Stand: 12.07.2020 16:35 Uhr  - NDR 90,3

Die Leiden der Kinder in der Corona-Zeit

Viele Wochen lang waren wegen der Corona-Beschränkungen Kitas und Schulen geschlossen. Expertinnen und Experten befürchten fatale Folgen für viele Kinder. Wie schlimm ist es? Das Hamburg Journal hat sich in verschiedenen Einrichtungen umgehört.

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Dreieinhalb Monate ohne Förderung - jetzt hat Sprachtrainerin Franziska Leischner viel zu tun in der Kita Springmäuse in Neuallermöhe. Mit Übungen versucht sie, das mühsam Gelernte bei vielen Kindern wieder hervorzuholen. "Die Kinder haben in der Corona-Zeit keine großartigen Fortschritte gemacht." Bei einigen, die bald in die Schule kommen, habe man beim Sprachstand eine Stagnation festgestellt, sagt Leischner. "Deswegen haben wir jetzt gerade so mehr oder weniger ein Niveau erreicht, bei dem wir sagen: Manche Kinder sind eigentlich noch nicht fit genug."

Besorgte Eltern riefen in der Kita an

Sprachpsychologin Franziska Leischner spielt mit einem Mädchen.
Sprachpyschologin Franziska Leischner übt Reime finden per Bildkarten - für Nele kein Problem.

Die Erzieherinnen und Erzieher sind erleichtert, dass die meisten Kinder wieder in der Kita sind. Während der Zeit, in der sie nicht kommen durften, hatten sich zunehmend Eltern mit Sorgen gemeldet: "Sie hatten Befürchtungen, dass ihre Kinder in der Entwicklung stehen geblieben sind oder sich rückentwickelt haben und wollten Unterstützung von uns", sagt Kita-Leiterin Ria Albert.

Eine weitere große Sorge von Experten ist, dass Gewalt an Kindern in der Corona-Zeit zugenommen hat. Ein Hinweis darauf ist die ständige Präsenz des Themas in den Frauenhäusern. Dort war der Zulauf in den vergangenen Wochen extrem. Selbst im gerade neu eröffneten sechsten Hamburger Frauenhaus sind viele Plätze belegt. Ob das eine Auswirkungen der Corona-Zeit ist, ist zwar nicht sicher, aber wahrscheinlich.

"Es kommt jetzt in den Frauenhäusern an"

Die Telefonnummer eines bundesweiten Hilfetelefons für Beratung bei häuslicher Gewalt.
Die Anrufe beim bundesweiten Hilfetelefon, das bei häuslicher Gewalt berät, nahmen deutlich zu.

"Die Frauen berichten, dass es für sie schwer war, als der Mann im Homeoffice war", sagt Anika Ziemba vom 4. Hamburger Frauenhaus. Zusätzlich belastend sei es gewesen, wenn es um den Job-Verlust oder die Angst davor gab. "Was in den letzten Wochen in den Häusern der Familien passiert ist, kommt jetzt in den Frauenhäusern an. Und wir gehen davon aus, dass sich das so fortsetzen wird."

Beziffern lässt sich eine Gewaltzunahme gegen Kinder bisher nicht. Ein möglicher Indikator lässt sich bei den Hilfsangeboten finden. So nahmen die Anrufe beim bundesweiten Hilfetelefon, das bei häuslicher Gewalt berät, von März auf April um 20 Prozent zu. Die Zahl der Fälle von Beziehungsgewalt hat jedoch zugenommen. Bis Juni hat die Polizei 2.252 Fälle registriert, das sind 400 mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl kann noch steigen, weil solche Straftaten häufig mit Verzögerung angezeigt werden

Behörde hat noch keinen Anstieg verzeichnet

Ralf Slüter vom Kinderschutzbund in Hamburg.
Ralf Slüter vom Kinderschutzbund fordert Erzieher und Lehrer auf, in diesen Zeiten besonders auf Veränderungen bei Kindern zu achten.

Laut der Sozialbehörde gibt es in Hamburg bei Meldungen zu Kindeswohlgefährung oder Inobhutnahmen bisher keinen Anstieg. Doch Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass vieles noch im Verborgenen liegt. "Bei schwierigen Situationen in den Familien behalten sie das für sich", sagt Ralf Slüter vom Kinderschutzbund Hamburg. "Erst wenn man intensiv mit den Kindern spricht und sie begleitet, dann würden sie davon erzählen."

Weitere Erkenntnisse nach den Ferien?

Er hofft auf mehr Erkenntnisse nach dem Ferienende. Denn gerade Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer würden Veränderungen bemerken. Umso wichtiger, dass sie dann besonders aufmerksam sind, meint Slüter. "Sie sollten ein offenes Ohr und offene Sinne haben und sich wirklich Zeit nehmen für Kinder. Und sie sollten zuhören, um nachzufragen und um zu erfahren, was ihnen in diesen Zeiten oder in diesen drei oder vier Monaten passiert ist."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 12.07.2020 | 19:30 Uhr

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