Stand: 12.07.2020 14:45 Uhr

Häusliche Gewalt: Uneinheitliches Bild im Norden

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Häusliche Gewalt: Ein gesichertes Gesamtbild für Deutschland wird es laut Bundesfamilienministerium erst im November geben.

Seit Beginn der Corona-Krise sind in einigen Bundesländern mehr Fälle von häuslicher Gewalt gemeldet worden. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den zuständigen Ministerien und Behörden der Länder ergeben. Ein gesichertes Gesamtbild für Deutschland wird es laut Bundesfamilienministerium erst im November geben. Wie Wissenschaftler der TU München jüngst herausfanden, sollen Frauen in Quarantäne und bei akuten finanziellen Sorgen während der Krise verstärkt Gewalt erfahren haben.

Mehr häusliche Gewalt in Hamburg und Berlin

In Hamburg verzeichnete die Polizei in den Monaten Januar bis Juni 2020 eine höhere Zahl an Delikten im Bereich der Beziehungsgewalt, nämlich 2.252 Fälle im Vergleich zu 1.812 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Polizei rechnet mit einer weiterhin ansteigenden Fallzahl, da Straftaten aus diesem Bereich des Öfteren mit Zeitverzug anzeigt würden. Sichere Ergebnisse liefere daher erst die Jahresauswertung der polizeilichen Kriminalstatistik.

Auch in Berlin ist es nach Einschätzung von Justiz und Rechtsmedizin zu einem deutlichen Anstieg an Gewalttaten zu Hause gekommen. Zum Höhepunkt der Lockerungen im Juni 2020 habe die Berliner Gewaltschutzambulanz zum Beispiel einen Anstieg von 30 Prozent der Fälle im Vergleich zum Juni 2019 verzeichnet.

Ausgelastete Frauenhäuser in Bremen

In Bremen ist nach Informationen des Justizressorts anhand der bei der Staatsanwaltschaft eingehenden Verfahrenszahlen im Bereich "Häusliche Gewalt" kein Anstieg der Fälle zu erkennen. Gleichwohl verzeichnen die Frauenhäuser laut der Gesundheitssenatorin seit Mitte Juni eine erhöhte Nachfrage: Die Auslastung der Plätze liege derzeit bei über 100 Prozent.

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Mehr Straftaten in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern erfasste die Polizei in den Monaten März bis Mai 2020 deutlich mehr Vorgänge und Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt als im Vorjahreszeitraum - im April waren es sogar doppelt so viele, wie die Landesregierung mitteilte. Im Frauenschutzhaus Rostock sei eine kurzzeitige Überbelegung durch zusätzliche Plätze in einem Hostel ausgeglichen worden.

Rückläufige Zahlen in Niedersachsen

Niedersachsen hingegen registrierte wie Nordrhein-Westfalen nach eigenen Angaben rückläufige Zahlen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Wie das Justizministerium Niedersachsen mitteilte, gab es in den Monaten von März bis Mitte Mai einen Rückgang der Fallzahlen um 11,7 Prozent. In Nordrhein-Westfalen waren es nach Angaben des Innenministeriums sogar 21 Prozent.

Bislang kein Anstieg in Schleswig-Holstein

Das Innenministerium in Schleswig-Holstein wies darauf hin, dass die Corona-Situation das Anzeigeverhalten stark beeinflusse: So habe es in den vergangenen Monaten weniger Sozialkontrolle durch Schule, Freunde, Verwandte, Ärzte und Betreuer gegeben. Es sei grundsätzlich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, die statistische Erfassung der Fälle von häuslicher Gewalt sei grundsätzlich nur bedingt möglich, teilte auch das Sozialministerium des Saarlandes mit.

In Schleswig-Holstein und im Saarland ist den Angaben der Ministerien zufolge genau wie in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und den anderen Ländern bislang kein Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt verzeichnet worden - oder es lagen zum aktuellen Zeitpunkt keine aussagekräftigen Daten vor.

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