Stand: 31.03.2020 16:45 Uhr

Arbeitsmarktzahlen spiegeln Corona-Krise nicht wider

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Die Corona-Krise könnte deutliche Auswirkungen auf die Arbeitsmarkt-Entwicklung haben.

Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland im März unmittelbar vor Ausbruch der Coronavirus-Krise im Land noch einmal gesunken. Auch in allen norddeutschen Bundesländern gab es weniger Arbeitslose als im Februar. Da die heute veröffentlichten Zahlen allerdings Daten enthalten, die wegen der besonderen Situation nur bis zum 12. März erhoben wurden, bilden sie nur bedingt die aktuelle Lage ab. Im März waren den Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) zufolge bundesweit 2.335.000 Menschen ohne Job. Das sind 60.000 weniger als im Februar, aber 34.000 mehr als im März 2019. Die Arbeitslosenquote sank im März um 0,2 Prozentpunkte auf 5,1 Prozent.

 

Nach den Schulschließungen und den weiteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens ist die Lage nicht mit dem Vormonat Februar oder dem März 2019 vergleichbar. Eine Antwort auf die Frage, wie viele Jobs die Krise kosten wird, steht noch aus. Dieser Effekt dürfte sich erst im April in den Bilanzen bemerkbar machen. Dann ist mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu rechnen, da vermutlich einige Betriebe ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen können und entlassen werden. Wie stark sich das auswirkt, ist jedoch noch ungewiss, da als Alternative die Kurzarbeit zur Verfügung steht.

Hunderttausende Betriebe setzen in Krise auf Kurzarbeit

Laut Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) haben deutschlandweit bislang 470.000 Betriebe infolge der Coronavirus-Krise Kurzarbeit angezeigt. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 zeigten durchschnittlich etwa 1.300 Betriebe pro Monat Kurzarbeit an. Im Februar 2020 lag die Zahl der Kurzarbeitsanzeigen noch bei 1.900. Mit der Anzeige von Kurzarbeit starten die Unternehmen das formale Verfahren, damit Beschäftigte Kurzarbeitergeld erhalten. Die Anzeigen kämen aus nahezu allen Branchen, sehr viele aus dem Bereich Gastgewerbe und Handel, so Heil. Millionen von Beschäftigten könnten durch das Instrument Kurzarbeit ihre Jobs behalten: "Wir sind dieser Krise ausgesetzt, aber nicht ausgeliefert. Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz, der in dieser Situation gefährdet ist."

Neben Gastronomie, Tourismus und Handel sind auch Landwirtschaft und Industrie besonders von der Corona-Krise betroffen. Die Zahl der Arbeitnehmer, die unter diese Regelung fallen, erfasst die Arbeitsagentur erst, wenn tatsächlich kurzgearbeitet wurde. Die Bundesregierung rechnet mit mehr als zwei Millionen betroffenen Beschäftigten in diesem Jahr - das sind deutlich mehr als während der Finanzkrise im Frühjahr 2009, damals waren es 1,4 Millionen.

Experten hoffen, dass die Firmen, die auf Kurzarbeit setzen, nach Aufhebung der Kontaktverbote schnell wieder durchstarten und Tritt fassen können. "Kurzarbeit ist das Mittel der Wahl in dieser historischen Herausforderung für Wirtschaft und Arbeitsmarkt", sagte BA-Vorstandsvorsitzender Detlef Scheele. Die Bundesagentur übernimmt bei Kurzarbeit 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns. Bei Arbeitnehmern mit Kind sind es 67 Prozent. Bund und Länder unterstützen die Betriebe außerdem in Milliardenhöhe mithilfe von Zuschüssen, Krediten und Bürgschaften.

Niedersachsen: Lage seit Mitte März "grundlegend verändert"

Der Arbeitsmarkt in Niedersachsen gerät durch die Corona-Krise stark unter Druck. "Seit Mitte März hat sich die Lage grundlegend verändert, der Arbeitsmarkt steht nun vor enormen Herausforderungen", sagte die Chefin der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA), Bärbel Höltzen-Schoh. Zum Stichtag 27. März hatten den Angaben zufolge bereits 41.400 Firmen in Niedersachsen für ihre Beschäftigten Kurzarbeit angezeigt. "Kurzarbeit ist in der Konjunkturkrise eine gewaltige Stütze für in Not geratene Betriebe", so Höltzen-Schoh. Auch sie rechne aber schon bald mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen im Land. Da viele Firmen derzeit Nachfrage-Einbrüche meldeten und Probleme in den Lieferketten hätten, würden wahrscheinlich Beschäftigte entlassen, Jobs von Zeitarbeitern nicht verlängert und nur zögerlich Einstellungen vorgenommen, so ihre Schätzungen. "Wir sind in einem Ausnahmemodus, in dem wir von 100 auf 0 heruntergecrasht sind. Dem Wirtschaftsleben wurde praktisch der Stecker gezogen", sagte Höltzen-Schoh.

Bis Mitte März entwickelte sich der Arbeitsmarkt in Niedersachsen noch positiv, wie die Bundesagentur berichtete. Bezogen auf den verkürzten Zeitraum waren in Niedersachsen 3,3 Prozent weniger Arbeitslose gemeldet als im Vormonat, ihre Zahl sank auf 220.490, die Quote nahm um 0,2 Punkte auf 5,1 Prozent ab.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann hatte vor einigen Tagen im NDR gesagt, er erwarte neben der steigenden Kurzarbeit nun auch eine insgesamt höhere Arbeitslosigkeit. Man werde sehen, wo man stehe, wenn die Wirtschaft sich im zweiten Halbjahr oder im letzten Quartal 2020 wieder erhole.

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Schleswig-Holstein: Arbeitslosenquote liegt bei 5,2 Prozent

Die Arbeitslosigkeit hat in Schleswig-Holstein nach Angaben der Arbeitsagentur in Kiel bis in den März hinein abgenommen. Auch hier sind die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht berücksichtigt. Den Angaben zufolge wurden zum genannten Stichtag gut 81.800 Arbeitslose ermittelt. Das waren 3,7 Prozent weniger als im Februar und 0,4 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote betrug 5,2 Prozent - nach 5,4 Prozent im Februar.

Im Zusammenhang mit der Corona-Krise hatten bis zum 27. März bereits rund 17.800 Betriebe von insgesamt 123.000n Unternehmen im Land Kurzarbeit angemeldet. Im vergangenen Jahr habe es wöchentlich sieben solcher Anzeigen gegeben, sagte die Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, Margit Haupt-Koopmann, am Dienstag.

Das Arbeitsmarkt-Barometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung war im März so stark gefallen wie noch nie. Der Frühindikator für den deutschen Arbeitsmarkt verlor zum Vormonat um 1,5 Punkte auf 100,4 Punkte. Das war der stärkste Rückgang in einem Monat seit Einführung des Barometers im Jahr 2011. Normalerweise gibt es im März am Arbeitsmarkt eine deutliche Frühjahrsbelebung.

Mecklenburg-Vorpommern: 59.700 Arbeitslose gemeldet

Die Zahl der Erwerbslosen in Mecklenburg-Vorpommern ist im März um 3.000 auf 59.700 im Vergleich zum Vormonat zurückgegangen. Die Quote sank um 0,3 Punkte von 7,6 auf 7,3 Prozent. Auch im nördlichsten deutschen Bundesland seien die Auswirkungen der Corona-Krise wegen des frühen Stichtags der Datenerhebung nicht sichtbar, betonte Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur. Bis zum 27. März hätten etwa 11.500 Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern Kurzarbeit angemeldet. Haupt-Koopmann, sagte, sie begrüße jede Anmeldung von Kurzarbeit, denn sie bedeute, dass Arbeitsplätze erhalten würden.

Der Arbeitslosenverband Mecklenburg-Vorpommern fordert angesichts der Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes. "Bei allen Bemühungen des Bundes und des Landes wird es durch die Corona-Krise zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen und zu einem deutlichen Anstieg der Zahl arbeitsloser Frauen und Männern kommen", sagte der Vorsitzende des Arbeitslosenverbandes, Jörn Böhm. Selbst bei einem raschen Wiederanspringen der Wirtschaft werde das Beschäftigungsniveau vor der Krise nicht so bald wieder erreicht werden.

Außerdem forderte Böhm eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes insbesondere für Familien. Unterstützung benötigten zudem Träger von sozialen Hilfeprojekten, wie Kleiderkammern, Möbelbörsen und Suppenküchen, denen Einnahmen wegbrächen, während Fixkosten weiterliefen.

Hamburg: "Arbeitslosigkeit wird steigen"

Die Arbeitslosigkeit in Hamburg ist im März leicht zurückgegangen. Zum Stichtag 12. März waren 66.533 Hamburgerinnen und Hamburger arbeitslos gemeldet, das waren 1.177 weniger als im Monat zuvor. Im Jahresvergleich stieg die Arbeitslosigkeit dagegen um 3.056 Personen oder 4,8 Prozent. Die Arbeitslosenquote betrug 6,3 Prozent - im Februar hatte sie bei 6,4 Prozent gelegen. "Die Arbeitslosigkeit wird in den nächsten Monaten trotz großer Bemühungen aller verantwortlichen Akteure in Politik, Wirtschaft und Verwaltung ansteigen", vermutet Agenturchef Sönke Fock. Wie stark dieser Anstieg werde und wie lange er anhalte, sei derzeit nicht abzusehen.

Mehr als 12.700 Unternehmen haben in der Hansestadt wegen der Corona-Krise inzwischen Kurzarbeit angemeldet. "Wir können noch nicht einschätzen, wie viele Anzeigen tatsächlich in welchem zeitlichen Umfang umgesetzt werden und wie viele Personen jeweils hinter einer Meldung stehen", so Fock. Er gehe aber davon aus, dass im kommenden Monat weitere Betriebe vorsorglich Kurzarbeit anzeigen und nutzen werden. Kurzarbeit helfe aber dabei, in dieser Phase die Arbeitsplätze zu erhalten und den Anstieg von Arbeitslosigkeit geringer zu halten.

In Hamburg ist mittlerweile auch das Hilfsprogramm von Bund und Ländern für Selbstständige und kleinere Unternehmen angelaufen. Es habe bereits viele positive Rückmeldungen gegeben. Schon kurz nach dem Start habe es mehr als 1.000 Registrierungen und über 120 Anträge gegeben, teilte die Wirtschaftsbehörde mit.

Der Hamburger Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) hofft in der Corona-Krise auf ein Wiederanfahren des Wirtschaftslebens nach den Ostertagen. "Wir müssen aktuell noch mit Hochdruck daran arbeiten, dass wir die Ansteckungskurve nach unten drücken. Bis Ostern sollten wir dann einen klaren Plan erstellen, wie wir wieder ins Wirtschaftsleben zurückkehren können", erklärte er am Dienstag im "Hamburger Abendblatt". Hier denke er unter anderem an den Einzelhandel, gastronomische Betriebe oder auch Friseure.

Gemeldete Arbeitslose und Arbeitslosenquote (gerundete Werte)
März 2020Februar 2020März 2019
Niedersachsen220.5005,1%227.9005,3%221.1005,4%
Schleswig-
Holstein
81.1005,2%85.0005,4%82.2005,7%
Mecklenburg-
Vorpommern
59.7007,3%62.7007,6%64.2008,1%
Hamburg66.5006,3%67.7006,4%63.5006,5%
Bund2.335.4005,1%2.396.0005,3%2.301.0005,3%

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 31.03.2020 | 10:00 Uhr