Intensivpflegerinnen sind auf der Covid-19-Intensivstation mit der Versorgung von Corona-Patienten beschäftigt. © picture alliance/dpa/Robert Michael Foto: Robert Michael

Corona: Wie hoch ist die Hospitalisierungsrate wirklich?

Stand: 21.01.2022 10:32 Uhr

Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie hängen maßgeblich von der Hospitalisierungsrate ab. Doch der Wert unterschätzt die Entwicklung der Pandemie in der Regel massiv. Daher veröffentlicht NDR.de korrigierte Zahlen für die Nordländer, die die Situation realistischer abbilden.

von Björn Schwentker, NDR Data

Die Hospitalisierungsrate misst in jedem Bundesland die Zahl der Menschen, die innerhalb einer Woche wegen Covid-19 in Kliniken aufgenommen wurden, umgerechnet auf 100.000 Einwohner. Für die Maßzahl spricht, dass sie angeben könnte, wie sehr das Coronavirus tatsächlich krank macht und das Gesundheitssystem belastet.

Doch die Hospitalisierungsrate birgt ein großes Problem: Die verfügbaren Werte reagieren auf die tatsächliche Situation in den Krankenhäusern mit solcher Verspätung, und unterschätzen den Ernst der Lage oft so massiv, dass Warnstufen noch lange nicht ausgerufen werden, obwohl sie längst in Kraft sein müssten. So kann die Pandemie weiter wüten - und sich sogar noch verstärken - obwohl längst schärfere Maßnahmen gelten müssten.

Nowcast liefert aktuellere Schätzzahlen

Darum veröffentlicht der NDR ab jetzt täglich montags bis freitags eine korrigierte Hospitalisierungsrate für alle norddeutschen Bundesländer und den ganzen Norden, die aus Basisdaten des Robert-Koch Instituts (RKI) berechnet wird. Dieser sogenannte Nowcast stimmt zwar nicht exakt. Aber er schätzt die Hospitalisierungsrate mithilfe einer wissenschaftlichen Methode so gut wie möglich. Das Ergebnis zeigt, um wie viel schlimmer die Lage in den Krankenhäusern bei steigenden Fallzahlen ist, als es die offiziellen politischen Werte anzeigen:

Hospitalisierungsrate für Norddeutschland

In den NDR Nowcast-Charts steht die untere, schwarze Kurve für den Wert, den das RKI für das Bundesland am angegebenen Tag veröffentlicht hat. Er erhöht sich noch deutlich durch etliche Krankenhausaufnahmen, die erst später gemeldet werden. Die blaue Kurve gibt den RKI-Wert mit Nachmeldungen an.

Da die Klinikaufnahmen teils mit mehreren Wochen Meldeverzug eintreffen, endet die blaue, durchgezogene Linie einige Wochen vor dem heutigen Datum. Diesen Tag kennzeichnet die gestrichelte senkrechte Linie. Ab diesem Zeitpunkt ist die gestrichelte blaue Linie des Nowcasts, also der Schätzung, angegeben. Der graue Bereich um diese Linie herum gibt die Unsicherheit der Schätzung an. Innerhalb dieser Fläche liegt der tatsächliche Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit (80 Prozent).

RKI-Meldeverzug in Hamburg besonders stark

Je größer der Meldeverzug im Bundesland, desto mehr klaffen Nowcast und die tagesaktuellen offiziellen Werte auseinander. Besonders stark ist der Effekt in Hamburg, wo die Meldungen deutlich hinterherhinken:

Hospitalisierungsrate für Hamburg

 

Schwedischer Statistiker schuf Nowcast-Grundlage

Die Nowcast-Zahlen in den Grafiken des NDR stammen aus einem statistischen Modell der Universität Stockholm. Der Statistiker Felix Günther stellt die Daten auch anderen öffentlich zur Verfügung.

Der Forscher hatte ähnliche Berechnungen bereits verwendet, um den Meldeverzug in der Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Infektionen zu korrigieren. Die Methode, die er nun für die Hospitalisierungsrate weiterentwickelt hat, ist wissenschaftlich geprüft und in einem Fachjournal publiziert.

Politisch entscheidend - etwa für den Beschluss von Einschränkungen - sind nicht die NDR Zahlen, sondern die von den Bundesländern herausgegebenen Werte der Hospitalisierungsrate. Diese von den Ländern herausgegebenen, politischen Werte sind auf dieser Seite nur in den Grafiken für Hamburg und Schleswig-Holstein zu sehen. Denn nur diese beiden Länder nutzen die einheitlich vom RKI bereitgestellten Tageswerte (die untere schwarze Linie in den Charts). Alle anderen Länder haben eigene Erhebungssysteme unabhängig vom Meldesystem des RKI geschaffen, über die sie ihre politischen Hospitalisierungsraten erfassen. Sie veröffentlichen die Zahlen auf ihren eigenen Webseiten oder per Pressemeldung. Auf dieser Seite sind sie nicht zu sehen. 

Hospitalisierungsrate für Schleswig-Holstein

Obwohl Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen eigene Hospitalisierungsraten erheben und veröffentlichen, zeigen die Grafiken auf dieser Seite auch für sie die RKI-Werte und deren Korrektur durch den Nowcast an. Denn die RKI-Zahlen leiden zwar unter starkem Meldeverzug. Dennoch sind sie nach einer einheitlichen Methode erhoben: Nämlich aus den Meldungen der Gesundheitsämter. Das gilt für die von den Ländern selbst erhobenen Hospitalisierungsraten nicht. Sie kommen auf unterschiedliche Arten zustande, die nicht immer nachvollziehbar sind. Und sie sind von unterschiedlicher Qualität. Trotzdem gelten für alle Länder dieselben Grenzwerte. Die NDR Nowcasts stellen auf Basis der RKI-Daten für diese Warnstufen Vergleichbarkeit her.

Hospitalisierungsrate für Niedersachsen

Tagesaktuell liegen die vom Land Niedersachsen herausgegebenen Landeswerte bei steigenden Fallzahlen sogar teilweise über der Schätzung des NDR Nowcasts. Aber Niedersachsen ist tatsächlich das einzige norddeutsche Bundesland, wo die ausschlaggebenden Landeswerte in der richtigen Gößenordnung liegen. In allen anderen norddeutschen Bundesländern liegen sie weit darunter egal, ob sie eigene Erfassungssysteme haben oder ob sie die RKI-Zahlen verwenden.

Hospitalisierungsrate für Mecklenburg-Vorpommern

Das gilt für das Flächenland Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie für den Stadtstaat Bremen:

Hospitalisierungsrate für Bremen

Meldeverzögerungen sind kein speziell norddeutsches Problem. Die Pandemie wird bundesweit unterschätzt - und damit auch ihre Gefahr:

Hospitalisierungsrate für ganz Deutschland

 

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