Die Silhouette von Personen auf einer Musikveranstaltung in strahlendem Licht. © Fotolia Foto: bernardbodo

Corona-Krise: Event-Branche in Existenznot

Stand: 12.10.2020 07:41 Uhr

Messen, Firmen-Events, große Konzerte und Festivals - das alles ist seit Corona gar nicht oder nur eingeschränkt möglich. Viele Firmen der Veranstaltungsbranche bangen um ihre Existenz.

von Wiebke Neelsen

Rund 400 Lautsprecher hat Wolfgang Frahm von der Firma Nordlite im Gewerbegebiet in Hamburg-Stellingen auf Lager. Darüber hinaus stehen unter anderem 4.000 Scheinwerfer und 800 Quadratmeter Bühnen-Material im Wert von insgesamt 15 Millionen Euro im Lager - seit Mitte März weitgehend ungenutzt, beklagt Frahm: "Die Branche hat hohes Fieber. Es gibt keine Veranstaltungen mehr und niemand leiht sich Equipment bei uns. Unser Geschäftsprinzip ist es, Menschen zusammenzubringen. Also wir tun etwas, was aktuell strikt untersagt ist. Das ist die schlimmste Zeit, die ich in meinem geschäftlichen Leben bisher erlebt habe." Und das heißt: seit 30 Jahren. Nordlite ist Marktführer in Norddeutschland und hat 40 Festangestellte - aktuell sind fast alle in Kurzarbeit.

Nur drei Veranstaltungen im Monat

Wolfgang Frahm (rechts) von der Firma für Veranstaltungstechnik Nordlite aus Hamburg im Gespräch mit dem freiberuflichen Light Operator Raphael Grebenstein © NDR Foto: Wiebke Neelsen
Wolfgang Frahm (rechts) und Raphael Grebenstein stehen im übervollen Equipment-Lager von Nordlite

Bisher hatte seine Firma 5.000 Vermietungsaufträge pro Jahr - jetzt sind es 20 bis 30 pro Monat. Bei der Eventplanung sieht es noch schlechter aus: Auf 40 Veranstaltungen pro Monat zu normalen Zeiten kommen jetzt im Schnitt drei: vor allem Streaming-Events, doch die sind nicht kostendeckend. In der gesamten Branche arbeiten anderthalb Millionen Beschäftigte, 50.000 von ihnen sind Solo-Selbstständige.

"Es kratzt ein bisschen an der Seele..."

Auch Wolfgang Frahm greift normalerweise auf hunderte Freiberufler zurück. Einer ist Raphael Grebenstein. Der 24-jährige Light Operator hat die Corona-Soforthilfe und die Überbrückungshilfe bekommen und bezieht jetzt Arbeitslosengeld II: "20 Prozent müsste man noch irgendwie dazuverdienen, kann man aber nicht, wenn man keine Jobs hat, in denen man arbeiten kann. Es ist ja nicht so, dass man nicht arbeiten will, sondern dass man nicht darf. Es kratzt so bisschen an der Seele, dass man das, was man liebt, nicht ausführen kann." Dass er nächstes Jahr wieder durchstarten kann, inklusive Auslandsproduktionen, davon geht Raphael Grebenstein nicht aus. Er hat jetzt den Treckerführerschein gemacht und stockt in der Landwirtschaft auf.

Verantwortliche zu mutlos?

Dass Fachkräfte aus der Veranstaltungsbranche in andere Wirtschaftszweige abwandern, weil es kaum Arbeit gibt, berichtet auch der Präsident der Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW), Marcus Pohl. Dabei sei die Branche krisenerprobt: "Auch in Zeiten der Terror-Situation haben wir schnell reagiert und neue Konzepte entwickelt und sichergestellt, dass keine Terroristen mit Bomben in Veranstaltungen kommen und genauso funktioniert es auch bei der Hygiene, nur es bedarf auch des Mutes der Amtsinhaber in den Gemeinden und Kommunen, das auch gemeinsam mit uns durchzuführen."

"Auch die Größten kommen langsam an ihre Grenzen"

Wenn es so weitergeht, schätzt Pohl, werden um die 80 Prozent der Firmen Insolvenz anmelden - auch die Größten kommen langsam an ihre Grenzen. So auch Wolfgang Frahm. Aktuell liegt Nordlite nur bei 20 Prozent des Vorjahresumsatzes: "Solange das so bleibt, werden wir fallen und wenn die Hilfen ausbleiben und Corona bleibt, werden wir mit Glück bis Mitte nächsten Jahres durchhalten. Dann sind wir wie ein alter Mensch, der an Corona stirbt, mit einer Vorerkrankung: Wir gehen dann in die Zwangsinsolvenz mit relativ hohen Schulden."

Aus Protest auf die Straße gehen

Das Einzige, was ihm und anderen aktuell bleibt, ist auf die Straße zu gehen. Anfang September haben Frahm und Grebenstein demonstriert, auch am 28. Oktober werden sie wieder nach Berlin fahren, um auf die Existenznot ihrer Branche aufmerksam zu machen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 12.10.2020 | 07:41 Uhr

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