Kunden doch noch ein wenig Umsatz zu machen: "Wir hatten erfreulicherweise einige Anfragen per Telefon. Die Kunden können wir dann bei uns mehr oder weniger alleine durch die Ausstellung laufen lassen. Im Nachhinein beraten wir sie dann telefonisch oder per Mail."

Große Freude über die Solidarität der Kunden

So unterschiedlich die Lage der verschiedenen Unternehmen auch ist, alle sind überrascht und erfreut über die große Solidarität ihrer Kunden. Es wird viel Trost gespendet und oft auch nach Wegen gesucht, die Umsatzeinbrüche der vergangenen Wochen ein wenig auszugleichen. Thies Gudewer erzählt: "Ich hatte eine Kundin, die gefragt hat, ob sie Gutscheine bei uns kaufen kann, wir würden das Geld doch brauchen. Also wir haben eine sehr positive Resonanz aus dem Kundenkreis. Das bringt Spaß, das freut einen sehr und macht Mut."

Blumenhändlerin Schramm: "Da geht uns das Herz auf"

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Heike Schramm (l.) und ihre Kollegin freuen sich sehr, dass sie ihren Blumenladen wieder öffnen dürfen

Hotelier van Riesen sagt, in den vergangenen Wochen gebe es – anders als sonst – kaum eine Stornierung, die nicht ein paar tröstende Worte beinhalte. Vor ein paar Tagen hätte ein Kunde sogar 100 Euro Trinkgeld überwiesen, für ein Zimmer, das er gleichzeitig stornierte. Und bei Blumenhändlerin Heike Schramm wurde die Hilfe noch konkreter: "Ein Kunde legte uns einfach 400 Euro hin und sagte: 'Morgen ist der Erste. Ihr braucht die Miete, bitte hier nimm!' Ich habe gesagt: 'Nee, das kann ich nicht annehmen."'Und er meinte dann 'Nimm das!' Das hätten wir nie so gedacht. Da geht uns wirklich das Herz auf."

Noch kein Ende in Sicht

Bei aller Solidarität, die Mittelständler hoffen, dass es jetzt irgendwann wieder weitergeht, dass sie endlich wieder aufmachen können - unter welchen Bedingungen auch immer. Am schlimmsten sei, so sagt Gudewer, dass nichts absehbar sei: "Wir haben keine Perspektive außer dem, was wir aus Funk und Presse hören. Ich würde gerade mit weiteren vier Wochen rechnen, also Ende Mai. Das ist natürlich unerfreulich, aber es nützt ja nix."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 06.04.2020 | 07:40 Uhr

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