Stand: 06.06.2019 16:40 Uhr

"Dieser Högel-Prozess war gut und richtig"

Der frühere Krankenpfleger Niels Högel ist am Donnerstag wegen 85 Morden an Patienten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Landgericht Oldenburg stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest. In 15 Fällen wurde Högel freigesprochen. Seine Schuld sei "unfassbar", sagte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann bei der Urteilsverkündung.

Ein Kommentar von Ulrike Nehls, NDR 1 Niedersachsen

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In dem Prozess in Oldenburg hatte Niels Högel 43 Taten gestanden.

Musste das wirklich sein? Solch ein aufwendiger Prozess mit 30 Zeugen, fünf Sachverständigen, 17 Anwälten? Eine für jeden Prozesstag teuer angemietete Kongresshalle, weil der normale Gerichtssaal für so viele Leute nicht reicht? Und das alles für diesen ehemaligen Krankenpfleger, der bereits in früheren Verfahren wegen Mordes und versuchten Mordes schuldig gesprochen wurde - zu lebenslanger Haft. Dem die besondere Schwere der Schuld bereits bescheinigt wurde und der dafür seit Jahren hinter Gittern sitzt? Und jetzt ein neuer Gerichtsspruch aber ein altbekanntes Urteil: lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld.

Ich sage: Ja, das musste sein. Nein, das hätten wir uns nicht sparen können. Deutschland erhebt den Anspruch ein Rechtsstaat zu sein. Und da geht es nicht nur um die gerechte Strafe für einen Mann, der unfassbar viel Schuld auf sich geladen hat. Und es geht auch nicht nur darum, die Öffentlichkeit vor einem Mörder zu schützen.

Ein Prozess auch für die Hinterbliebenen

Es geht auch um Rechtsfrieden. Unser Rechtssystem blickt ganz bewusst nicht nur auf den Täter, sondern vor allem auf die Opfer. Jeder Hinterbliebene muss sich darauf verlassen können, dass jedes einzelne Verbrechen an seinem Vater, seiner Mutter, seinem Ehepartner aufgeklärt, aufgearbeitet und rechtlich bewertet wird. Die Angehörigen haben ein Recht darauf zu erfahren, wie und vielleicht auch warum ihre Lieben sterben mussten. Nicht in allen Fällen ist dies wirklich gelungen. Richter Bührmann formulierte es heute so: Wir wollten so viel Wahrheit ans Tageslicht bringen wie möglich, aber wir hinterlassen in 15 Fällen Steine statt Brot. Trotz der akribischen Arbeit in diesem Verfahren von Polizei und Staatsanwaltschaft. Es ist nicht in allen Fällen gelungen, weil der angeklagte Niels Högel, aber auch so mancher Zeuge sich nach 19 Jahren nicht mehr erinnern kann oder will.

Hinschauen, nicht wegschauen

Und trotzdem: Dieser neuerliche Prozess war gut und richtig. Er hat eklatante Schwachstellen im System Krankenhaus aufgezeigt: überlastete Pflegekräfte und Ärzte, Leitungen, die wegen des enormen Kostendrucks bei Problemen lieber wegschauen, als die Dinge beim Namen zu nennen. Und es hat sich auch bereits etwas bewegt: In Niedersachsen gibt es jetzt Stationsapotheker, die den Medikamenten-Verbrauch überwachen. Die erweiterte Leichenschau wurde eingeführt, bei der ein Arzt bei äußeren Auffälligkeiten schneller Polizei und Staatsanwaltschaft einschaltet. Und es wurde ein anonymes Melde-System für Verdachtsfälle an den Kliniken etabliert. Und genau das ist der Weg. Hinschauen, nicht wegschauen. Das geht uns alle an. Es ist so bequem, ein Problem zu ignorieren oder weiter zu schieben. Wie fatal die Folgen sein können, zeigt diese Mordserie.

Mehr Pflege-Personal wird gebraucht

Mit einem Appell an Zivilcourage allein ist es in unseren Krankenhäusern jedoch nicht getan. Zeit zum Hinschauen hat nur der Pfleger, die Schwester, die auch Zeit für den Patienten hat. Wenn dieser Prozess uns alle etwas gelehrt hat, dann dies: Wir brauchen mehr Personal in der Pflege. Denn mehr Personal bedeutet auch mehr Sicherheit für die Patienten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 06.06.2019 | 18:38 Uhr

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