Das Klinkerwerk im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme in Hamburg. Von 1938 bis 1945 waren hier mehr 100.000 Menschen inhaftiert. © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

KZ Neuengamme: Schleppende Ermittlungen wegen Corona

Stand: 26.11.2021 10:46 Uhr

Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Neuengamme wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord. Die Ermittlungen verzögern sich nach Informationen des Hamburg Journals im NDR Fernsehen wegen der Corona-Pandemie, da derzeit die Vernehmungsfähigkeit des Beschuldigten nicht festgestellt werden kann.

von Julian Feldmann

Die Ermittlungen richten sich gegen einen 95 Jahre alten Mann, der nach NDR Informationen heute im Ruhrgebiet lebt. Als Marinesoldat soll er von Januar bis März 1945 an der Bewachung von KZ-Häftlingen beteiligt gewesen sein. Dadurch soll der Verdächtige die Ermordung zahlreicher KZ-Häftlinge unterstützt haben, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage des NDR Hamburg Journals. Im KZ Neuengamme im Südosten der Hansestadt waren neben SS-Wachleuten auch Angehörige der Wehrmacht - unter anderem der Marine - zur Bewachung von Deportierten eingesetzt. In dem Konzentrationslager und seinen Nebenlagern kamen mehr als 40.000 Menschen ums Leben.

Das Ermittlungsverfahren gegen den einstigen KZ-Aufseher war im vergangenen Jahr bei der Staatsanwaltschaft Hamburg eingeleitet worden. Zuvor hatte die Zentrale Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg in dem Fall ermittelt und die Akte dann nach Hamburg abgegeben, da der Tatort in der Hansestadt liegt. Der Verdächtige war im Tatzeitraum 18 beziehungsweise 19 Jahre alt.

Gesundheitszustand des Verdächtigen soll geprüft werden

Weil zunächst die Vernehmungs- und Verhandlungsfähigkeit geprüft werden soll, stocken die weiteren Ermittlungen. Laut eines privatärztlichen Gutachtens ist der Beschuldigte nicht verhandlungsfähig. Die Staatsanwaltschaft will den Gesundheitszustand des Mannes jedoch unabhängig überprüfen lassen, weswegen sie bereits 2020 ein Institut für Rechtsmedizin mit der medizinischen Begutachtung beauftragt hat. "Pandemiebedingt", so die Staatsanwaltschaft, sei die Untersuchung bisher nicht möglich gewesen. Der Verdächtige wurde daher auch noch nicht zu den Vorwürfen befragt.

Das Hamburger Verfahren gegen den 95-jährigen Beschuldigten ist derzeit das einzige gegen einen Wachmann des KZ Neuengamme. Jüngst stellte die Generalstaatsanwaltschaft Celle Ermittlungen gegen einen 95-Jährigen aus Thüringen ein. Der Verdächtige sollte in Nebenlagern des KZ Neuengamme in Niedersachsen als Wachmann sogenannte Evakuierungsmärsche im März und April 1945 begleitet haben, bei denen viele entkräftete Häftlinge gestorben waren. Dem mutmaßlichen Aufseher konnte keine Beteiligung an Mordtaten nachgewiesen werden.

Ermittlungen in einem anderen Fall eingestellt

Bereits Anfang des Jahres waren die Ermittlungen gegen einen Aufseher in einem Neuengamme-Außenlager im Emsland eingestellt worden. Im Februar schoben die USA den 95-Jährigen nach Deutschland ab. Weil ihm die Beihilfe an den Mordtaten nicht nachgewiesen werden konnte, mussten die Ermittler das Verfahren einstellen.

In den vergangenen Jahren haben Staatsanwaltschaften bundesweit mehrere ehemalige Wachleute von Konzentrationslagern wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Seit dem Urteil gegen den ehemaligen KZ-Wachmann John Demjanjuk im Jahr 2011 ist dies wegen einer geänderten Rechtspraxis möglich. Nun wird die einfache Wachtätigkeit in einem KZ, in dem systematisch Menschen ermordet wurden, als Beihilfe zum Mord gewertet und von den Staatsanwaltschaften verfolgt.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 26.11.2021 | 19:30 Uhr

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