Reinhard Postelt vor einer Stadtteilkarte Hamburgs. © NDR Foto: Screenshot

Kommentar: Hamburg muss Corona-Politik anpassen

Stand: 10.04.2021 08:40 Uhr

Hamburgs finanziell schwache Stadtteile sind viel stärker von der Pandemie betroffen als der Durchschnitt. Das hat eine Auswertung von Stadtteil-Daten durch das NDR Hamburg Journal ergeben. Auf der Veddel haben sich pro Tausend Anwohnende fünf Mal so viele Menschen angesteckt wie in Blankenese oder Sasel. Reinhard Postelt kommentiert.

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie hoch das Ansteckungsrisiko in Ihrem Stadtteil ist? Erst ein Jahr nach Beginn der Pandemie wissen wir es. Es war der NDR, der Daten ausgewertet hat. Der Stadt liegen sie seit Monaten vor. Sie hat sie aber nicht beachtet. Begründung: Hamburg ist eine "Einheitsgemeinde", die Zahlen nützten nichts.

Wollten Politik und Verwaltung nicht hinschauen?

Ist das wahr? Daten über Ansteckungsherde werden einfach ignoriert? Ich befürchte, Politik und Verwaltung wollten gar nicht hinschauen. Möglicherweise haben sie Angst, etwas politisch Unkorrektes zu sagen, im Internet beschimpft und mit Rassisten und Rassistinnen in einen Topf geworfen zu werden. Es könnte ja sein, dass das extrem hohe Ansteckungsniveau in finanziell schwachen Stadtteilen nicht nur mit beengten Wohnverhältnissen zusammenhängt. Es könnte auch Folge des hohen Anteils an Migrantinnen und Migranten und deren Verständnisproblemen sein.

Es geht um den Schutz der Menschen

Vielleicht sollten sich Politiker und Politikerinnen mal in Wilhelmsburg oder Billstedt umsehen. Dort kann man es nicht übersehen: Die meisten halten sich an die Bestimmungen, aber Sie sehen dort viel mehr Männer als in Sasel oder Eimsbüttel, die ohne Maske ganz eng zusammenstehen. Es geht nicht um das Schlechtmachen, sondern um den Schutz der Menschen. Städte wie Köln oder die Landkreise Harburg und Pinneberg veröffentlichen schon lange lokale Corona-Werte und können so effektiv vorbeugen. Ich gehe doch weniger raus, wenn ich weiß, dass das Ansteckungsrisiko in meinem Stadtteil fünf Mal so hoch ist wie woanders.

Aufklärung in mehreren Sprachen und Sozialarbeit zwingend

Ärzte und Ärztinnen bestätigen meist hinter vorgehaltener Hand, dass überproportional viele Corona-Patientinnen und -Patienten mit Migrationshintergrund auf Intensivstationen mit dem Tod ringen. Da ist es doch zwingend, vor Ort in verschiedenen Sprachen per Flugblatt und Sozialarbeit aufzuklären. Erst nach der großen Resonanz der NDR-Veröffentlichung sahen sich die Fraktionen von Hamburgs SPD und Grünen genötigt zu handeln - mit mehr Vorbeugung in betroffenen Quartieren. 

Politiker dürfen Probleme nicht verschweigen

Von Problemgruppen sprechen die Politikerinnen und Politiker in ihrem Antrag kein Wort. Wenn man niemanden in die Verantwortung nimmt, wenn immer nur die Umstände schuld sind, wird sich für uns alle nichts bessern. Politiker und Politikerinnen, die Ausgangssperren durchsetzen, dürfen Probleme nicht weiter verschweigen. Außerdem müssen sie vor Ort gezielter aufklären und helfen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 10.04.2021 | 08:40 Uhr

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