Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten: "Schnelltests sind wohl weniger zuverlässig als gedacht"

Stand: 13.04.2021 18:00 Uhr

In der neuen Folge des Podcasts Coronavirus-Update weist der Virologe Christian Drosten darauf hin, dass Antigen-Schnelltests die ersten Tage einer Infektion wohl noch weniger zuverlässig erkennen können als gedacht. Deshalb bieten sie nur eine trügerische Sicherheit - etwa bei Einlasskontrollen im Theater.

von Marc-Oliver Rehrmann

Die am Dienstag im Bundeskabinett beschlossene verbindliche Notbremse hält Drosten für nicht ausreichend, um die angespannte Lage in den Krankenhäusern zu entschärfen. "Ich erwarte nicht, dass man damit die Situation in der Intensivmedizin kontrollieren kann", sagt Drosten. "Ich denke, dass man da in allernächster Zeit nochmal anders reagieren muss." Es sei momentan eine sehr schwierige Situation in der Intensivmedizin - auch auf Grund des "massiven Mangels an Pflegepersonal".

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Testpflicht am Arbeitsplatz ist ein wirksames Werkzeug

Die Testpflicht am Arbeitsplatz hält der Virologe der Berliner Charité für einen ersten richtigen Schritt - auch wenn zwei Tests pro Woche sinnvoller wären als nur eine Testung. "Ich finde es ganz besonders wichtig, dass überhaupt eine Testung vorgeschrieben wird. Das ist ein wirksames Werkzeug." Wichtig sei es aber, auf das positive Ergebnis eines Schnelltests unverzüglich zu reagieren und Isolationsmaßnahmen für die Betroffenen sofort anzugehen, ohne erst das Ergebnis eines folgenden PCR-Tests abzuwarten.

Schnelltests entdecken eine Infektion nur an fünf von acht Tagen

Mit Blick auf Öffnungsstrategien in Deutschland - jetzt und im weiteren Verlauf der Pandemie - betont Drosten die Bedeutung der Antigen-Tests. "Wir brauchen diese Schnelltests unbedingt." Aber er weist zugleich auf eine Schwäche der Schnelltests hin: Sie können - anders als PCR-Tests - eine Infektion auch in der hochansteckenden Phase zu Anfang offenbar oft nicht nachweisen. Dies hätten die praktischen Erfahrungen in den Diagnose-Laboren gezeigt. "Die Schnelltests schlagen erst am Tag eins nach Symptom-Beginn an, da ist man aber schon drei Tage lang infektiös", sagt Drosten. "Wenn man davon ausgeht, dass eine infizierte Person in der Regel acht Tage lang ansteckend ist, heißt das: An fünf von acht Tagen entdecke ich mit dem Antigentest eine Infektion, an drei Tagen werde ich sie übersehen." ." Der Virologe erwartet in den kommenden Monaten auch Studiendaten zu diesem Effekt.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Nicht auf Tests und Impfungen verlassen (99 Min)

Bei Veranstaltungen nicht auf Schnelltests verlassen!

Deshalb sei es gefährlich, sich bei Einlasskontrollen auf das Ergebnis eines Schnelltests zu verlassen - etwa beim Theater- oder Konzert-Besuch, an der Eingangstür eines Restaurants. Wenn ein Schnelltest eine Infektion "übersieht", wird diese Person herumlaufen in der Annahme, dass sie nicht ansteckend ist - und kann so mitunter andere infizieren. "Es ist nicht so simpel, wie es in der Politik dargestellt wird - nach dem Motto: Jetzt kann alles öffnen, weil wir ja die Schnelltests haben." Zwischen 40 Prozent und 60 Prozent der Infektionen werden bei Schnelltests übersehen, so Drosten.

An Schulen machen Antigen-Schnelltests Sinn

Drosten stellt aber auch klar: In Schulen sei der Einsatz von Antigen-Schnelltests trotzdem gerechtfertigt - wenn die Schülerinnen und Schüler mindestens zweimal in der Woche getestet werden. "Selbst wenn bei einer Testung nicht alle Infektionen entdeckt werden, bei der nächsten Testung nach zwei oder drei Tagen werden die Infektionen dann nachgewiesen. In Clustern ist solch ein geringer zeitverzögerter Effekt kein Problem", meint der Virologe. Wichtig sei nur, Infektionen in einem Cluster aufzuspüren, um so die Kontrolle in den Schulen während der Pandemie zu behalten und dann entsprechend schnell mit Cluster-Quarantäne zu reagieren.

Welche Virus-Variante wird nach dem Impfungen dominieren?

Für viele Wissenschaftler stellt sich mit Blick auf die fortschreitenden Impf-Kampagnen schon heute die Frage: Verändert sich bei den wenigen Menschen, die sich nach einer vollständigen Impfung überhaupt noch anstecken, der Anteil bestimmter Coronavirus-Varianten? Dazu gibt es eine neue Studie aus Israel. Vor allem die Rolle der südafrikanischen Variante ist wichtig, da sie als Immune-Escape-Variante gilt. Das heißt: Ihr gelingt es unter Umständen, der Immunantwort des Körpers auszuweichen. "Das südafrikanische Virus hat in Israel im Hintergrund auf der Lauer gelegen, der Anteil liegt bei etwa einem Prozent - ganz ähnlich wie in Deutschland", schildert Drosten die Ausgangssituation. Auch in Israel sei die britische Variante die mit Abstand dominanteste - mit einem Anteil von rund 90 Prozent.

Südafrikanische Variante: In immuner Bevölkerung nur ein harmloses Erkältungsvirus

Zahlen aus Israel zeigen nun: Wenn bei vollständig geimpften Personen per PCR-Test eine Coronavirus-Infektion nachgewiesen wird, dann liegt der Anteil der südafrikanischen Variante bei 5,4 Prozent - und damit um den Faktor 8 höher als bei nicht-geimpften Infizierten. Bei denen lag der Anteil der Südafrika-Variante bei 0,7 Prozent. Mit anderen Worten: "Bei den wenigen Menschen, die sich trotz Impfung infizieren, bleibt ein größerer Rest von Infektionen mit dem südafrikanischen Virus übrig, weil sie fitter ist als andere Varianten." Auf lange Sicht heißt das: In einer vollkommen geimpften Bevölkerung wird sich laut Drosten das südafrikanische Virus weiter verbreiten - und irgendwann werde es wahrscheinlich auch dominieren. "Nur: Dieses Phänomen wird dann in einer immunen Bevölkerung stattfinden, was bedeutet: Wir haben dann ein dominantes, relativ harmloses Erkältungsvirus - obwohl es aus unser heutigen Sicht die böse südafrikanische Variante ist", sagt der Virologe im Podcast von NDR Info.

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NDR Info | 13.04.2021 | 17:00 Uhr

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