Eine Frau führt einen Rachenabstrich durch. © Colourbox Foto: laurentiu iordache

Steigt die Zahl der Corona-Fälle, weil mehr getestet wird?

Stand: 01.10.2020 06:06 Uhr

Dreimal so viele Tests wie im Frühjahr und gleichzeitig steigende Neuinfizierten-Zahlen: Gibt es einen Zusammenhang? Experten bezeichnen die Frage nach der Höhe der Dunkelziffer als "Millionen-Frage".

von Anja Martini, Marvin Milatz

Es ist nur ein Gedankenspiel, zeigt aber einen wichtigen Punkt in der Debatte um die Stichhaltigkeit der Corona-Zahlen: Wollte man wissen, wie viele Corona-Infizierte es in Deutschland wirklich gibt, müsste man an einem Tag die gesamte Bevölkerung testen. Nur dann ließe sich eine repräsentative Aussage über die Größe einer vermeintlichen zweiten Welle treffen, dann gäbe es keine Dunkelziffer und es ließe sich eine zentrale Frage vollständig klären: Lässt sich der jüngste Anstieg der Infizierten-Zahlen damit erklären, dass die Zahl der Tests stark gestiegen ist?

Fakt ist: Betrachtet man die Entwicklung der gemeldeten Fälle, steigt die Zahl der Neuinfektionen seit Kalenderwoche 29, also seit der Woche ab dem 13. Juli, wieder an. Dieser Anstieg beschleunigt sich langsam, aber zunehmend. Inwiefern ist die Zahl der Testungen, die in den vergangenen zwei Monaten von mehreren 100.000 auf rund eine Million Tests pro Woche angestiegen ist, dafür verantwortlich?

Die "Million-Dollar-Question"

Die kurze Antwort darauf ist: Man weiß es nicht. Die Hypothese lautet: Je mehr getestet wird, desto niedriger müsste die Dunkelziffer liegen. "Natürlich ist es so, dass, wenn ich dreimal mehr teste, auch mehr Menschen finde, die infiziert sind", sagt Dirk Brockmann. Als Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität in Berlin beschäftigt er sich mit statistischen Modellierungen von Epidemien und forscht auch am Robert Koch-Institut (RKI). Wie stark dieser Effekt sich allerdings bemerkbar mache, das könne derzeit niemand verlässlich sagen. Eine Aussage, die alle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, mit denen der NDR für diese Recherche sprach, grundsätzlich teilen. Ein Forscher bezeichnete die Frage nach der Höhe der Dunkelziffer sogar als "Million-Dollar-Question".

RKI-Daten sind nicht für solche Aussagen gemacht

Das Problem: Die Daten, die das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht, lassen Berechnungen, die dafür nötig wären, gar nicht zu. Ihr Zweck ist nicht, eine repräsentative Aussage zu treffen, sondern als Alarmanlage zu fungieren: Bricht die Pandemie irgendwo aus, müssen Behörden schnell reagieren können, um die Bevölkerung zu schützen. Jede wissenschaftliche Studie wäre dafür zu langsam. Genauso falsch wäre es aber, aus den RKI-Daten Ergebnisse wie den Zusammenhang zwischen der Zahl der Testungen und der Zahl der Corona-Neuinfektionen berechnen zu wollen. Dafür sind die Daten nicht verlässlich genug. "Man darf die Daten nicht überinterpretieren", warnt Jürgen May, Professor für Epidemiologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

Fallzahlen steigen auch bei konstanten Testzahlen

Nimmt man allerdings weitere Faktoren in die Betrachtung mit auf, zeigen sich durchaus gute Gründe, von einem erneuten Anstieg der Fallzahlen auszugehen.

So steigen - und sinken - die Fallzahlen auch in Phasen, in denen die Zahl der wöchentlichen Tests relativ konstant bleibt. Gerade in den vergangenen sieben Wochen, seitdem die Zahl der pro Woche durchgeführten Tests bei circa einer Million liegt, kann man einen erneuten Anstieg feststellen. Auch das Verhalten der Menschen spricht für einen erneuten Anstieg: Sie gehen wieder zur Arbeit, treffen sich privat in großen Gruppen und reisen wieder - wenn auch eher ins europäische Ausland, statt auf andere Kontinente. Nur: In Deutschlands Nachbarländern steigen die Fallzahlen ebenfalls wieder deutlich an.

"Wir wissen nicht, wer getestet wird"

Belastbarere Aussagen über die Beziehung zwischen der Zahl der Tests und der der Neuinfizierten lassen sich aus Sicht der Forscher aber nicht treffen. So wüssten die Wissenschaftler beispielsweise nicht, wie viele Menschen ein zweites oder drittes Mal getestet würden, sagt Professor May vom Bernhard-Nocht-Institut. Auch könne es sein, dass übermäßig viele ältere Menschen getestet würden, da sie - als Risikogruppe - eher bereit seien, sich testen zu lassen, als etwa Menschen, die an Verschwörungstheorien glaubten. All das seien Fragen, die sich nicht beantworten ließen, sagt May. "Und deswegen kann ich auch keine echte Berechnung über die vermutete Zahl der Infizierten in ganz Deutschland durchführen."

Teststrategie beeinflusst Höhe der Dunkelziffer

In den RKI-Daten zeigt sich allerdings, wie sich eine geänderte Teststrategie auf die Fälle auswirken kann, die man findet: Während der ersten Welle im Frühjahr wurden nur Menschen getestet, die Symptome zeigten. Die Positivenquote - also der Anteil positiver Tests an allen Tests - lag damals bei bis zu neun Prozent. Mit der Möglichkeit, sich auch ohne Symptome testen zu lassen und mit Pflichttests für Rückkehrer aus Risikogebieten, sank die Positivenquote im weiteren Verlauf der Pandemie erheblich.

Liegt die Dunkelziffer der Infizierten in der Gesamtbevölkerung momentan also tatsächlich niedriger und lässt sich der Verlauf der Pandemie daher besser beschreiben? "Diese Vermutung liegt nahe", sagt Physiker Brockmann. "Wenn ich nur Menschen mit Symptomen teste, wie zu Beginn der Pandemie der Fall, dann entwischen mir die ganzen asymptomatischen Verläufe - und die gehören zur Dunkelziffer."

"Pandemie-Verlauf gleicht einem Schwelbrand"

Es spricht also einiges dafür, dass die derzeitige breite Teststrategie ein realistischeres Bild der Pandemie zeichnet als noch im Frühjahr, als die Testungen eingeführt wurden um Schlimmeres zu verhindern. Wobei auch hier weiterhin unbekannt ist, wie stark dieser Effekt ist. So ist es auch weiterhin verfrüht, Entwarnung zu geben: Zwar blieb das explosive Wachstum der Fallzahlen bisher aus, die zweite Welle gleicht eher einem Plateau. Doch der Physiker Brockmann vergleicht die aktuelle Situation mit einem Schwelbrand, der jederzeit wieder auflodern kann: "Ich glaube, dass ein Plateau, das sich über Monate hinwegzieht, ebenso gefährlich ist wie eine zweite Welle."

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