Stand: 20.07.2020 00:00 Uhr  - NDR Info

"Impfstoff-Sicherheit muss Priorität haben"

Bereits während des Ebola-Ausbruchs hat sie nach einem rettenden Impfstoff gesucht, und auch an einem Mittel gegen das Mers-Virus war sie beteiligt: die Infektionsforscherin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Jetzt arbeitet die 50 Jahre alte Medizinerin gemeinsam mit Forschern der Universitäten München und Marburg mit Hochdruck an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus.

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Impfstoff nur ein Baustein

Es sei also nicht ihr erstes Impfstoff-Projekt, so Addo, aber die gesellschaftliche Aufmerksamkeit sei heute größer. Mit mehreren Handys in der Hand läuft die Ärztin und Wissenschaftlerin über das Hamburger Klinikgelände, Mund und Nase sind mit einer dunkelblauen Stoffmaske bedeckt. Zu große Erwartungen dämpft sie. Ein Impfstoff werde nur ein wichtiger Baustein im Kampf gegen das Virus sein, sagt Addo. Denn es sei schwierig vorauszusehen, wann ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen werde. Außerdem werde es dauern, bis er verteilt sei, und es werden nicht alle bereit sein, sich impfen zu lassen. Auch in Zukunft werde man Infektionen sehen, so Addo, werde die Gesellschaft mit dem Virus leben müssen.

Corona-Impfstoff: "Wie ein Lego-Baustein-Prinzip"

Marylyn Addo forscht an einem Corona-Impfstoff. Die Leiterin der Infektiologie am Hamburger UKE betont jedoch, dass ein Impfstoff allein die Pandemie nicht beenden wird.

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Klinische Tests im Herbst

Das Mittel, an dem sie für das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) forscht, werde aktuell an Tieren getestet, erklärt die Forscherin. Bereits parallel dazu stellt die Firma IDT Biologika in Dessau den Impfstoff her, damit er für weitere Tests rechtzeitig zur Verfügung steht. Denn bereits im Herbst soll geprüft werden, ob ihn gesunde Menschen gut vertragen, und ob ihre Körper eine Immunabwehr gegen das neue Virus entwickeln.

Unschädliches Pockenvirus als Träger

Der Impfstoff gehört zu den sogenannten Vektor-Impfstoffen. Sie basieren auf einem Trägervirus, das für Menschen nicht schädlich ist, erklärt Forscherin Addo. Dieses Trägervirus nenne man einen viralen Vektor. Der Impfstoff, an dem sie gerade arbeitet, gründet sich auf ein bereits zugelassenes Pockenvirus. 

"Lego-Baustein-Prinzip"

Es wurde schon vor 30 Jahren an der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelt. In dieses Virus könne man nun einen Baustein eines anderen Virus einbauen, so Addo, das sei ein wenig wie ein Lego-Baustein-Prinzip. So haben die Forscher hier Erbinformation eines bestimmten Oberflächenproteins eingebaut. Mit dieser Information kann das Protein im Körper nachgebaut werden. Das Immunsystem soll auf das so gebildete Protein reagieren und Antikörper entwickeln, um den Körper gegen das neue Virus zu schützen.

Forschung im Fokus der Gesellschaft

Die Erwartungen an das Forscher-Team und die Aufmerksamkeit sind groß. Gerade erst hat Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) die Impfstoffforscherin in Hamburg besucht und ihr öffentlichkeitswirksam gedankt. Marylyn Addo erzählt, inzwischen werde sie sogar beim Einkaufen gefragt, wann der Impfstoff da sei. Es sei schon eine Herausforderung, so im Fokus der Gesellschaft zu arbeiten, so Addo. Doch ihr Team versuche, die Ruhe zu bewahren und sich nicht ablenken zu lassen. 

Sicherheit hat absolute Priorität

Dabei ist ihr besonders wichtig zu betonen, dass die Sicherheit des neuen Impfstoffs absolute Priorität habe. Forscherinnen und Forscher hätten hier eine große Verantwortung, sagt die Medizinerin. Denn schließlich gehe es dabei generell um die Akzeptanz von Impfstoffen. Es macht die Infektiologin traurig, dass diese in Deutschland "nicht die beste" sei.

Suche nach Freiwilligen für erste Studie

Im Moment fasst ihr Team alle vorhandenen Daten zusammen, um sie bei der Ethikkommission und der zuständigen Behörde - dem Paul-Ehrlich-Institut - einzureichen. Beide müssen zustimmen, damit die klinischen Prüfungen im Herbst auch wirklich starten können. Parallel suchen sie aus Freiwilligen gesunde Probanden aus, an denen der neue Impfstoff getestet werden kann.

Zweite Testphase mit 700 Probanden

Das sei alles viel Arbeit auch an den Wochenenden, sagt Addo. In der zweiten klinischen Testphase gehe es dann um etwa 700 Menschen, das sei logistisch und organisatorisch sehr aufwendig in der kurzen Zeit. "Da muss man auch gucken, dass im Team die Batterien aufgeladen bleiben", sagt die Leiterin der Uniklinik-Sektion Infektiologie.

Addo sieht britische Forscher vorn

Mit großem Interesse beobachtet sie auch die anderen Impfstoff-Entwickler. Wer das weltweite Rennen der mehr als hundert Impfstoff-Entwickler gewinnen wird, ist offen. In ihrer Wahrnehmung sei die Forschung der Universität Oxford in Großbritannien sehr weit vorangeschritten, so Addo. Aber auch die Entwicklungen der Unternehmen Biontech in Mainz und Curevac in Tübingen sowie der US-Firma Moderna seien fortgeschritten.

Impfung frühestens im Frühjahr verfügbar

Generell werde gerade geprüft, ob die Impfstoff-Kandidaten sicher seien, also wie viele Nebenwirkungen sie verursachten, und ob sie Antikörper generierten, die gegen eine Infektion schützten, erklärt die Medizinerin. "Ich denke, dass wir da am Ende des Jahres schon die ersten Ergebnisse haben werden", so Addo. Anschließend könne es ganz schnell gehen, dass zumindest eine Notfallzulassung genehmigt werde. Bis aber ein Impfstoff für größere Gruppen zur Verfügung stehe, werde es danach noch einige Monate dauern. Addos Prognose: "Ich will mal sagen, zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2021 wäre der früheste Termin, den ich mir vorstellen könnte."

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NDR Info | Aktuell | 20.07.2020 | 06:00 Uhr

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