Corona und Alkohol: Der Weg aus der Sucht

Stand: 08.03.2021 07:01 Uhr

In der Pandemie hat das Thema Sucht eine höhere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten: Vor allem der Alkoholkonsum steigt, wie mehrere Statistiken und Umfragen belegen. Und Sucht verändert das Leben der Betroffenen grundlegend.

Der Weg aus der Sucht ist immer ein harter Weg. Je höher die Eigen-Motivation und eigene Kraft, aber auch je besser die Hilfe von außen ist, umso größer die Chancen. Dieter (Name von der Redaktion geändert) hat diesen Schritt gewagt.

Schlagzeugspielen hat sich der 51-Jährige selbst beigebracht. Zur Band der Sucht-Fachklinik Hamburg-Mitte gehören auch zwei Therapeuten der Einrichtung und weitere Patientinnen und Patienten. Dieter ist begeistert dabei: "Wir üben zweimal die Woche. Es ist gut für die Seele, sag' ich mal."

Erst Entzug, dann Stabilisierung

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Er hat es geschafft. Er ist trocken und kann bald wieder in eine eigene Wohnung ziehen.

Es sind seine letzten Tage hier in der Fachklinik Hamburg-Mitte in Rothenburgsort, die auf die Therapie von Suchterkrankungen spezialisiert ist. Nach einem Alkoholentzug im vergangenen Sommer ist er hier zur Reha gekommen, zur Stabilisierung. Dieter erzählt von der Zeit, als es ihm richtig schlecht ging: "Vor einem Jahr, da war das so bei mir: Ich kam nach Hause und ich musste was trinken. Dann kam der kleine Mann, der immer gesagt hat: 'Du weißt doch, du so kannst doch was trinken, ist doch nicht schlimm'… Mittlerweile bin ich soweit, dass mich nichts triggert. Ich bin jetzt viel freier."

Die größte Motivation: Seine Tochter. Sie ist acht Jahre alt und lebt bei der Mutter, aber jedes Wochenende sehen sie sich. Auch jetzt, während der Zeit in der Klinik, zumindest immer für ein paar Stunden. Für Dieter ist das das gute Verhältnis zu ihr das Allerwichtigste: "Meine Tochter hat mich noch nie betrunken gehen. Und das wird sie auch nie. Dafür mach ich das hier natürlich auch. Damit das auf keinen Fall passieren kann."

Kein leichter Schritt

Der Schritt aus der Therapieeinrichtung ins eigenständige Leben zurück ist nie ein leichter. Sozialer Halt wie Familie und eine klare Tagesstruktur - so betonen Ärztinnen, Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten - können helfen, abstinent zu bleiben. Die leitende Ärztin der Fachklinik, Dr. Katrin Gabriel, sagt: "Das ist schon ein großer Schritt. Man kennt das vielleicht, dass es auch komisch ist, wenn man lange im Krankenhaus gewesen ist, dann plötzlich wieder allein in die Wohnung zu gehen. Und dies hier ist natürlich noch ein deutlich größerer Schritt. Man hat hier einfach automatisch soziale Kontakte. Plötzlich ist man wieder allein und muss sich überlegen: Jetzt ist irgendwas nicht gut gelaufen, wen rufe ich an, wo kann ich mir Hilfe holen, wie verhalte ich mich in dieser Situation?"

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Wohnungen für Menschen mit wenig Geld

Dieter ist bei einer Wohnungsbesichtigung im Harburger Zentrum. Gerade ist die neue Wohnanlage fertig geworden: ein Glücksfall für Dieter. Sie gehört dem sozialen Träger der Suchtklinik, "Jugendhilfe e.V.". In allen dazugehörigen Suchthilfe-Einrichtungen zeigt sich täglich, wie schwer es für die Hilfesuchenden ist, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Deshalb hat der Verein zum ersten Mal selbst gebaut. Wohnungen für Menschen mit wenig Geld. Christine Tügel aus dem Vorstand des Vereins besichtigt zusammen mit Dieter seine zukünftige Wohnung. 37 Wohnungen werden in den nächsten Wochen hier bezogen. "Hier kommen Menschen hin, die Lust haben, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, und natürlich ist eine eigene Wohnung eine unheimlich große Motivation, bestimmte Dinge im Leben zu ändern beziehungsweise es halten zu wollen", sagt Tügel.

Nach dem Umzug folgt die Jobsuche

Dieter ist begeistert: Anderthalb Zimmer im Erdgeschoss für ihn, mit kleiner Terrasse. Bald kann er einziehen: "Jetzt geht auch meine Vorstellung los, wo ich was hinstellen kann. Ja, das ist toll! Ich freu mich!" Nun muss er noch einen Job finden - wohl die schwerste Aufgabe. Schon sehr lange kämpft Dieter mit der Alkoholsucht, hat aber fast ohne Unterbrechungen gearbeitet. Er ist gelernter Hafenfacharbeiter. "Ich kann mir ein Leben ohne Arbeit eigentlich gar nicht vorstellen. Vielleicht hab‘ ich Glück, dass mich noch einer nimmt. Abwarten, es wäre schon ein Traum!"

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