Szene in einer  Intensivstation © picture alliance/dpa Foto: Fabian Strauch

Corona-Daten: RKI bessert bei Hospitalisierungsrate nach

Stand: 14.10.2021 13:48 Uhr

Nachdem zahlreiche Medien, darunter auch der NDR, die Qualität und Aussagekraft der vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichten Hospitalisierungsinzidenz kritisiert haben, reagiert nun das Institut.

von Marvin Milatz

Mit einer statistischen Methode, einem sogenannten Nowcasting, will das RKI die Aussagekraft der Hospitalisierungsrate erhöhen. Die Hospitalisierungsinzidenz gilt als der neue Leitindikator der Corona-Pandemie.

RKI versucht, systemischen Fehler auszugleichen

Mit der neuen Methode versucht das Institut, einen systemischen Fehler auszugleichen. Dieser sorgt dafür, dass die jeweils aktuelle Hospitalisierungsrate, sobald sie das RKI erstmals veröffentlicht, auf stark unvollständigen Daten beruht - und sich diese erst Wochen später so vervollständigt haben, dass ein aussagekräftiger Wert entsteht. Allerdings ist dieser Wert dann bereits veraltet, weil das öffentliche Geschehen stets auf die jüngste - abermals unvollständige - Hospitalisierungsrate blickt.

Das RKI, das sich als Bundeseinrichtung in Berlin um die Pandemie kümmert, will nun gegensteuern: "Um diesen Verzug zu adjustieren und so den Trend der 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz besser bewerten zu können, kommt nun die für diese Zwecke angepasste Methode des Nowcastings zum Einsatz", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung. Diese neue Berechnung soll ab sofort im RKI-Wochenbericht zur Verfügung stehen.

Bisherige RKI-Hospitalisierungsraten sind irreführend

Würden sich Politiker allein auf die bisherigen RKI-Hospitalisierungsraten verlassen, träfen sie Entscheidungen anhand von unvollständigen Informationen. Entscheidungsträger könnten beim Blick auf die verfälschten Raten von einem Trend ausgehen, der so gar nicht vorliegt. Zuletzt zeigten NDR Recherchen zudem, dass dieser systemische Fehler immer größer, die Hospitalisierungsrate also immer ungenauer wird.

Mit diesen Ergebnissen konfrontiert, antwortete das RKI dem NDR zuletzt, es handle sich eben um eine "Abwägung zwischen Zeitnähe und Datenqualität". Wenn die Daten - wie bei Covid-19 - maximal schnell bereitgestellt würden, gehe dies auf Kosten der Datenvollständigkeit. Dies müsse bei der Definition von Schwellenwerten berücksichtigt werden.

Schätzungen sollen die Corona-Daten vervollständigen

Mit dem Nowcasting schlägt das RKI jetzt einen anderen Weg ein, wobei abzuwarten bleibt, wie stark sich die Hospitalisierungsraten nach der neuen Berechnung verbreiten werden. Denn erstmal sollen sie nur im Wochenbericht erscheinen, nicht etwa im Dashboard "Covid-19-Trends", auf das sich auch die jüngste Novelle des Infektionsschutzgesetzes als jenen Ort bezieht, wo das RKI die wichtigsten Corona-Indikatoren bereitstellen soll.

Dem Robert Koch-Institut liegen bei vielen gemeldeten Hospitalisierungen aus den Bundesländern keine Angaben zum Tag der Krankenhauseinweisung vor. Das RKI hat sich deshalb dazu entschieden, das Meldedatum für die Berechnung der Hospitalisierungsraten zu verwenden, also letztlich den Tag, an dem ein Gesundheitsamt vor Ort erstmals von einem Erkrankten erfahren hat.

Weil sich der Zustand eines Erkrankten aber womöglich erst Tage später so stark verschlechtert, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden muss und diese Information dann über die Meldekette im Nachhinein erst noch ans RKI gelangen muss, entsteht dieser Verzug.

Qualität der Rate dürfte steigen

Mit dem Nowcasting fängt das RKI jetzt an, das Datum der Hospitalisierung für jene Fälle zu schätzen, bei denen dem Institut nur das Meldedatum vorliegt. So beruhen die Aussagen zwar zukünftig auf einer Schätzung. Dennoch dürfte die Qualität der Hospitalisierungsrate damit steigen.

RKI sitzt zwischen den Stühlen

Das Robert Koch-Institut befindet sich bei der Hospitalisierungsrate in einer schwierigen Situation: So ist das Institut auf die Zulieferung der Daten aus den Gesundheitsämtern vor Ort angewiesen. Gleichzeitig ist es per Infektionsschutzgesetz dazu verpflichtet, die Daten bereitzustellen. Darüber, wie die nötige Datenqualität zustandekommen soll, um einen neuen Leitindikator mit Aussagekraft zu schaffen, hat sich der Gesetzgeber allerdings keine Gedanken gemacht.

Hospitalisierungsraten vieler Bundesländer weiterhin besser

Erstaunlich ist allerdings, dass viele Bundesländer für ihr eigenes Land auch weiterhin eine exaktere Hospitalisierungsrate veröffentlichen können. Wie eine NDR Recherche jüngst zeigte, können etwa Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern auf das Datum der Einweisung zugreifen. In Niedersachsen hat man dazu extra ein komplett digitales System etabliert, das die Krankenhäuser parallel zum offiziellen RKI-Meldeweg mit Informationen befüllen.

Weil die Hospitalisierungsraten für diese Bundesländer im Norden bisher trotzdem immer deutlich von jener des RKI abweichen, scheint es in der offiziellen Meldekette auch dort zu größeren Zeitverzügen zu kommen, wo das Einweisungsdatum eigentlich vorliegt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 14.10.2021 | 08:30 Uhr

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