Stand: 03.04.2020 13:59 Uhr

Coronavirus: Was sagt die Verdopplungszeit aus?

Daten und Zahlen zum Coronavirus - eine nicht ganz einfache Erhebung.

von Björn Schwentker

Die Verdopplungszeiten in der Corona-Pandemie geben uns Informationen darüber, mit welcher Geschwindigkeit sich das Virus ausbreitet. Auf welcher Datengrundlage der NDR seine Berechnungen anstellt, erklären wir hier.

Die Verdopplungszeit besagt, wie lange es dauert, bis sich die Zahl der Infizierten verzweifacht hat. Je höher die Verdopplungszeit ist, desto langsamer breitet sich das Virus aus. Denn es vergeht mehr Zeit, bis die Fallzahl auf das Doppelte gestiegen ist.

Rechenbeispiele

Ein Beispiel: Gäbe es heute 100 Corona-Infizierte und eine Verdopplungszeit von einer Woche, dann wären es nächste Woche 200 Fälle. In der Folgewoche läge die Fallzahl bei 400, und nach einem Monat schon bei 1.600. Obwohl die Verdopplungszeit gleich bleibt, kommen also immer mehr Erkrankte hinzu.

Läge die Verdopplungszeit in diesem Beispiel bei nur zwei Tagen, wäre das Tempo der Ausbreitung viel höher: Nach nur 8 Tagen wären bereits 1.600 Fälle erreicht. Und nach 4 Wochen (28 Tage) hätte sich die Zahl der Erkrankten bereits 14-mal verdoppelt, und die Fallzahl wäre bereits auf 1.638.400 hochgeschnellt.

Ein sogenannter exponentieller Verlauf mit Fallzahlen, die quasi "explodieren", ist typisch für die Anfangsphase einer Epidemie oder Pandemie.

Die Verdopplungszeit und das Gesundheitssystem

Die Verdopplungszeit ist also entscheidend dafür, wie viele Menschen noch krank werden, ins Krankenhaus kommen, dort intensivmedizinisch versorgt werden müssen - und zu einem bestimmten Prozentsatz auch sterben. Wenn sich die Zahl der Infizierten zu schnell verdoppelt, kann das Gesundheitssystem überlastet werden oder zusamenbrechen.

Wie rechnet der NDR?

Der NDR verzichtet bewusst auf eine tägliche Berechnung und bezieht die Wochenenden nicht in die Berechnung mit ein, um Verzerrungen zu minimieren, die aus zum Teil erheblichen Schwankungen der Fallzahlen entstehen - besonders an Wochenenden. Denn dann melden die Gesundheitsämter in der Regel keine Fallzahlen an die zuständigen Behörden.

Für die fünf Werktage einer Woche bestimmt der NDR den exponentiellen Verlauf, der am besten zu den Fallzahlen dieser fünf Tage passt (sogenannter "Fit"). Aus diesem Kurvenverlauf berechnet sich die Verdopplungszeit (je flacher die Kurve, umso größer die Verdopplungszeit).

Die jüngste veröffentlichte Verdopplungszeit ist immer die der Vorwoche. Zudem veröffentlicht der NDR seine Verdopplungszeiten erst in der zweiten Hälfte der laufenden Woche, da das RKI in den ersten Tagen der Woche noch viele Fälle aus der vergangenen Woche nachmeldet. Beachtet man diese Nachmeldungen nicht, gäben die Verdopplungszahlen nicht das tatsächliche Tempo der Pandemie wieder.

Auf welchen Daten basieren die NDR-Berechnungen?

Die Fallzahlen stammen vom Robert Koch-Institut (RKI). Das institut veröffentlicht sie regelmäßig unter anderem in einem interaktiven Dashboard.

Dem RKI werden von den lokalen Gesundheitsämtern gemäß Infektionsschutzgesetz alle laborbestätigten Krankheitsfälle gemeldet. Das Institut prüft die Meldungen und veröffentlicht sie unter Angabe des Meldedatums beim lokalen Gesundheitsamt.

Das Meldedatum des lokalen Gesundheitsamtes ist der Tag, an dem die örtliche Behörde von der Infektion erfahren hat. Es ist die bestmögliche Annäherung an den tatsächlichen Zeitpunkt der Infektion. Viele Infizierte werden dem RKI von den lokalen Gesundheitsämtern erst mit einigen Tagen Zeitverzug gemeldet. Das RKI weist jedoch alle Meldungen, auch die mit Zeitverzug, immer dem richtigen Meldedatum zu. Nach einigen Tagen Wartezeit sind die Fallzahlen der einzelnen Tage dann (fast) vollständig.

Deshalb wartet der NDR fünf oder mehr Tage, bis er mit den Fallzahlen des RKI aus der Vorwoche rechnet. Vergleichsrechnungen des NDR zeigen, dass die RKI-Zahlen, die bereits ausreichend viele Nachmeldungen enthalten, tendenziell über den Fallzahlen der Johns Hopkins University (JHU) liegen, die oft für die Darstellung der Pandemie-Dynamik und die Berechnung von Verdopplungszahlen herangezogen werden. (Im März 2020 überstiegen die RKI-Fallzahlen die der JHU um mehr als 3.000 Fälle pro Tag.)

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In Zeiten steigender täglicher Neuerkrankungen bleiben die JHU-Zahlen immer stärker hinter den beim RKI gemeldeten Infizierten zurück. Deshalb fallen auf Basis von JHU-Daten berechnete Verdopplungszeiten zu hoch aus. Das führt dazu, dass das Tempo der Pandemie, und damit deren Gefahr, unterschätzt wird.

Welche Annahmen stecken in den NDR-Berechnungen?

Die Berechnungsmethode des NDR beruht auf der Annahme, dass die Kurve der Fallzahlen - und damit die Ausbreitung des Virus - tatsächlich einen exponentiellen Verlauf nimmt. Dies ist in der Epidemiologie, besonders in der Anfangsphase einer Pandemie, der übliche Ansatz. Denn stark infektiöse Erreger wie das neuartige Coronavirus übertragen sich anfangs im Mittel auf (deutlich) mehr als eine weitere, bisher gesunde Person. Das führt automatisch zu einem exponentiellen Fallzahlanstieg.

Warum liest man anderswo meist längere Verdopplungszeiten?

Andere Medienhäuser, etwa die "Süddeutsche Zeitung" oder "ZEIT Online", berechnen tagesaktuelle Verdopplungszeiten auf Basis einer Vielzahl verschiedener Datenquellen (unter anderem JHU). Diese Verdopplungszeiten liegen zum Teil deutlich höher als die des NDR - das Ausbreitungstempo der Pandemie wird dort also niedriger eingeschätzt.

Eine Ursache dafür könnte sein, dass die zugrunde liegenden Falldaten, wie etwa die der JHU, nicht genau den örtlichen Meldetagen der Infektionen zugeschrieben sind, und so die Infiziertenzahlen und deren Anstieg als zu niedrig darstellen. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus wird in Zeiten steigender täglicher Neuerkrankungen unterschätzt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info | 03.04.2020 | 14:00 Uhr