Stand: 22.05.2020 18:00 Uhr

Corona-Krise: Eine Chance für Innovationen?

von Frank Grotelüschen
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Hat die Corona-Krise den Ideenreichtum der Menschen beflügelt?

Die Corona-Krise hat vieles durcheinandergewirbelt - unser Privatleben ebenso wie die Wirtschaft: Wochenlang blieben die Geschäfte zu, standen Fließbänder still, sanken die Umsätze. Auch Forschung und Entwicklung wurden zum Großteil heruntergefahren. Doch birgt die Krise vielleicht auch Chancen? Kann sie zähe und langwierige Innovationsprozesse womöglich beschleunigen und die Kreativität der Menschen beflügeln? Manche Anzeichen deuten darauf hin.

Hackathon #WirVsVirus für innovative Ideen

48 Stunden waren vom 20. bis 22. März alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zu einem sogenannten Hackathon unter dem Motto "Wir gegen das Virus" eingeladen - unterstützt von der Bundesregierung. "Hacken heißt einfach, kreative Lösungen für Probleme finden", erläutert Anna Hupperth, eine der Organisatorinnen. "Zumeist in Teams, wo Leute vertreten sind, die aus ganz verschiedenen Bereichen kommen." Einzige Voraussetzung zur Teilnahme war ein Internetzugang.

Eine leuchtende Glühbirne stößt aufgereihte dunkle Glühbirnen an. © Fotolia.com Foto: Ingo Bartussek

Innovationsschübe und Homeoffice: Was von Corona bleibt

NDR Info - Forum am Sonntag -

Videokonferenzen sind mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, Homeschooling Alltag. Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung vorangebracht. Was könnte von der Corona-Zeit bleiben?

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"Die Resonanz war so, dass wir das kaum glauben können. Wir haben an dem Wochenende tatsächlich mit rund 30.000 Leuten an Lösungen gearbeitet." Doch der Hackathon #WirVsVirus sei nur der Startschuss gewesen, sagt Anna Hupperth. Anschließend gibt es sechs Monate lang für die 130 vielversprechendsten Teams finanzielle, technische und organisatorische Unterstützung, damit sie aus ihren Ideen konkrete Produkte gegen die Corona-Krise machen können.

Corona-Hilfen: Hamburger entwickelt "Wir bleiben liquide"

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Während des Hackathons war vor allem eines gefragt: Ideen.

Ein Beispiel für die Ideen während des Hackathons ist "Wir bleiben liquide". Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen hat der Hamburger Jurastudent Valentin Tribula innerhalb weniger Tage eine Webseite aus dem Boden gestampft. "Wir haben wegen der Corona-Krise eine Unzahl an staatlichen Finanzierungsmitteln, von Darlehen über Direktzuschüsse bis zu Kurzarbeitergeld. Das ist unfassbar viel und ziemlich kompliziert", erklärt Tribula. Man könne kaum überblicken, welche Förderung kommt für wen in Frage?

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Mit vereinten Kräften gegen das Coronavirus

Beim bundesweiten Hackathon #WirVsVirus sind rund 800 Ideen entstanden - auch mit schleswig-holsteinischer Kompetenz. Eine davon ist eine App, die Betroffenen von häuslicher Gewalt helfen soll. mehr

Genau hier biete die Webseite einfache und übersichtliche Unterstützung, sagt Tribulas Kollegin Annett-Katrin Wohlgemuth. Das Bemerkenswerte ist, dass sich erst während des Hackathons das Team aus 50 Freiwilligen zusammengefunden hatte - und zwar rein digital per Video-Chats und Online-Foren. Mittlerweile verweisen sogar Sparkassen, Gemeinden und Krankenkassen auf "Wir bleiben liquide".

"Print4Life" - Masken aus dem 3D-Drucker

Noch eine innovative Idee kam aus Lübeck. Die Initiatoren von "Print4Life" wollen das Gesundheitssystem in Corona-Zeiten unterstützen. Verbrauchsmaterialien wie Masken, an denen es mangelt, sollen falls möglich 3D-Drucker fertigen, wie sie heute in vielen Firmen stehen, aber auch für Privatleuten zugänglich sind. Hier setzt "Print4life" an. Dessen Software koordiniert die Anfragen von Krankenhäusern und Arztpraxen und gibt sie an die Besitzer von 3D-Druckern weiter. Die können dann die gewünschten Teile bedarfsgerecht herstellen.

Digitalisierung: Fortschritte bei E-Learning und Homeoffice

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Hat die Digitalisierung in Deutschland durch die Corona-Krise einen Schub bekommen?

Der Hackathon #WirVsVirus zeigt: Eine Krise kann Innovationsprozesse gehörig auf Trab bringen. Vorgänge, die sich für gewöhnlich über Monate und Jahre hinziehen, gehen plötzlich ganz schnell, innerhalb von Tagen und Wochen: Wissenschaftliche Studien werden umgehend veröffentlicht, Fördergelder unbürokratisch bewilligt, neue Testverfahren kommen innerhalb kürzester Zeit auf den Markt. Auch einem anderen Feld macht die Corona-Krise Beine. Dietmar Harhoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München, meint, der gesamte Bereich der Digitalisierung, der digitalen Transformation unserer Wirtschaft und der Gesellschaft gerate plötzlich in Bewegung. "Es gab früher viele Verkrustungen in den öffentlichen Verwaltungen, aber auch in den Universitäten, die nicht so richtig in die Gänge gekommen sind, ihre Lehre zumindest teilweise digital anzubieten. Dasselbe galt für deutsche Schulen, die im internationalen Vergleich hinterherhinken."

In Europa galt Deutschland bislang als Nachzügler bei der Digitalisierung. Videokonferenzen, E-Learning, Homeoffice - für viele waren das bis vor kurzem Fremdwörter. Mit der Corona-Krise werden alle plötzlich ins kalte Wasser geschmissen, müssen sich digital organisieren, müssen Meetings und Schulunterricht über Skype oder Zoom abhalten. Im Großen und Ganzen, meint Dietmar Harhoff, klappe das erstaunlich gut. Wenn die Notwendigkeit da sei, wenn es sein müsse, gehe plötzlich vieles. Hürden würden aus dem Weg geräumt, die zuvor kaum überwindbar schienen.

Gefahr: Forschung und Innovationen durch Krise einseitig

Krisen wie die Corona-Pandemie könnten in Sachen Innovation einiges in Bewegung bringen, sagt Dietmar Harhoff: Medikamente und Impfstoffe werden schneller entwickelt, die lange vernachlässigte Digitalisierung erhält einen Push. Doch Krisen bringen auch Nachteile und Gefahren mit sich - etwa für die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der großen Konzerne: "Das, was nicht unmittelbar zum Erlös des Unternehmens beiträgt, wird entweder eingebunkert oder ganz abgestoßen. Wir kennen das aus der Krise 2008 und 2009, dass die Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen und die Innovationsaufwendungen einbrechen, zusammen mit den Umsätzen", erläutert Harhoff.

Selbst bei den Corona-Projekten lauern Gefahren. Etwa dass unter Zeitdruck zu schnell gearbeitet wird - und damit schlampig. Dass bei klinischen Studien ethische Standards zu sehr gelockert werden. Dass bei Smartphone-Apps der Datenschutz unter den Tisch fällt - etwas, das Kritiker einer Corona-App vehement anprangern. Und es gibt noch weitere Nachteile, berichtet Harhoff: "Es ist natürlich richtig, dass jetzt in den Labors intensiver an Covid geforscht wird. Aber wir müssen uns auch klarmachen, dass gleichzeitig reihenweise experimentelle Reihen, die für die Krebsforschung gedacht waren, nicht weiterverfolgt werden können. Diese Krise hat nicht nur den positiven Beschleunigungseffekt, sie hat auch den Effekt, dass Forschung an anderen, ebenfalls unter Umständen lebenswichtigen Therapien zurückgestellt wird."

Dennoch sollte man die positiven Dinge im Blick behalten, sagt Harhoff. Was im Moment besser läuft als sonst, sollte man tunlichst auch in normalen Zeiten beibehalten. Die Corona-Pandemie zeigt: Krisen bergen durchaus Chancen für die Innovationskraft unserer Gesellschaft. Gelegenheiten, die man dann aber auch nachhaltig ergreifen muss.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Forum am Sonntag | 24.05.2020 | 06:05 Uhr

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