Stand: 26.05.2020 12:29 Uhr

Corona: "Bild"-Kampagne gegen Virologe Drosten?

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Virologe Christian Drosten: "Tendenziöse Berichterstattung der 'Bild'-Zeitung".

Christian Drosten ist wohl einer der einflussreichsten wissenschaftlichen Experten in der Corona-Krise. Er wird von der Bundesregierung zu Rate gezogen, ebenso wie von den Medien. Auch bei NDR Info kommt er immer wieder zu Wort - vor allem im Podcast "Coronavirus-Update". Sehr kritisch hat sich zuletzt wiederholt die "Bild"-Zeitung gegenüber den Einschätzungen von Drosten gezeigt. Nun scheint der Streit zwischen dem Virologen und dem Boulevardblatt eskaliert zu sein. NDR Info Moderator Stefan Schlag hat darüber mit NDR Info Medienexpertin Kathrin Schmid gesprochen.

Was ist passiert? Wie hat sich das entwickelt?  

Kathrin Schmid: Der Streit geht in der Sache um die Frage; wie ansteckend Kinder in Bezug auf das Corona-Virus sind. Aber man kann sich in diesem Fall wirklich die Frage stellen, ob es überhaupt um die Sache geht. Der Streit, der seit Montagnachmittag geführt wird, ist ein Streit um vermeintlich journalistische Methoden, die sehr zweifelhaft sind. Konkret hat "Bild" einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel "Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch" und fragt im typischen "Bild"-Stil: "Wie lange weiß der Star-Virologe schon Bescheid?“

Dann wird rekapituliert, dass das Institut für Virologie an der Berliner Charité, das Drosten leitet, Ende April Untersuchungen veröffentlicht hat, die ergeben, dass es keinen signifikanten Unterschied bei der Viruslast von Kindern und Erwachsenen gibt. Daraus konnte man schlussfolgern, dass eine uneingeschränkte Öffnung von Schulen und Kitas zu dem Zeitpunkt nicht zu empfehlen ist. Und dann werden in diesem "Bild"-Artikel Stimmen verschiedener Wissenschaftler gesammelt, die dieses Untersuchungsergebnis vermeintlich scharf kritisieren. 

Drosten hat sich ja in den vergangenen Wochen und Monaten immer mal wieder auch kritisch über Medienberichterstattung geäußert. Wie reagiert er in diesem Fall?

Schmid: Er hat einen besonderen Weg gewählt: Er wurde von der "Bild"-Zeitung vor dem Erscheinen des Artikels angefragt, er möge doch Stellung zu der Kritik nehmen. Das hat Drosten nicht in gewünschter Weise getan, sondern er hat die Mail-Anfrage des "Bild"-Redakteurs über Twitter veröffentlicht. Zuerst noch mit den persönlichen Daten des Journalisten. "Versehentlich", wie Drosten sagt - und was ihm zu Recht Kritik eingebracht hat. Das hat Drosten dann kurze Zeit später korrigiert.

Aber in dieser Anfrage ist eben auch zu sehen, dass Drosten mit Satzfetzen von Kritik konfrontiert wird, zu der er Stellung nehmen soll. Wie etwa die eines US-Professors, der sagt: "Es gibt viele gute Argumente gegen eine schnelle Wiedereröffnung der Schulen, aber die Charité-Studie trägt nichts dazu bei." Oder die Äußerung eines Professors der Uni-Zürich, nämlich: "Die Ergebnisse müssten mit einiger Vorsicht interpretiert werden". Das alles ist natürlich recht allgemein.

Auch sehr bemerkenswert ist: Drosten wird nur eine Stunde Zeit eingeräumt, darauf zu reagieren. Deshalb hat der Virologe die Anfrage bei Twitter veröffentlicht und dazu geschrieben: "Interessant: die #Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang. Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun."

Ist das denn die "richtige Antwort", wenn ein Medium wie die "Bild" eine Berichterstattung plant? Drosten hätte ja auch einfach noch mal seine Studie erklären und verteidigen können, wenn er dahinter steht …

Schmid: Auch das ist richtig. Aber in der Tat ist es ein sehr unjournalistisches Vorgehen, seinem Gegenüber eine Frist von einer Stunde zu geben. Das zeigt im Prinzip schon, dass die "Bild"-Geschichte längst feststand. Und im Ergebnis ist auch ein Bericht veröffentlicht worden, der mindestens sehr tendenziös ist. Es werden wichtige Aussage von Drosten verändert - aus einem Konjunktiv wird schnell ein Indikativ. Es heißt zum Beispiel, Drosten sage, "Kinder können genauso ansteckend sein wie Erwachsene". Im Original, das auf englisch erschien, heißt es aber "may be as infectious" - also "könnten". Das ist mindestens unsauber.

Und die zitierten Kritiker distanzieren sich jetzt auch öffentlich von dem Artikel. Der zitierte Professor aus Bonn schreibt, er habe nichts von einer Anfrage der "Bild" gewusst. Und der zitierte US-Professor gab sogar dem "Spiegel" dazu ein Interview. Dort sagt er, er habe mal eine Methode der Drosten-Studie hinterfragt, wisse aber auch nichts von einer "Bild"-Anfrage und wolle nicht Teil dieser Kampagne sein.

Auch Politiker von CDU, SPD bis Grüne springen jetzt Drosten bei. Und sein besagter Tweet wurde bis Dienstagmorgen 48.000 Mal geliked und knapp 8.000 Mal geteilt.

Was sagt uns das ganze Scharmützel?

Schmid: Ich glaube, recht entlarvend ist da eine Schlussfolgerung, die die "Bild" sehr früh in diesem Artikel in Fettdruck bringt - nämlich als quasi rhetorische Frage. Da wird geunkt: "Fiel die deutsche Schulpolitik einer falschen Studie zum Opfer?" Das soll ganz offensichtlich suggerieren: Können Schülerinnen und Schüler in Deutschland nur deshalb nicht wie früher zur Schule gehen, weil Virologe Drosten Ende April Ergebnisse präsentiert hat, die das erst mal nicht empfehlen?

Das ist natürlich unglaublich verkürzt. Wir hören es ja eigentlich jeden Tag: Es gibt eine Debatte in Politik und Wissenschaft über das Thema "Schul- und Kita-Öffnungen" - mit ganz unterschiedlichen Stimmen. Drosten selbst hat mehrfach betont, dass auch seine Studie einige Fragen offen lässt und weiter untersucht werden muss.

Insofern kann man das auch eine gezielte Kampagne gegen eine gewichtige Stimme aus der Wissenschaft nennen, die vielleicht nicht den unbedingten Lockerungs-Kurs empfiehlt, wie ihn die "Bild"-Zeitung anzustreben scheint.

Weitere Informationen
Link

Faktenfinder: Wie "Bild" auf Drosten losgeht

Ein "Bild"-Artikel über eine Studie des Virologen Drosten zeigt, wie Forschung zum Virus diskreditiert wird, indem eine Fachdebatte unter Forschern missbraucht wird. Mehr bei tagesschau.de. extern

Bemerkenswert ist: Auch ehemalige, langjährige "Bild"-Journalisten wie Georg Streiter, der auch schon Regierungssprecher war, distanzieren sich davon ganz deutlich. Streiter hat eine lange Stellungnahme auf Facebook veröffentlicht, in der er unter anderem sagt: "Diese Schlagzeile ist durch NICHTS belegt. Durch GAR NICHTS." Und Streiter geht bemerkenswert hart mit der Arbeit der "Bild"-Redaktionsführung ins Gericht: "Aber deshalb tut es umso mehr weh, zu beobachten, wie der aktuelle Chefredakteur mit einer Handvoll gläubiger Jünger seit März 2018 die gute Arbeit der Mehrheit ihrer Kolleginnen und Kollegen ruiniert."

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(43) Das Leben nach draußen verlagern

Denkanstöße für eine (fast) maßnahmenfreie Zeit. Der Stand der Forschung in Sachen Kinder und Christian Drosten nimmt Stellung zu den Vorwürfen der "Bild"-Zeitung. Audio (52:30 min)

"Coronavirus-Update" Der Podcast mit Christian Drosten

Die Produktion des Podcasts befindet sich zurzeit in der Sommerpause. Hier finden Sie alle 50 Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr

Coronavirus-Update: Alle Folgen

Professor Christian Drosten, der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, liefert im Coronavirus-Update Expertenwissen. Hier finden Sie alle Folgen in der Übersicht. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 26.05.2020 | 08:07 Uhr

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