Stand: 24.11.2019 06:35 Uhr

Bestattungen im Norden: Eine Kultur im Wandel

von Lena Petersen, NDR Info

Ein Holzkreuz und eine Urne im Wald. © NDS Online Foto: Joachim Reinshagen
Immer weniger Menschen entscheiden sich für das klassische Friedhofsgrab.

Nancy Zenders Mutter Gisela ist im Februar dieses Jahres gestorben. Was mit ihrer Asche geschehen soll, darüber hatte die in Schlesien geborene Bremerin vorher mit ihrer Tochter ausführlich gesprochen. "Meine Mutter wollte immer sehr gerne an der Weser verstreut werden. Sie hat immer gesagt: 'So wie ich gekommen bin - vom Winde verweht nach Bremen hinein -, so möchte ich eigentlich auch wieder gehen'", sagt Nancy Zender.

Braucht verstreute Asche eine feste Adresse?

Die Stadt lehnte den schriftlich festgehaltenen Wunsch ab, da keine feste Adresse für die Asche genannt wurde. In Bremen darf die Asche bisher im eigenen Garten verstreut werden. Auch auf städtischen Flächen ist das offiziell möglich. Dafür hat die Stadt Bremen zwei Streuwiesen auf Friedhöfen vorgesehen - auch für die Asche von Nancys Mutter Gisela. "Dessen war ich mir ja nun ganz sicher, dass das nicht im Sinne meiner Mutter war", sagt Nancy Zender.

Sie legte Einspruch ein und durfte als erste Hinterbliebene die Asche auf einem städtischen Gebiet jenseits des Friedhofs verstreuen. Der Deichverband am rechten Weserufer stimmte zu. Ein Sprecher der Umweltsenatorin teilte auf Anfrage von NDR Info mit, die Asche dürfe überall dort auf städtischem Boden verstreut werden, wo die Totenruhe nicht gestört werde. Also zum Beispiel nicht auf Verkehrsinseln oder am Straßenrand.

Mecklenburg-Vorpommern lockert Vorschriften

Nancy Zender findet das wegweisend, nicht nur für Norddeutschland. Auch die Grabpflege sei für viele ein Problem. "Ich kenne inzwischen sehr, sehr viele Menschen, die Probleme damit haben, auf den Friedhof zu gehen." Zender ist davon überzeugt, dass das Bremer Modell in anderen Bundesländern Schule machen wird.

In Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gilt weiterhin der Friedhofszwang. In Mecklenburg-Vorpommern berät eine Expertenkommission über die Bestattungskultur. Eine Mehrheit hat sich zwar für den Friedhofszwang ausgesprochen, die Urne soll vor der Bestattung aber für eine noch unbestimmte Zeit zu Hause stehen dürfen - zum Abschiednehmen.

VIDEO: Sterben Friedhöfe aus? (1 Min)

Nordkirchenvertreter kritisiert Aufbewahrung zu Hause

Der Regierungsbeauftragte der Nordkirche, Markus Wiechert, sieht das Aufbewahren der Urne zu Hause kritisch. Denn dadurch gebe es keinen Ort, der für alle öffentlich zugänglich ist. Wenn es Streit in der Familie gebe, könnten Familienangehörige in der Zeit der Trauer, die bis zu zwei Jahre dauern könne, nicht an diesem Ort Abschied nehmen.

Asche als Schmuckkapsel oder Diamant?

Rechtsanwalt Torsten Schmitt wäre bei der Lockerung der Vorschriften lieber noch einen Schritt weiter gegangen. Er vertritt die Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas in der Expertenkommission. Schmitt hatte die Ascheteilung gefordert. Etwas Asche könnte dann in einer Schmuckkapsel aufbewahrt, zu einem Diamanten geprägt oder in einer Glasskulptur verarbeitet werden. "Viele Menschen empfinden das als eine Art, wie sie den Verstorbenen noch länger bei sich tragen können und als Unterstützung in der Trauer." Es solle mehr Möglichkeiten geben, die Trauer auszuleben.

"Ein Platz, wo sie lange glücklich war"

Der evangelische Kirchenvertreter Wiechert findet dagegen, Menschen sollten nach ihrem Tod nicht zu einem Gegenstand werden, den andere besitzen können. Während in Mecklenburg-Vorpommern noch diskutiert wird, stehen die Regeln in Bremen schon fest. Nancy Zender fand für die Asche ihrer Mutter am Weserufer die richtige Ruhestätte. "Ein Platz, der unmittelbar gegenüber von dem Ort war, wo sie sehr lange glücklich war. Das war für mich ganz toll."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 23.11.2019 | 08:50 Uhr

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