Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten: "Wir müssen die überzeugen, die nicht geimpft sind"

Stand: 28.09.2021 17:00 Uhr

Die Sehnsucht nach Normalität in Deutschland ist groß, aber der Weg raus aus der Pandemie ist noch weit. Hauptgrund dafür sind die Impflücken, sagt Virologe Christian Drosten in der neuen Podcast-Folge des Coronavirus-Update.

von Michael Latz

Mit einem Countdown wie zu Silvester wurde am vergangenen Wochenende in manchen Clubs und Bars in Hamburg das Ende der Masken-Pflicht gefeiert. Es darf wieder ohne Masken getanzt werden, vorausgesetzt die Besucherinnen und Besucher haben einen ausreichenden Impfschutz oder haben eine Infektion mit dem Corona-Virus nachweislich überstanden. In immer mehr Bundesländern bringt die 2G-Regelung Freiheiten zurück, die viele Menschen seit Anfang 2020 schmerzlich vermisst haben. Ist das Ende der Pandemie in den nächsten Monaten also absehbar?

Mitte Oktober in die nächste Infektionswelle

Christian Drosten von der Berliner Charité hält ein anderes Szenario vorerst für wahrscheinlicher: Nach seiner Einschätzung steuert Deutschland auf eine neue Infektionswelle zu. Zwar zeige der Trend bei den Neuinfektionen mit dem Corona-Virus noch nach unten, aber es gebe erste besorgniserregende Anzeichen: "Man sieht bereits jetzt, dass in den ostdeutschen Bundesländern die Inzidenz wieder Fahrt aufnimmt. Ich denke, da deutet sich die Herbst- und Winterwelle an, die wir im Oktober wohl wieder sehen werden."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Die Wissenschaft hat geliefert (79 Min)

Großbritannien: Viele Ansteckungen unter Schülern und deren Eltern

Im Jahr 2020 hatte der exponentielle Anstieg der Infektionen Mitte Oktober begonnen - damals aber noch ohne Impfschutz. Inzwischen sind 64 Prozent der Deutschen vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das klingt nach viel, ist aber im Vergleich mit manchen europäischen Nachbarn ein geringer Wert.

Auch ein Blick nach Großbritannien bestärkt Virologe Drosten in seiner Einschätzung. Dort gibt es inzwischen zwar deutlich weniger Infektionen in der Gruppe der jungen Berufstätigen und Studierenden. Unter Schülerinnen, Schülern und deren Eltern aber häufen sich die Ansteckungen wieder. "Die Schulen laufen voran und die Eltern-Jahrgänge ziehen nach in der Inzidenz. Glücklicherweise haben wir dort bei den Eltern-Jahrgängen eine ganz ordentliche Impfquote und wir haben dort auch im Gegensatz zu Deutschland sehr viele überstandene Infektionen in diesen Altersgruppen, so dass wir nicht erwarten müssen, dass das mit einer drastischen Zunahme der Krankenhaus-Belegung einhergeht."

Deutschland: Noch große Impflücken bei Jugendlichen

Welche Rolle die deutschen Schulen in der kommenden Infektionswelle spielen werden, lässt sich derzeit nur schwer abschätzen. Zu unterschiedlich sind die Testkonzepte und die Pläne zum Umgang mit Infektionen in den einzelnen Bundesländern. Hinzu kommen große Impflücken, denn die Ständige Impfkommission rät hierzulande erst seit Mitte August zu einer Impfung von Kindern und Jugendlichen zwischen 12 Jahren und 17 Jahren. Mit einem unkontrollierten Infektionsgeschehen an den Schulen rechnet Virologe Drosten zwar nicht - aber mit einem schwierigen Abwägungsprozess zwischen dem Wunsch, die Kinder zu schützen, und dem Bedürfnis, die Schulen offen zu halten.

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Booster-Impfungen für Ältere sinnvoll

Mit der viel diskutierten Auffrischungsimpfung, der sogenannten Booster-Impfung, wird sich eine neue Infektionswelle wohl nicht verhindern lassen. Das zeigen Erfahrungen aus Israel, wo Geimpfte seit dem Sommer eine dritte Dosis bekommen. Sie erhöht zwar den individuellen Schutz vor schweren Covid 19-Verläufen, aber das Risiko Corona-Viren weiterzuverbreiten, sinkt nach Drostens Einschätzung offenbar nur für kurze Zeit. Die Booster-Impfung könnte die neue Welle also allenfalls etwas abmildern.

Wichtiger sei die Rolle der Booster-Impfung beim Schutz von Älteren: "Das ist gerade in Situationen wie in Altersheimen gut. Damit würde man Ausbrüche im kommenden Winter verhindern." Bisher gibt es in Deutschland keine allgemeine Empfehlung für eine Auffrischungsimpfung, auch nicht für Ältere. Stattdessen rät die Stiko nur besonders gefährdeten Personen wie etwa Menschen mit geschwächtem Immunsystem dazu.

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Impfungen senken offenbar Long-Covid-Risiko

Viele Studien haben in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, dass eine Corona-Impfung vor schweren Krankheitsverläufen schützt. Für eine Impfung spricht für den Berliner Virologen auch, dass es nach wie vor kaum Möglichkeiten gibt, Erkrankte frühzeitig mit Medikamenten zu behandeln: "Das große Problem ist, dass man mit der Verabreichung von Medikamenten fast immer schon zu spät kommt", erklärt Drosten im NDR Info Podcast.

Außerdem deutet eine Studie aus England daraufhin, dass die Impfung auch bei einem Impf-Durchbruch das Risiko senkt, unter den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion zu leiden, dem sogenannten Long Covid. Demnach ist das Risiko für Geimpfte nur halb so groß ist wie für Menschen ohne Impfschutz. In der Studie wurden die Angaben ausgewertet, die 1,2 Millionen Menschen nach einer Impfung per App gemacht hatten. Als Long-Covid-Symptome werden langanhaltendes Fieber, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit gewertet. Allerdings schränkt Virologe Drosten ein, dass über die langfristigen Folgen einer Corona-Infektion insgesamt noch immer zu wenig bekannt ist.

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Drosten: Weit entfernt von dänischen Verhältnissen

Wie die Corona-Pandemie in den kommenden Monaten in Deutschland verlaufen wird und wann endlich ein Ende absehbar sein wird, hängt für Christian Drosten allein von der Impfbereitschaft ab. Gerne fiel der Blick in den vergangenen Wochen nach Dänemark, wo alle Corona-Beschränkungen aufgehoben sind. Aber zwischen Deutschland und Dänemark liegen aktuell Welten, rechnet Virologe Drosten vor: "Die Zahlen sehen übel aus. Wenn wir allein auf das Niveau von Dänemark kommen wollten, also eine Impfquote von 75 Prozent vollständig Geimpfter, dann wären das bei uns mehr als neun Millionen Menschen, die man noch impfen müsste. Das würde im Moment 90 Tage dauern, nur um es zu verimpfen."

Erst zum Jahresende also würde Deutschland ein Impfniveau erreichen, das die Dänen in der infektionsarmen Sommerzeit zu Lockerungen veranlasst hat. Weitere Lockerungen wird sich Deutschland daher auf absehbare Zeit nicht leisten können. Nicht solange die Impfungen nicht vorankommen: "Das gesamtgesellschaftliche Ziel muss sein, die Impflücken zu schließen. Man muss diejenigen, die nicht geimpft sind, überzeugen sich impfen zu lassen", ist Christian Drosten überzeugt. "Und das ist eine Aufgabe, die keine wissenschaftliche Aufgabe mehr ist."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 28.09.2021 | 17:00 Uhr

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