Stand: 31.03.2020 13:40 Uhr

Analyse: So wirkt die Kontaktsperre im Norden

von S. Eckert, J. Strozyk, S. Wörpel
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Auch am Jungfernstieg in Hamburg sind in diesen Tagen viel weniger Menschen unterwegs als in Vor-Corona-Zeiten.

Seit gut einer Woche gelten auch in Norddeutschland umfassende Kontaktbeschränkungen in der Öffentlichkeit. Das Gebot der Stunde lautet: Bleiben Sie möglichst zu Hause! So soll die zuletzt rasante Ausbreitung des Coronavirus abgeschwächt werden. Eine Datenanalyse zeigt nun, dass die Vorgabe der Politik vor allem in Hamburg und Bremen gut befolgt wird. Dort wurden zuletzt deutlich weniger Menschen an öffentlichen Orten gezählt als vor der Krise. Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegen im bundesweiten Vergleich im Mittelfeld.

300 Orte im Norden ausgewertet

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung verschiedener Datensätze, die Reporter von NDR und WDR gemeinsam mit Betreibern der Seite everyonecounts.de durchgeführt haben. Für den Norden umfasst die Analyse mehr als 300 Orte, jeder davon bietet Informationen von mindestens zwei Tagen, einige sogar Daten über mehrere Monate.

Kontaktsperre: Leere Fußgängerzonen in Hamburg

Besonders stark zurück geht das öffentliche Leben demnach in Fußgängerzonen und Einkaufszentren. In der Hamburger Innenstadt um die Straßen Große Bleichen, Neuer Wall, Spitalerstraße, und Jungfernstieg registrierten die dort angebrachten Mess-Stationen in den vergangenen zwei Wochen im Schnitt pro Tag rund 22.000 Menschen weniger. Das bedeutet, dass im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Zahl der Passanten dort um etwa 80 Prozent zurückgegangen ist.

Hannover: Viel weniger Fußgänger in der City

In Hannover werden Fußgänger in der Großen Packhofstraße, der Karmarschstraße und der Georgstraße erfasst. Die Messungen zeigen für die zurückliegenden zwei Wochen einen Rückgang von mehr als 33.000 Fußgängern pro Tag. Das heißt: Drei von vier Menschen bleiben - im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten - weg. In den Innenstädten sind meist mehrere Mess-Stationen aufgestellt. Es ist daher wahrscheinlich, dass einzelne Passanten doppelt gezählt werden.

Nichts los in den Einkaufszentren

Noch deutlicher sieht der Rückgang bei den Einkaufszentren aus, deren Geschäfte zum großen Teil geschlossen sind. Das zeigt eine Stichprobe am vergangenen Wochenende: Den Braunschweiger Schloss-Arkaden blieben am Sonnabend neun von zehn Besuchern fern. Ähnliche Werte ergaben sich bei der City-Galerie in Braunschweig und im Sophienhof in Kiel.

Wegen Coronavirus kaum Reisende an Bahnhöfen

Auch an Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen ist der Publikumsverkehr in den vergangenen Tagen regelrecht eingebrochen. Am Bahnhof Uelzen wurde am Wochenende nur ein Fünftel der Reisenden registriert - im Vergleich mit dem üblichen Aufkommen. Ebenso groß war der Einbruch am Hauptbahnhof Hannover. Auch in Flensburg, Heide und Kiel ging die Zahl der Passanten an den Bahnhöfen deutlich zurück, jeweils um mehr als zwei Drittel. Für Schwerin und Rostock halbierte sich die Zahl der Reisenden ungefähr.

Weniger Staus auf den Autobahnen

Auch auf den Autobahnen zeigt sich: Es ist momentan weniger los, zumindest wenn man sich die Gesamtlänge der Staus anschaut. In der zurückliegenden Woche gab es an den Werktagen bundesweit deutlich weniger Staus als noch in den ersten beiden März-Wochen. Allerdings führten die Grenzschließungen im Zuge der Corona-Krise auch zu Megastaus an den Grenzen, etwa in Mecklenburg-Vorpommern. Mit der Grenzschließung zu Polen um den 18. März herum zeigt die Statistik einen sprunghaften Anstieg der Stau-Länge.

Nur vereinzelt Ansturm auf Supermärkte

Der von einigen Beobachtern erwartete Ansturm auf Supermärkte blieb ausweislich der Daten aus. Eine Stichprobe aus rund 220 Supermärkten zeigt, dass die Zahl der Kunden am vergangenen Sonnabend im Schnitt um zwei Drittel niedriger lag als normalerweise an Sonnabenden. Nur an drei Supermärkten wurden mehr Menschen registriert als üblich. Wie viel die Kunden eingekauft haben, lässt sich aber nicht ablesen.

Ausflugsziel Hamburg Stadtpark

Einer der wenigen Orte der Stichprobe im Norden, an dem mehr Besucher erfasst worden sind, war der Hamburger Stadtpark - wohl auch wegen der frühlingshaften Temperaturen am Sonnabend in der Hansestadt.

Kontaktverbot: Wirken strenge Regeln besser?

Die Daten deuten insgesamt darauf hin, dass die Menschen in der gesamten Republik versuchen, weniger Kontakt zu haben. Trotz eines Flickenteppiches an regionalen Regularien ist vielerorts ein deutlicher Rückgang des öffentlichen Lebens sichtbar.

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Die Analyse zeigt hingegen keinen direkten Zusammenhang zwischen der Strenge der Regularien und den in der Öffentlichkeit erfassten Personen: Rechnet man alle untersuchten Orte der Stichprobe zusammen, so war die Differenz zwischen dem erwarteten Besucher-Aufkommen und dem gemessenen in Hamburg und Bremen am größten, dort blieben jeweils rund zwei von drei Besuchern aus. In Hessen, wo beispielsweise strengere Beschränkungen gelten, hat sich das Aufkommen der erfassten Passanten nicht einmal halbiert.

Eine Aussage über die Wirksamkeit der Maßnahmen kann das aber nicht sein, dafür spielen zu viele Faktoren wie das Wetter und Methode der Messungen eine Rolle. Dazu wäre außerdem eine langfristige Beobachtung notwendig.

Hintergrund: Woher stammen die Informationen?

Die Analyse bedient sich verschiedener Datenquellen: Ein großer Teil der Informationen stammt vom Kartendienst Google Maps: Die Firma Google erhebt für zahlreiche Orte in Deutschland Daten darüber, wie stark sie besucht sind. Dazu greift das Unternehmen auf die Ortungsfunktionen von Smartphones zurück. Die Daten werden zusammengefasst veröffentlicht, ein Rückschluss auf die Bewegung Einzelner ist damit nicht möglich.

Der Dienst Hystreet zeichnet in rund 60 Städten in Deutschland mit einer Art Lichtschranke auf, wie viele Menschen sich in Fußgängerzonen aufhalten. Auch diese Daten haben die Reporterinnen und Reporter auswerten können. Um die Veränderung im Straßenverkehr zu untersuchen, kamen Informationen aus dem Verkehrsmeldungs-Archiv des NDR zum Einsatz.

Die Daten haben Reporterinnen und Reporter von NDR und WDR in Zusammenarbeit mit den Betreibern der Seite everyonecounts.de erhoben. Hinter dem Portal steht ein Kollektiv von Freiwilligen, die sich im Rahmen eines Hackathons zusammengetan haben, um verschiedene Daten über die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung zusammenzutragen und für Interessierte zur Verfügung zu stellen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 30.03.2020 | 14:00 Uhr