Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek über Warnsignale aus England und das Dunkelfeld Long-Covid

Stand: 15.06.2021 17:20 Uhr

Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update spricht die Virologin Sandra Ciesek über die Risiken im Sommer. Sie erklärt die mögliche Impfnebenwirkung einer Herzmuskelentzündung und was Long-Covid so schwer greifbar macht.

von Ines Bellinger

Tanz mit dem Tiger - so hat Christian Drosten einmal jene Situation in der Coronavirus-Pandemie beschrieben, in der wir uns auch gerade wieder befinden: Das Infektionsgeschehen ist stark eingedämmt, das Virus zurückgedrängt. Wie viel Leine dürfen wir dem "Raubtier" nun lassen, ohne das Risiko einzugehen, dass es uns erneut anfällt? Darüber wird in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Die einen sagen: Masken runter und schnellstmöglich zur Normalität zurückkehren. Andere warnen vor Leichtsinn.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: (93) Es ist noch nicht vorbei (97 Min)

Die Gefahr von Großveranstaltungen als Superspreader-Events

Sandra Ciesek gehört zu den eher Vorsichtigen. "Im Außenbereich ist es bei so niedrigen Inzidenzen sicher vertretbar, auf Masken zu verzichten", sagt die Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main in der neuen Podcast-Folge. "Kritisch sehe ich Großveranstaltungen, wo ganz viele Menschen zusammenkommen, die noch nicht oder nur teilweise geimpft sind." Aus solchen Situationen könnten leicht wieder Superspreader-Events entstehen, also Ereignisse mit explosionsartig steigenden Ansteckungszahlen.

Delta-Variante: Großbritannien verschiebt Lockerungen

Die Virologin verweist auf die "Warnsignale" aus Großbritannien. Obwohl dort bereits mehr als 40 Prozent der Bevölkerung den vollständigen Impfschutz haben, breitet sich die zuerst in Indien festgestellte Delta-Variante stark aus. Die britische Regierung hat daher die für den 21. Juni geplante Aufhebung aller Corona-Maßnahmen um vier Wochen verschoben. In Großbritannien ist die Delta-Variante inzwischen für mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich. In Deutschland dominiert noch die zuerst in Südostengland entdeckte Alpha-Variante (britische Variante). Die Nachweisrate der Delta-Variante liegt nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) hierzulande derzeit bei etwa drei Prozent.

Einschleppen von Virusvarianten im Sommer kaum zu verhindern

Ciesek rechnet aber damit, dass sich auch bei uns die Delta-Virusvariante durchsetzen wird, zumal mit den Sommerferien bald auch die Reisezeit beginnt. "Natürlich sind Reisen eine Gefahr", sagt die Wissenschaftlerin. Man verhalte sich anders im Urlaub, bei Fernreisen herrschten oft andere hygienische Bedingungen. Die Wiedereinreise per Auto, Bahn oder Schiff sei nicht so gut zu kontrollieren wie per Flugzeug. Ein Einschleppen von Virusvarianten in Niedriginzidenzgebiete, wie es Deutschland derzeit ist, sei kaum zu verhindern. Das habe man im vergangenen Sommer gesehen. "Wichtig ist, dass man das so weit wie möglich hinauszögert, um noch so viele Menschen wie möglich zu impfen."

Herzmuskelentzündung nach mRNA-Impfung - Mögliche Komplikation bei Jüngeren

Zu den in Wissenschaftskreisen meistdiskutierten möglichen Nebenwirkungen einer Corona-Schutzimpfung bei Jüngeren gehören Herzmuskelentzündungen (Myokarditis), wie sie in den USA und Israel beobachtet werden. In den USA verzeichnete das Vaccine Adverse Event Reporting System, ein Melderegister für Impfnebenwirkungen, bis Ende März knapp 800 Fälle mit Symptomen einer Myokarditis oder Perikarditis (Herzbeutelentzündung), die zuvor mit einem mRNA-Impfstoff (500 mit Biontech, knapp 300 mit Moderna) geimpft worden waren. 475 der Betroffenen waren unter 30 Jahre. Bei den meisten Betroffenen war der Verlauf den Angaben zufolge mild. Ein Kausalzusammenhang mit der Impfung sei nicht abschließend geklärt, sagt Ciesek. Myokarditis kann bei jüngeren Menschen nach verschiedenen Viruserkrankungen auftreten. "Aber ich gehe davon aus, dass die Seuchenschutzbehörde CDC Myokarditis in den nächsten Wochen als mögliche Impfkomplikation nach mRNA-Impfstoffen einstufen wird."

Kinder sind Coronavirus ungeschützt ausgesetzt

Eine Gruppe, die derzeit noch zu den am wenigsten vor Covid-19 Geschützten zählt, sind Kinder. Für unter Zwölfjährige ist noch kein Impfstoff zugelassen. Für die Alterskohorte zwischen 12 und 17 Jahren hat die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Impfempfehlung nur im Fall von Vorerkrankungen ausgesprochen. Aus Sicht der Stiko überwiegt der Nutzen für die Gesamtheit der Kinder nicht das Risiko. Die Biontech-Zulassungsstudie mit 1.100 Kindern über einen Beobachtungszeitraum von nur zwei Monaten könne mögliche schwere Nebenwirkungen nicht hinreichend ausschließen, hieß es.

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Studie aus Israel: Mehr Impffortschritt schützt auch die Kinder

Wer sein Kind nicht impfen lassen möchte, darf auf einen Effekt des Impffortschritts hoffen, den eine jüngst in "Nature Medicine" erschienene Vergleichsstudie aus Israel beschreibt. Zwischen Dezember 2020 und März 2021 analysierten Forscher Impfdaten von 16- bis 50-Jährigen und brachten sie in Zusammenhang mit Testergebnissen von unter 16-Jährigen aus denselben Regionen. "Man sieht eine klare Korrelation", sagt Ciesek. "Je mehr Erwachsene sich impfen lassen, umso geringer war der Anteil an Kindern, die positiv getestet wurden."

Studie über Berliner Pflegeheim: Geimpft und doch infiziert

Dass man mit einer Impfung nicht nur sich selbst schützt, sondern auch die Weitergabe des Virus einschränkt, ist auch für eine andere gefährdete Gruppe in der Gesellschaft bedeutsam: die Älteren. Zwar sind viele Menschen über 80 Jahre inzwischen vollständig geimpft und damit vor schweren Covid-19-Verläufen geschützt. Doch zwei Studien aus der Berliner Charité zeigen, dass sie damit keineswegs komplett vor einer Infektion geschützt sind. So infizierten sich Anfang Februar in einem Berliner Pflegeheim 20 von 24 Bewohnern bei einer Mitarbeiterin, die sie betreut hatte. 20 dieser Bewohner hatten kurz vorher ihre zweite Impfung erhalten. Alle Ungeimpften und zwei geimpfte Bewohner mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auch ein Drittel der Mitarbeiter wurde positiv getestet, keiner war doppelt geimpft, mehr als 40 Prozent gar nicht. Nach Angaben der Forscher war im Vergleich bei den Geimpften die Konzentration an Viren niedriger und die Dauer der Virenausscheidung deutlich kürzer (7,5 Tage versus 31 Tage).

Immunantwort bei Älteren verzögert und weniger robust

In der zweiten Studie untersuchte die Gruppe um Victor Corman den Zeitverlauf der Antikörper-Antwort bei Älteren im Vergleich zu Jüngeren nach einer Corona-Schutzimpfung. Die Daten offenbarten vor allem kurz vor der zweiten Impfung deutliche Unterschiede zwischen den Kohorten. Die Älteren (im Schnitt 81 Jahre versus 34 Jahre) hatten sowohl niedrigere Antikörperspiegel als auch signifikant schwächere T-Zell-Reaktionen: "Es ist wichtig zu wissen, dass man bei Älteren sowohl eine sehr verzögerte als auch eine weniger robuste Immunantwort beobachten kann", sagt Ciesek. Beide Paper zeigten, dass bei älteren Menschen die Impfung der Kontaktpersonen vorrangig sein müsse.

Long-Covid-Symptome: Bunt und breit und noch wenig erforscht

Wer sich einmal mit Sars-CoV-2 infiziert hat, unterliegt auch dem Risiko, an Long-Covid zu erkranken - über Monate anhaltende Langzeitfolgen, die sich mit multisystemischen Symptomen bemerkbar machen können. Diese Tatsache und der Umstand, dass Long-Covid bislang kaum erforscht ist, mache die Erkrankung so schwer greifbar, sagt Ciesek. So wurden in einem Artikel in der Fachzeitschrift "Nature" von mehr als 3.500 Befragten insgesamt 205 Symptome angegeben - am häufigsten Müdigkeit, Unwohlsein bei körperlicher Anstrengung, aber auch kognitive Probleme. "Die Symptome sind sehr bunt und sehr breit", sagt Ciesek.

Long-Covid-Patienten: Im mittleren Alter und mehr Frauen als Männer

Frauen sind den Daten nach häufiger betroffen als Männer, vor allem trifft es Menschen zwischen 35 und 50, die eigentlich im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit stehen müssten. Medikamente helfen Erkrankten nur punktuell, Daten zu möglichen Impfeffekten sind noch unvollständig. Sicher ist laut Ciesek, dass es nicht mit der Schwere der Erkrankung in der akuten Phase zusammenhängt, ob man ein Long-Covid-Syndrom entwickelt: "Eine Rolle spielen eher Alter, Geschlecht und die ersten Symptome."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.06.2021 | 17:00 Uhr

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