Kommentar: Tschentscher geht mit Ausgangssperre Risiko ein

Stand: 01.04.2021 20:13 Uhr

Der Hamburger Senat hat eine nächtliche Ausgangsbeschränkung beschlossen. Von 21 bis 5 Uhr sollen die Leute ab Karfreitag ihr Haus nicht ohne triftigen Grund verlassen. Mit dieser strengen Regel geht Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher ein hohes Risiko ein, meint Jörn Straehler-Pohl in seinem Kommentar.

Peter Tschentscher ist mutig. Das muss man ihm lassen. Er entscheidet nicht danach, wie die Stimmungslage in der Stadt ist, sondern danach, was er für notwendig hält. Er wird damit wirklich zu einem Gegenspieler des Coronavirus. Das kümmert sich schließlich auch nicht darum, ob wir langsam genug haben. Und Tschentscher hat recht, wenn er sagt, dass es nur noch schlimmer wird, wenn man nicht schnell genug handelt. Und er ist klug genug, um uns keine falschen Hoffnungen zu machen: Die Ausgangssperre wird es wohl so lange geben, bis die Corona-Zahlen wieder deutlich gesunken sind.

Stimmung könnte kippen

Trotzdem hat der Bürgermeister auch eine sehr unglückliche Entscheidung getroffen. Denn sie trifft auch die, die sich bisher schon an alle Regeln gehalten haben - so gut es eben geht. Für die Feiernden am Jungfernstieg oder der Außenalster - für sie braucht es keine neuen Regeln, da hätten schon die bisherigen gereicht. Der Frust bei vielen wächst, etwas ausbaden zu müssen, was andere verbockt haben. Zum Beispiel das neue Chaos um AstraZeneca oder die immer noch fehlenden Schnelltests in Unternehmen. Deshalb könnte die Stimmung auch bei denen kippen, die bisher hinter den strengen Corona-Regeln gestanden haben.

Psychologische Bedeutung der Ausgangssperre

Tschentscher geht also ein hohes Risiko ein. Denn er kann sich - wie alle Politiker - nur bis zu einem bestimmten Punkt gegen eine Stimmungslage stemmen. Wahrscheinlich werden wir in einem Monat froh sein, dass er auf diese harte Maßnahme gesetzt hat. Der bittere Nachgeschmack, ein weiteres Mal unsere Freiheiten aufgegeben zu haben, er wird aber bleiben. Denn eine Ausgangssperre hat nicht nur praktische Konsequenzen. Sie hat vor allem eine psychologische Bedeutung. Sie gibt uns ein Stück weit das Gefühl, eingesperrt zu sein.

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