Stand: 25.02.2014 20:31 Uhr  | Archiv

Einbrüche: Mangelnde Spurensicherung

von Jörg Hilbert, Linda Luft & Pippa Nachtnebel

Ein Einbruch in Haus oder Wohnung ist für die Opfer ein traumatisches Erlebnis. Da ist ein Fremder in eine Privatsphäre eingedrungen, hat alles durchwühlt und oft auch ganz persönliche Dinge gestohlen. Vom Familienschmuck bis zum Laptop, nichts, was sich schnell abtransportieren und zu Geld machen lässt, ist vor den Tätern sicher. Dabei gehen die Einbrecher oft rücksichtslos vor, verwüsten ganze Häuser. Hinter Einbruchserien stecken auch organisierte Banden, die ganze Dörfer heimsuchen. Und auch in den Städten haben Einbrecher oft ein leichtes Spiel. Viele Wohnungen sind immer noch viel zu wenig gesichert, die Mieter kennen einander oft kaum. Da fällt es nicht auf, wenn jemand Fremdes durchs Treppenhaus eilt.

VIDEO: Einbrüche: Mangelnde Spurensicherung (6 Min)

Geringe Aufklärungsquote - geringes Risiko

Das Risiko für die Täter nach einem Einbruch erwischt zu werden ist gering. Bundesweit lag die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen 2012 gerade einmal bei 15,7 Prozent. Zwei norddeutsche Länder schneiden noch schlechter ab: Schleswig-Holstein und Hamburg. In Schleswig-Holstein lag die Aufklärungsquote 2012 bei 11,3 Prozent. In Hamburg betrug die Aufklärungsquote im Jahr 2013 sogar nur 7,2 Prozent.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) führt die desolaten Aufklärungsquoten auch auf die mangelhafte Sicherung und Auswertung von Spuren an Tatorten zurück. Dazu Jan Reinecke, Landesvorsitzender des BDK Hamburg: "Es besteht erheblicher Verbesserungsbedarf im Bereich der Spurensicherung als auch in der Vernetzung der Informationen, bzw. im Abgleich von Daten mit anderen Ländern, der auch dazu führen könnte, Serien zu erkennen, Täterstrukturen zu erkennen."

Spurensicherung? Fehlanzeige!

Mangelnde Spurensicherung
Verängstigte Opfer: Ein Ehepaar, bei dem eingebrochen wurde.

In Schleswig Holstein müssen sogar Schutzpolizisten Spuren sichern, viele Tatorte werden erst gar nicht von der Spurensicherung begutachtet. Ein kostengünstiges Modell, das sich am Ende dann eben auch in einer geringen Aufklärungsquote niederschlägt.

Das musste auch ein älteres Ehepaar in Ahrensburg erfahren. Die beiden sind vier Monate nach dem Einbruch immer noch verängstigt, wollen nicht, dass ihr Name veröffentlicht wird. Ihr Einfamilienhaus liegt in einer ruhigen Wohnsiedlung. Bis zu dem Einbruch haben sie sich hier immer sicher gefühlt. Dann passiert es am helllichten Tag. Blitzschnell schlagen die Täter zu. Das Ehepaar hatte nur für etwas anderthalb Stunden das Haus verlassen. Als der Mann zurück kommt, bietet sich ein Anblick der Verwüstung. Schubladen aufgerissen, Schranktüren aufgebrochen. Die Täter haben Schmuck und Elektronikgeräte im Wert von rund 10.000 Euro mitgehen lassen. Gefasst wurden sie bis heute nicht.

Polizei widerspricht

Zwar hat die Polizei den Einbruch aufgenommen, doch nach Spuren, die zum Täter führen könnten, hat sie offenbar nicht gesucht. Der Pensionär ist sich sicher, die Polizeibeamtin habe gesagt, die Täter würden mit Handschuhen arbeiten, deshalb nehme man keine Fingerabdrücke. Die Polizeidirektion Ratzeburg widerspricht und erklärt gegenüber Panorama 3, dass "durch die aufnehmenden Beamten eine Spurensuche stattgefunden" habe.

Es seien "Hebelspuren an einem Fenster festgestellt und durch Ausmessen und Fotografie gesichert worden". Weitere auswertbare Spuren seien nicht gefunden worden.  Zudem sei "eine Spurensuche und damit einhergehend die Spurensicherung (...) bei der Tatortaufnahme obligatorisch".

Auftrag zur Spurensicherung 3 Tage später

Mangelnde Spurensicherung
Chaos nach einem Einbruch: Wenn die Betroffenen erst einmal aufgeräumt haben, ist es für eine ordentliche Spurensicherung längst zu spät.

Den Vorwurf, man betreibe keine konsequente Spurensicherung, will man auch in Hamburg nicht auf sich sitzen lassen. Panorama 3 durfte die Spurensicherung einen Tag bei der Arbeit begleiten. Florentine Pawlowski arbeitet seit zehn Jahren bei der Spurensicherung, kennt die Abläufe ganz genau: "Nach einem Einbruch wird als erstes die Schutzpolizei gerufen, dann kommt die Kriminalpolizei. Dann wird entschieden, inwiefern die Spurensicherung zum Einsatz kommt", erklärt sie uns.

Heute geht es zu einem Tatort nach Billstedt. Das betroffene Ehepaar ist aufgebracht. Die Täter sind durchs Küchenfenster eingebrochen, haben vom Keller bis zum Schlafzimmer alles durchwühlt und den gesamten Schmuck geklaut. "Die Polizei war hier und hat alles aufgenommen", erzählt die Frau. "Dann haben sie gesagt, die Spurensicherung kommt heute sowieso nicht mehr, wir könnten sauber machen. Das haben wir natürlich getan."

Das war am vergangenen Freitag. Erst heute, drei Tage später, hat Florentine Pawlowski den Auftrag bekommen, die Spuren zu sichern. Oder zumindest das, was davon übrig ist. "Wenn ich den Auftrag bekomme, fahre ich hin und sichere die Spuren. Warum das erst heute passiert ist, kann ich nicht erklären."

Hamburger Polizei spricht von einem Einzelfall

Mirko Streiber © NDR
Polizei-Pressesprecher Mirko Streiber geht von einem Einzelfall aus.

Auch der Pressesprecher der Hamburger Polizei, Mirko Streiber, spricht gegenüber Panorama 3 von einem Einzelfall. "So soll es eigentlich nicht sein", meint er. Dagegen sieht BDK-Mann Jan Reinecke darin ein Strukturproblem. Man habe in diesem Bereich nicht genügend Personal und sei nicht gut ausgestattet, kritisiert der Polizist.

In Hamburg will man jetzt handeln. Das Landeskriminalamt wurde umstrukturiert, größere Einheiten an weniger Standorten sollen sich künftig einen besseren Überblick über Tätergruppen und Tatorte verschaffen. Eine eigene Zentralstelle für Einbruchdelikte soll die Arbeit der einzelnen Standorte koordinieren und soll auch nach reisenden Tätergruppen fahnden. Dafür soll auch die länderübergreifende Zusammenarbeit verbessert werden.

Niedersachsen macht es besser

Wichtiger Bestandteil bei der Erhöhung der Aufklärungsquoten bleibt aber auch weiterhin die Sicherung und Auswertung von Spuren am Tatort. Niedersachsen geht dabei seit 2005 konsequent vor. Und konnte damit immerhin im Jahr 2012 eine Aufklärungsquote von beinahe 25 Prozent vorweisen. An jedem Tatort, so die Maßgabe, sollen in Niedersachsen möglichst umfassend Spuren gesichert und Nachbarn als mögliche Zeugen befragt werden. Damit hat auch Mecklenburg-Vorpommern Erfolg. Dort konnten 2012 stolze 33,1 Prozent der Einbrüche aufgeklärt werden.

Hamburg und Schleswig-Holstein hingegen sind davon noch weit entfernt. Doch darin dürften sich zumindest alle einig sein: Die Aufklärungsquoten beim Wohnungseinbruchdiebstahl müssen steigen. Was das kosten darf, das bleibt die offene Frage.

 

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 25.02.2014 | 21:15 Uhr

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