Ein Mann zündet einen Böller an. © picture alliance/dpa Foto: Patrick Pleul

Corona: Silvester-Feuerwerk verbieten, um Kliniken zu entlasten?

Stand: 19.11.2020 16:57 Uhr

Große Partys wird es wohl zum Jahreswechsel wegen der Corona-Pandemie nicht geben. Viele Menschen hoffen aber wenigstens auf ein Silvester-Feuerwerk in kleinem Kreis - aber auch daraus wird wohl vielerorts nichts.

Seit vielen Jahren gibt es kurz vor dem Jahreswechsel immer wieder die Diskussion über den Sinn von Silvester-Feuerwerken. Kritiker fordern schon lange ein Verbot von Böllern und Raketen - dabei ging es meist um Umweltschutz, denn die Feinstaubbelastung ist hoch. Zudem werden zahlreiche Menschen durch Feuerwerkskörper verletzt - Polizei, Feuerwehr und Notärzte sind im Dauereinsatz. In diesem Jahr spielt auch das Coronavirus eine große Rolle bei der Debatte, die mittlerweile wieder in vollem Gange ist - beispielsweise auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Der Hamburger Senat hat sich laut NDR 90,3 noch nicht mit einem möglichen Böller-Verbot an Silvester beschäftigt.

Seehofer: Feuerwerk muss trotz Corona möglich sein

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hält nichts von einem Verbot. "Feuerwerk muss Silvester trotz Corona möglich sein. Aber auch hier gilt ganz klar: Die Hygieneregeln mit Abstand und Maske müssen eingehalten werden. Und dazu wird es auch Kontrollen geben", sagte der Minister der "Bild".

Polizeigewerkschaft für Verbot

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) dagegen ist für ein Feuerwerksverbot. Hamburgs Landesvorsitzender Thomas Jungfer erklärt im Interview mit NDR Info, warum er Menschenmassen in diesen Zeiten nicht für sinnvoll hält. "Viele wollen die bösen Geister von Corona wegböllern", so Jungfer. Zum Feuerwerk gesellten sich aber rasch Alkohol, größere Menschengruppen würden sich bilden - und das sei nicht angesagt. Ein Böllerverbot könnte dagegen helfen - er spricht sich für eine bundesweite Regelung aus.

Feuerwerk über Hannover. © dpa Foto: Moritz Frankenberg

AUDIO: Pro und Contra: Feuerwerks-Verbot an Silvester? (3 Min)

Niederlande verbietet Feuerwerk

In der vergangenen Woche hatten die Niederlande das Feuerwerk an Silvester verboten. Niedersachsens Nachbarland begründete das damit, dass die medizinischen Notdienste sich mitten in der Corona-Pandemie nicht auch noch um Verletzungen durch Feuerwerkskörper kümmern sollen. Im vergangenen Jahr wurden allein in den Niederlanden wegen Verletzungen mit Feuerwerkskörpern rund 1.300 Menschen in Krankenhäusern oder Hausarztambulanzen behandelt.

Kiel: SSW spricht sich für Böller-Verbot aus

SSW-Politiker Lars Harms im Plenarsaal des Landtags von Schleswig-Holstein. © NDR Foto: Janis Röhlig
SSW-Politiker Lars Harms befürwortet ein Verbot des Silvester-Feuerwerks.

Wenn es nach der Kieler Ratsfraktion des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW) geht, dann bleibt der Himmel auch über Kiel in der kommenden Silvesternacht deutlich dunkler als sonst. Lars Harms, Vorsitzender des SSW im Landtag, erklärte in einer Mitteilung: "Die Entscheidung des niederländischen Kabinetts ist konsequent und richtig. Und ich hoffe, dass auch viele Kommunen hierzulande dem Beispiel folgen. Das medizinische und Pflegepersonal in unseren Kliniken hat mit Pandemie nun wahrlich genug zu tun. Da müssen nicht auch noch unnötig Patienten hinzukommen, die sich zum Jahreswechsel die Gliedmaßen abgesprengt haben."

Kommunen könnten Lasershows bieten

Doch auch abgesehen von Covid-19 macht es laut Harms Sinn, die Böllerei deutlich zu reduzieren: "Denn Silvesterfeuerwerk ist nicht nur eine alljährige Belastung für Ordnungs- und Rettungskräfte, sondern in hohem Maße auch für die Umwelt." Kommunen könnten stattdessen zentrale Feuerwerke oder Lasershows anbieten. "Da hätten dann alle etwas von, unabhängig vom Geldbeutel. Nicht nur Krankenhäuser und Polizei, sondern auch unsere Haustiere und das Klima wären uns gewiss dankbar", betonte Harms.

SH: Innenministerin sieht Böllern kritisch

Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack sieht das Böllern in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie kritisch. "Ich bin überzeugt, dass unsere Städte und Gemeinden wie in jedem Jahr dort ein Böllerverbot in eigener Verantwortung erlassen werden, wo es geboten ist", sagte die CDU-Politikerin. "Denn zur Feinstaubbelastung und zur Verletzungsgefahr kommt in diesem Jahr noch die Corona-Problematik hinzu." Die Gesetzeslage sehe für besonders dicht besiedelte Bereiche oder Gebiete mit Reetdachhäusern bereits jetzt entsprechende Regelungen vor, sagte Sütterlin-Waack. "Außerdem werden die Menschen sich in diesem Jahr ganz sicher noch genauer als sonst überlegen, ob ein Feuerwerk in die Zeit passt."
 

Wangerooger Bürgermeister: Lasst Raketen zu Hause

Auf der Ostfriesischen Insel Wangerooge soll es zum Jahreswechsel kein Feuerwerk geben. Wegen Corona will Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos) verhindern, dass sich Menschen versammeln. "Lasst Raketen und Böller diesmal zu Hause und verbringt hier an der Nordsee einen ruhigen Jahreswechsel", appelliert der Verwaltungschef. Fangohr hatte NDR 1 Niedersachsen darüber hinaus gesagt, dass auch die anderen Ostfriesischen Inseln Feuerwerke verhindern wollten. Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann (CDU) und Juists Bürgermeister Tjark Goerges hatten sich darüber überrascht gezeigt. Akkermann zufolge gab es keine Verständigung darüber, zudem seien nicht alle Verwaltungschefs derselben Meinung wie Fangohr, wie die "Ostfriesen-Zeitung" berichtet. "Ich bin da möglicherweise etwas vorgeprescht, indem ich für alle gesprochen habe", so Fangohr.

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Noch keine Regelung für Feuerwerk in Hannover

In Hannover gibt es noch keine abschließende Regelung für Silvester-Feuerwerke. Allerdings zeichnet sich ab, dass wie 2018 und 2019 aus Sicherheitsgründen Böllerverbotszonen eingerichtet werden. Dies sei höchstwahrscheinlich. Die Frage, ob wegen der Corona-Lage generell auf Feuerwerke und Böller verzichtet werde, ist in Hannover dagegen noch kein Thema. "Das ist bei der hochdynamischen Lage einfach zu früh", sagte Stadtsprecher Udo Möller. Zudem glaube er, dass dies nicht auf kommunaler Ebene, sondern vermutlich bundesweit einheitlich geregelt werde. Die Verbotszone umfasste im Vorjahr in Hannover das Gebiet zwischen Hauptbahnhof, dem Opernplatz und dem Kröpke. Dort durfte man kein Feuerwerk dabeihaben oder zünden.

Umwelthilfe fordert Verbot von Feuerwerksverkauf

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) warnte davor, dass privates Feuerwerk zu Silvester die Krankenhäuser in der Corona-Krise weiter belasten könnte. "Jedes Jahr werden Tausende durch Böller verletzt, darunter viele junge Menschen", erklärte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Die Bundesregierung solle deshalb dem Beispiel der Niederlande folgen und "Verkauf und Gebrauch von Silvester-Feuerwerk komplett verbieten". Die DUH führte als Grund für ihre Forderung zudem an, dass "jede zusätzliche Luftbelastung durch Böller und Raketen" vermieden werden müsse. Denn es zeige sich immer deutlicher, dass es einen Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastungen und schweren Krankheitsverläufen von Covid-19 gebe. Die Umwelthilfe beantragte nach eigenen Angaben am Montag bei Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), noch im November ein allgemeines Verbot für Verkauf und Nutzung von Feuerwerk auszusprechen. Dies könne über eine einfache Änderung der Sprengstoffverordnung erfolgen.

Verband: Generelle Feuerwerksverbote unverhältnismäßig

Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) kritisierte die Forderungen nach einem Verbot. Es sei schon verwunderlich, wie "die Umwelthilfe in ihrer Argumentation gegen unser Silvesterbrauchtum immer flexibler wird", teilte VPI-Vorstandsvorsitzender Thomas Schreiber mit. Dass die Krankenhäuser entlastet werden müssen, möchte der VPI dabei nicht in Frage stellen, allerdings sieht der Verband hier erneut das Symbolbild Feuerwerk bemüht.

Es sei nach wie vor allem das illegale Feuerwerk, das zu Verletzungen führe, es sei weitaus gefährlicher, sagte VPI-Geschäftsführer Klaus Gotzen. "Was passiert, wenn unsere Qualitätsartikel aus dem Sortiment genommen werden, kann man sich vorstellen. Es gibt immer Chaoten, die Feuerwerk missbrauchen wollen." Der Verband sieht die Gefahr, dass sich eben diese Personengruppen vermehrt an illegalem Feuerwerk bedienen werden. "Hier sollte die Politik lieber dafür sorgen, dass illegale Einfuhren stärker kontrolliert werden. Ein Verbot der zugelassenen und sicheren Artikel treibt im schlimmsten Fall sogar mehr Menschen ins Krankenhaus. Generelle Verbote auch von privatem Feuerwerk in Betracht zu ziehen, halten wir für unverhältnismäßig", erklärte Gotzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info | 19.11.2020 | 14:00 Uhr

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