Corona: Meine Geschichte - Jens Cormann, "Hinz & Kunzt"-Verkäufer

Stand: 20.06.2021 05:00 Uhr

Wie hat die Pandemie Ihr Leben verändert? Unter dieser Fragestellung begleiten NDR 90,3 und das Hamburg Journal Hamburger und Hamburgerinnen durch die Corona-Zeit. Jens Cormann, "Hinz & Kunzt"-Verkäufer ist einer von ihnen.

von Isabelle Wildberger

Die "Hinz & Kunzt" verkauft er immer noch, nur sein Verkaufsplatz hat sich geändert: Jens Cormann sitzt heute auf seinem Klappstuhl vor einem Supermarkt in Eppendorf. Hier verkauft er an einem Tag so viel wie am Großen Burstah in einem Monat, sagt er selbst. Dort hat er bis vor wenigen Monaten das Straßenmagazin verkauft. Doch durch die Pandemie war in der Innenstadt spürbar weniger los als früher. Das hieß auch weniger Menschen, die das Straßenmagazin kaufen oder einfach Geld spenden. Der 45-Jährige entschied sich deswegen umzuziehen. Heute sitzt er in der Sonne vor dem Eingang des Ladens an der Eppendorfer Landstraße und hält seine "Hinz&Kunzt" hoch, jeden Tag mindestens sechs Stunden lang. Mitten im Wohngebiet sei neben dem Verdienst auch die Stimmung besser, erzählt er.

Noch im Hotel, bald in der eigenen Wohnung

Fast zehn Jahre lang hat Jens Cormann auf der Straße gelebt, hat zeitweise Platte vor Karstadt in der Mönckebergstraße gemacht. Dann kam die Pandemie, die für Obdachlose durch ihre schwierigen Lebensumstände besonders gefährlich ist. Jens Cormann hatte wie von der Sozialbehörde geschätzte 2.000 andere obdachlose Menschen in Hamburg keinen Rückzugsort. Er konnte nicht einfach "zuhause bleiben". Die Obdachlosenhilfe Alimaus, die Sozialarbeiter des Obdachlosenmagazins "Hinz & Kunzt" und die Diakonie haben daraufhin im vergangenen Winter 130 Obdachlose mit Hilfe von Spenden in Hotels unterbringen können. Jens Cormann ist einer von wenigen, die bis heute im Hotelzimmer bleiben konnten. Es ist als Übergang zur eigenen Wohnung gedacht: Im September kann der 44-Jährige in seine eigenen vier Wände im neuen Haus der "Hinz & Kunzt" in St. Georg ziehen.

Sein neues Ziel: ein regulärer Job

Jens Cormann vor dem Neubau des "Hinz&Kunzt"-Hauses  Foto: Meinhild Jach
Jens Cormann vor dem Neubau des "Hinz & Kunzt"-Hauses.

Dort gibt es Platz für 24 "Hinz & Kunzt"-Verkäufer, die in den Stockwerken oberhalb der Redaktionsräume wohnen werden. WGs, aber auch einzelne Wohnungen soll es geben, erzählt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer von der "Hinz & Kunzt". In der Stadt sei es immer schwieriger, Wohnraum für die Verkäufer des Straßenmagazins zu finden. Beim Neubau sei das nun berücksichtigt werden. Eine eigene Wohnung war lange der große Wunsch von Jens Cormann. Nun, da dieser sich in naher Zukunft erfüllen wird, hat er sich ein neues Ziel gesetzt: Er will einen regulären Job finden, zum Beispiel bei den "Brotrettern" der Bäckerei Junge.

Einzug im September

Bis dahin verkauft er weiterhin seine Zeitungen vor dem Supermarkt in Eppendorf. Man kennt ihn dort, bei warmem Wetter bekommt er vom Supermarkt einen Sonnenschirm gestellt. Wegen Corona hat sich der Bau des neuen "Hinz&Kunzt"-Gebäudes in den vergangenen Monaten verzögert. Jens Cormann hofft, dass es nun keine weiteren Aufschübe mehr gibt und er Anfang September einziehen kann.

Weitere Informationen
"Hinz&Kunzt"-Verkäufer Jens Cormann steht vor einem Supermarkt, trägt eine Maske und verkauf Zeitungen. © NDR Foto: Isabelle Wildberger

Ihr Leben in der Pandemie: Der Obdachlose

NDR 90,3 und das Hamburg Journal begleiten Menschen aus Hamburg durch die Pandemie, darunter: "Hinz&Kunzt"-Verkäufer Jens Cormann. (26.02.2021) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.06.2021 | 19:30 Uhr

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