Stand: 16.01.2020 20:46 Uhr

Organspende-Beschluss: Lob und Kritik aus dem Norden

Bild vergrößern
Der Bundestag hat am Donnerstag die Neuregelung von Organspenden beschlossen.

Der Bundestag in Berlin hat am Donnerstag neue Regeln für die Organspende beschlossen. Künftig soll die sogenannte Erweiterte Entscheidungsregelung gelten. Alle Bürger werden demnach künftig regelmäßig gefragt, ob sie Spender sein wollen - beispielsweise bei der Ausstellung von Personalausweisen oder Führerscheinen. Norddeutsche Kirchenvertreter lobten die sogenannte Erweiterte Entscheidungsregelung. Von anderer Stelle gab es Kritik.

Hamburger Ärztekammerpräsident: "Chance vertan"

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) und der Präsident der Hamburger Ärztekammer Pedram Emami äußerten sich enttäuscht. Die Abgeordneten hätten "die Chance vertan, einen wichtigen Baustein zur Erhöhung der Spenderzahlen auf europäisches Niveau gesetzlich zu zementieren" erklärte Emami. Seiner Meinung nach wäre das Selbstbestimmungsrecht des Menschen durch eine Widerspruchslösung nicht in Gefahr gewesen. "Ein einfaches 'Nein' ohne Begründung hätte ausgereicht, um zu widersprechen." Prüfer-Storcks sagte, mit der Doppelten Widerspruchslösung hätte die große Lücke zwischen potenziell möglichen und tatsächlich realisierten Organspenden verringert werden können.

Videos
03:57
Hamburg Journal

Hamburgs Gesundheitssenatorin von Regelung enttäuscht

Hamburg Journal

Der Bundestag hat die Widerspruchslösung bei der Organspende abgelehnt. Wie kommt die Entscheidung in der Bevölkerung an? Was sagt Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks? Video (03:57 min)

Bischöfe begrüßen Bundestagsbeschluss

Braunschweigs Landesbischof Christoph Meyns begrüßte die Entscheidung des Bundestages: "Der Staat sollte hier den Anschein jedweder Repression vermeiden." Anderen Menschen den eigenen Körper zur Verfügung zu stellen, sei ein herausragender Akt der Nächstenliebe. "Allen, die sich dazu entschließen, gebührt mein größter Respekt", sagte Meyns. Der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, Thomas Adomeit, sagte: "Eine Spende bleibt eine Spende." Mit der Zustimmungsregelung sei die Wertschätzung der freien Entscheidung und des menschlichen Körpers jenseits ökonomischer Verfügbarkeit am besten gesichert. Ähnlich äußerte sich der hannoversche Landesbischof Ralf Meister: "Aus meiner Sicht darf niemand zu einer Entscheidung gezwungen werden."

Wären Zwischenwege möglich gewesen?

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) sprach hingegen von einem Tag der verpassten Chancen. Er hatte sich für einen Zwischenweg ausgesprochen, bei dem man sich bei der Beantragung eines offiziellen Dokumentes hätte entscheiden müssen, ob man Spender sein möchte oder nicht. "Ich glaube, diese etwas höhere Verbindlichkeit hätte gutgetan - für die Ärztinnen und Ärzte, für die Transplantationsbeauftragten, aber auch für die Angehörigen."

Fragen und Antworten

Organspende: Spendenbereitschaft aktiv erklären

In Deutschland werden die Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft aktiv selbst entscheiden, ob sie nach dem Tod ihre Organe spenden wollen. Das beschloss der Bundestag. Fragen und Antworten zum Thema. mehr

Auch der Rektor der Universität Rostock, Wolfgang Schareck, kritisierte den Bundestagsbeschluss. Er hätte sich eine Pflicht zur widerrufbaren Entscheidung gewünscht, sagte Schareck NDR 1 Radio MV. Seine Sorge gelte den Patientinnen und Patienten auf der Warteliste sowie der Situation des Organmangels in der Solidargemeinschaft in Europa, wo Deutschland nach wie vor ein Schlusslicht sei. Schareck arbeitete vor seiner Zeit als Rektor in Rostock an mehreren Kliniken als Transplantationsmediziner.

Baerbock: "Der Mensch gehört sich selbst"

Laut Bundestagsbeschluss sollen die Deutschen künftig mindestens alle zehn Jahre gefragt werden, ob sie Spenderin oder Spender sein wollen. Positive Ergebnisse sollen in einem Online-Register festgehalten werden - aber ohne Verpflichtung. Vorgeschlagen hatte dieses Verfahren, das auch Zustimmungslösung genannt wird, eine Abgeordnetengruppe um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock. Sie sagte vor der Abstimmung im Parlament, das Grundgesetz schreibe vor, das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen zu respektieren: "Der Mensch gehört sich selbst, ungefragt, ohne Widerspruch." In der entscheidenden dritten Lesung votierten 432 Abgeordnete für die Entscheidungsregelung, 200 Parlamentarier stimmten dagegen, 37 enthielten sich.

Widerspruchslösung durchgefallen

Kommentar

Chance auf lebensrettende Maßnahme ist vertan

Der Bundestag hat sich bei der Organspende auf die Zustimmungsregelung geeinigt - und so die Chance auf eine lebensrettende Maßnahme vertan, meint Birthe Sönnichsen im NDR Info Kommentar. mehr

Als erstes hatte der Bundestag am Donnerstag über die von Politikern um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den SPD-Gesundheitsexperten und -Fraktionsvize Karl Lauterbach vorgeschlagene Doppelte Widerspruchslösung abgestimmt. Damit wäre grundsätzlich jeder Bürger potenzieller Spender geworden, außer er lässt seinen Widerspruch dagegen in ein Register eintragen. Lauterbach sagte, jedes Jahr stürben in Deutschland 1.000 Menschen, weil sie kein Spenderorgan bekämen. Die Widerspruchslösung sei "eine einfache unbürokratische Regelung, wie man zum Spender wird". Sie bedeute keine Pflicht zur Spende, so Lauterbach. Eine entsprechende Regelung gilt bereits in 23 europäischen Ländern. Nur 292 Parlamentarier im Bundestag unterstützten jedoch den Antrag, 379 Abgeordnete votierten dagegen.

Abstimmung ohne Fraktionszwang

Die Abstimmung im Bundestag fand ohne Fraktionszwang statt - die Abgeordneten sollten nur ihrem Gewissen folgen und nicht möglichen Vorgaben ihrer Parteien. Fast alle Rednerinnen und Redner betonten, sie teilten das Ziel, die Zahl der Organspenden in Deutschland zu erhöhen. Neben dem nun beschlossenen Gesetz stand noch eine weitere Option im Raum: die sogenannte Vertrauenslösung. Diese hatte die AfD ins Spiel gebracht. Sie sah eine hausärztliche Beratung aller Spende-Interessierten vor.

9.000 Menschen warten auf Organspende

Anlass für die Neuregelung war die vergleichsweise geringe Zahl von Organspendern in Deutschland. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten hierzulande derzeit mehr als 9.000 Menschen dringend auf ein Spenderorgan. Die sogenannte Entscheidungsregelung gilt bereits jetzt in Deutschland: Organentnahmen bei Hirntoten sind nur möglich, wenn der Betroffene dem zuvor ausdrücklich zugestimmt hat. Allerdings gibt es zurzeit noch kein Verfahren, das die mögliche Spendenbereitschaft regelmäßig abfragt. Es beruht auf Eigeninitiative, sich einen Organspendeausweis zu beschaffen. Lediglich die Krankenkassen sollen die Bürger in regelmäßigen Abständen über die Möglichkeit informieren.

Audios und Videos zum Thema
02:36
Hallo Niedersachsen
07:43
Schleswig-Holstein Magazin
Weitere Informationen

Neue Organspende-Regeln: Das sagt Niedersachsen

16.01.2020 15:00 Uhr

Der Bundestag hat neue Regel für die Organspende beschlossen. Potenzielle Spender sollen regelmäßig ihre Zustimmung geben. Niedersachsen diskutiert kontrovers. mehr

Norddeutsche spenden 2019 weniger Organe als 2018

13.01.2020 11:00 Uhr

In Norddeutschland ist laut DSO-Jahresbericht die Zahl der Organspender von 2018 auf 2019 leicht gesunken. Niedersachsen liegt bei Transplantationen bundesweit auf Platz vier. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 16.01.2020 | 12:30 Uhr