In einem Zimmer der Intensivstation wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt. © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau

Intensivmediziner: "Ohne Impfungen sähe es noch schlechter aus"

Stand: 28.04.2021 12:26 Uhr

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Norddeutschland zuletzt leicht gesunken. Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, rechnet dennoch mit einer hohen Belastung für die Intensivstationen.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) warnt immer wieder vor einer Überlastung der Intensivstationen. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Prof. Stefan Kluge. © NDR Foto: Screenshot
Die Belastung für die Intensivstationen wird laut Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin am UKE, weiter hoch bleiben.

Stefan Kluge: Die sehe ich absolut. Es gibt regional zwar sehr unterschiedliche Auswirkungen der Pandemie auf die Belegung der Intensivstationen. Bereits jetzt sind einzelne Kliniken aber so belastet, dass sie andere Patientengruppen nicht mehr adäquat versorgen können und abweisen müssen. Weil der Altersdurchschnitt der Erkrankten unter anderem aufgrund der Impfungen sinkt, haben wir in Deutschland im Moment noch Glück im Unglück. Ohne Impfungen sähe es deutlich schlechter aus. Um das zu verdeutlichen: Wenn wir 10.000 Neuinfizierte haben, die alle über 80 Jahre alt sind, werden nach zwei Wochen auch deutlich mehr Patientinnen und Patienten auf die Intensivstation eingeliefert, als wenn sich 10.000 Dreißigjährige anstecken.

Wie schätzen Sie die Situation auf den Intensivstationen in den kommenden Wochen ein?

Kluge: Wir wissen, dass sich die Zahl der Neuinfektionen erst nach circa 14 Tagen auf die Intensivbettenbelegung auswirkt. Aufgrund der Rechenmodelle wie denen der DIVI können wir aber sehr genau vorhersagen, was in den nächsten Tagen auf uns zukommen wird. Wir wissen auch, dass momentan circa ein bis zwei Prozent der Infizierten intensivpflichtig werden. Deswegen sind wir Intensivmedizinerinnen und Intensivmediziner auch sehr besorgt, wenn wir die hohen Fallzahlen der vergangenen Tage sehen. Solange die Infektionszahlen nicht substanziell abnehmen, wird die Belastung der Intensivstationen hoch bleiben oder weiter zunehmen.

Müssen wir vor diesem Hintergrund Angst haben, dass es bald keine freien Betten mehr geben wird?

Kluge: Die gute Nachricht ist: Wir haben in Deutschland circa 10.000 Notfallreservebetten sowie die entsprechenden Monitoring- und die Beatmungsgeräte dazu. Was uns jedoch fehlt sind vor allem die Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte, die die Covid-19-Erkrankten betreuen. Und das ist ein riesiges Problem. Ich glaube zwar nicht, dass es zu einer Triage kommen wird oder jemand aufgrund eines fehlenden Intensivbettes sterben muss. Aber das heißt, dass Patientinnen und Patienten bei weiterhin hohem Infektionsgeschehen quer durch Deutschland verlegt werden müssen und andere Bereiche in den Krankenhäusern reduziert oder sogar geschlossen werden. Zusammengefasst: Das Personal ist aktuell das Nadelöhr in Deutschland.

Die meisten Medizinerinnen, Statistiker und Modellierer sind sich einig darüber, dass die Zahl der Covid-19-Erkrankten auf der Intensivstation in den kommenden Wochen steigen wird. Trotzdem scheint es einen Dissens darüber zu geben, wie ernst die Lage auf den Intensivstationen ist. So werden in den Medien immer wieder Ärztinnen und Ärzte zitiert, die die Warnungen für übertrieben und unverhältnismäßig halten. Wie beurteilen Sie solche Aussagen?

Kluge: Ich halte die Warnungen nicht für übertrieben und unverhältnismäßig. Natürlich gibt es regionale Unterschiede, aber insgesamt ist die Situation extrem angespannt. Ein Großteil der Ärztinnen und Ärzte sieht, dass die Versorgung von Nicht-Covid-Patientinnen und Patienten aufgrund der Belastung des Gesundheitssystems durch Covid-19 nur eingeschränkt erfolgen kann. Und wenn Sie, so wie ich, täglich Menschen sehen, die durch die Pandemie mitten aus dem Leben rausgerissen werden oder an Long-Covid erkranken, dann kann man nur warnen.  

Sie sprechen wiederholt die regionalen Unterschiede der Intensivbetten-Belegung in Norddeutschland an. Wie lassen sich diese Abweichungen erklären?

Kluge: Zunächst muss man festhalten, dass die Zahlen der Intensivbettenbelegung durch Covid-19 überall in den letzten Wochen außer in Schleswig-Holstein nach oben gehen. In Schleswig-Holstein ist der Verlauf des Infektionsgeschehens in den vergangenen Wochen verhältnismäßig moderat. In Bremen und Niedersachsen haben wir hingegen jetzt mehr an Covid-19 erkrankte Intensivpatienten als in der zweiten Welle. Ursachen für die ungleiche Verteilung gibt es viele: Eine Rolle spielt die Bevölkerungsdichte in den Regionen. Aber auch das Verhalten der Menschen, ihr sozialer Status sowie das Alter der Bevölkerung in dem jeweiligen Bundesland haben einen Einfluss – ebenso wie natürlich die vor Ort von der Politik ergriffenen Maßnahmen.

Derzeit kommen vor allem jüngere Menschen auf die Intensivstationen. Sie bleiben im Schnitt länger, da sie bessere Überlebenschancen haben als ältere. Ein Intensivbett wird also länger von einer Person belegt, und es können in der Summe weniger Menschen versorgt werden. Sehen Sie darin ein Problem?

Kluge: Ja, dies ist eine Tatsache, die die Situation noch verkompliziert. Das ist aber nur einer von vielen Gründen, weshalb wir als Intensivmediziner fordern, die Infektionszahlen so schnell wie möglich zu reduzieren: Wir sehen auch, dass andere Patientengruppen unter den aktuellen Umständen leiden. Entweder sie gehen nicht mehr zum Arzt, weil sie Angst haben, sich zu infizieren oder sie können nicht mehr so versorgt werden, weil die Infrastruktur der Krankenhäuser durch Covid-19-Erkrankte eingeschränkt ist. Ein weiteres Problem ist, dass das Personal in der dritten Welle extrem gefordert ist und an seine Grenzen kommt. Die Belastung ist bereits so groß, dass Pflegekräfte ihren Arbeitsplatz wechseln und sogar aus dem Beruf ausscheiden und das verschlechtert die Versorgung der Patientinnen und Patienten in den nächsten Jahren. Zu guter Letzt sind die möglichen Covid-19-Spätfolgen zu nennen, über die wir aktuell noch viel zu wenig sprechen.

Immer wieder gibt es Diskussionen, ob die Sieben-Tage-Inzidenz wirklich ein geeigneter Indikator ist. Halten Sie die Anzahl der Neuaufnahmen auf Intensivstationen für den besseren Wert, um das aktuelle Infektionsgeschehen abzubilden?

Kluge: Würde man sich nur an der Anzahl der Neuaufnahmen auf der Intensivstation orientieren, würde das Infektionsgeschehen mit einer Verzögerung von circa 10-14 Tagen dargestellt werden. Weil diese Zahl immer hinterherhinkt, ist sie als Frühindikator nicht brauchbar. Um es mit einer Redewendung auszudrücken: Das Kind ist zu diesem Zeitpunkt schon in den Brunnen gefallen. Wir können diese Kennzahl folglich sicherlich mit einbeziehen, aber wir müssen den zeitlichen Verzug unbedingt berücksichtigen.

In der vergangenen Woche hat der Bundestag die einheitliche "Notbremse" beschlossen. Nehmen wir einmal an, Sie hätten die Möglichkeit gehabt, das Infektionsschutzgesetz zu ändern. Welche Werte hätten Sie als Indikatoren für Maßnahmen festgelegt?

Kluge: Auswählen würde ich die Zahl der Neuinfektionen pro Tag, die Sieben-Tage-Inzidenz, den R-Wert und das Alter der Infizierten. Wenn man die Zahl der Neuinfektionen in einer Region hat und dann auch noch weiß, in welcher Altersgruppe sich diese ereignet, ist viel gewonnen. Der wichtigste Wert bleibt jedoch die Sieben-Tage-Inzidenz. Zwar ist deren Aussagekraft auch an die Teststrategie in den Regionen gekoppelt, jedoch spiegelt sie das aktuelle Infektionsgeschehen unter dem Strich extrem gut wider. Werte wie die Anzahl der Neuaufnahmen auf der Intensivstation oder die Anzahl der Verstorbenen sind ebenfalls hilfreich, hinken zeitlich aber sehr hinterher.  

Was würden Sie den Menschen, die aktuell keinen Einblick in die Krankenhäuser haben, abschließend gerne mitgeben?

Kluge: Im Krankenhaus registriere ich täglich das Leid und Elend der Patientinnen und Patienten und der Mitarbeitenden. Im Alltag treffe ich aber auch auf Menschen, die überhaupt nicht nachvollziehen können, was in den Kliniken gerade passiert. Dabei befinden wir uns gerade in der schwersten Phase einer Pandemie, die Deutschland in den letzten Jahrzehnten so nicht gesehen hat. Alleine in den letzten drei Wochen haben wir fünf Schwangere auf der Intensivstation behandelt. Es ist eine Katastrophe, wenn eine junge Frau so schwer erkrankt, dass sie beatmet werden und sogar auf der Intensivstation entbinden muss - und das bei einer vermeidbaren Erkrankung. Zusätzlich gibt es die Diskussion, wie viele Tote wir akzeptieren, damit die Wirtschaft nicht zu stark leidet. Als Krankenhausärzte und Intensivmedizinerinnen haben wir hierzu natürlich eine klare Meinung. Wir müssen die Infektionszahlen drücken, um die Belastung für die Patientinnen und Krankenhäuser deutlich zu reduzieren und eine adäquate Notfallversorgung anbieten zu können.

Das Interview führte Ciara Cesaro-Tadic.

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NDR Info | Aktuell | 28.04.2021 | 12:00 Uhr

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