Stand: 16.09.2020 11:15 Uhr

Corona: Virologe Streeck für Ampelsystem

Wie gefährlich ist die Corona-Pandemie für den Einzelnen? Was sind die Auswirkungen des Virus für die Gesellschaft? Über diese Fragen eine möglichst realistische Einschätzung zu erlangen und auch zu kommunizieren - das ist eine ständige Herausforderung, auch für Wissenschaftler. Virologe Christian Drosten warnt in der neuen Folge des NDR Info Podcasts "Das Coronavirus-Update" vor falscher Gelassenheit. Und auch wenn es verschiedene Vorschläge zur Ausrichtung der Maßnahmen gibt - in der grundsätzlichen Bewertung der Pandemie sind sich die meisten Virologen einig.

von Merlin van Rissenbeck

Professor Hendrik Streeck © picture alliance Foto: Federico Gambarini
Virologe Hendrik Streeck plädiert für ein Ampelsystem.

Bisher gilt: Mehr als 50 Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen - das ist der aktuelle Warnwert für strengere Maßnahmen. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sieht für Herbst und Winter Anlass, die Parameter noch einmal in den Blick zu nehmen. Er spricht sich dafür aus, dabei nicht allein auf die Infektionszahlen zu schauen. Streeck sagte NDR Info: "Vielmehr eigentlich auf die Kombination aus der Anzahl der durchgeführten Tests und wie viele davon positiv waren. Also der Infektionsrate - was man auch zusammenfassen kann als Positiven-Rate - zusammen mit der stationären Belegung und der intensivmedizinischen Belegung."

Ampelsystem nach österreichischem Vorbild?

Streeck spricht sich für ein Ampelsystem wie in Österreich aus. Das zeigt die Corona-Gefahr in Ampelfarben an - unter Berücksichtigung mehrerer Parameter. Dafür habe man in den letzten sechs Monaten einen guten Datensatz gesammelt, um einzuschätzen wie sich das Infektionsgeschehen in Deutschland verhalte, so Streeck. Zwar fließen schon länger neben den Infektionszahlen weitere Faktoren wie die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen mit ein, aber nicht immer transparent.

"Ich denke, dass sie auf der Entscheidungsebene zum Teil auch berücksichtigt werden", sagte Streeck. "Aber vor allem im Sinne der Kommunikation und dass es auch für den Bürger Sinn macht, welche Entscheidungen getroffen werden, ist es wichtig, dass diese auch richtig kommuniziert werden." Auch die anderen Faktoren sollten kommuniziert werden.

Plassmann ruft zu Gelassenheit auf

Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg © dpa/picture alliance Foto: Markus Scholz
Walter Plassmann wünscht sich mehr Gelassenheit in der Corona-Krise.

Die Kommunikation in der Coronavirus-Pandemie kritisiert der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, drastisch. Er ruft zu mehr Gelassenheit auf, denn "permanenter Stress, ununterbrochene Aufgeregtheit und Angst" machten den Menschen krank. "Es wird immer das Schlimmste angenommen. Es wird immer das größte Szenario, was überhaupt denkbar ist, als das Mögliche unterstellt", sagte Plassmann NDR Info.

Drosten: Gespannte Aufmerksamkeit nötig

Der Virologe Christian Drosten beurteilt solche Äußerungen in der aktuellen Folge des Podcasts Coronavirus-Update kritisch. "Ich denke: Wir sind in Deutschland schon in einer guten Startposition und müssen damit jetzt umgehen. Was glaube ich wichtiger ist: Wir dürfen uns da nicht drauf ausruhen und nicht in der Öffentlichkeit Botschaften setzen, die da komplett kontraproduktiv sind. Also es muss schon so eine gespannte Aufmerksamkeit in der Bevölkerung sein."

Streeck: Wissenschaftliche Diskussion wichtig

Streeck betont, dass vor allem eine wissenschaftliche Diskussion wichtig sei. Er stimme mit vielen Virologen, Epidemiologen und auch Hygienikern überein. In einigen Nuancen habe man unter den Wissenschaftlern zwar unterschiedliche Einschätzungen, "aber im Grunde eigentlich in vielen Bereichen die gleiche Meinung, auch die gleiche Meinung zu den AHA-Regeln - und auch die gleiche Meinung, wie die Bundesregierung bisher die Pandemie bewältigt hat“, so Streeck.

Aber auch die kommenden Monate werden zeigen, dass der Umgang mit der Pandemie immer neue Ansätze - und auch Diskussion braucht.

Weitere Informationen
Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

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Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

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Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr

Christian Drosten, der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, beim Deutschen Radiopreis 2020 © picture alliance/Christian Charisius/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 16.09.2020 | 07:37 Uhr

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