Stand: 23.08.2020 20:36 Uhr  - Hamburg Journal

Zwischen Arm und Reich: 50 Jahre Jesus Center

von Merlin van Rissenbeck

Hip, cool, alternativ. Latte Macchiato und Hipster-Klamotten. Die Schanze ist ein beliebter Ort, sowohl bei Menschen aus Hamburg als auch bei Touristinnen und Touristen. Aber dort leben auch viele Menschen, die sich all das nicht leisten können. Eine Institution für einige ist das Jesus Center auf dem Schulterblatt. Das gibt es jetzt seit 50 Jahren.

VIDEO: Schanze: Armut und Überschuss in einem Viertel (3 Min)

In der Mittagspausenzeit regelmäßig auswärts zu essen – für viele draußen vor den Restaurants im Schanzenviertel ist das kein Problem. Die Auswahl auf dem Schulterblatt ist groß – griechisch, koreanisch, portugiesisch.

Im Café Augenblicke gibt es dagegen an diesem Tag Heringsfilet mit Kartoffeln und Salat für 1,50 Euro. Die Menschen, die hierher kommen, essen auswärts, weil sie sich sonst kaum warme Mahlzeiten leisten können - und sie kommen für den Kontakt mit anderen. Wegen der Corona-Pandemie finden weniger Personen gleichzeitig Platz. Das Café Augenblicke gehört zum Jesus Center. Das gibt es in der Schanze seit nunmehr 50 Jahren. Mitten auf dem Schulterblatt fällt der Name auf.

Spenden finanzieren die Arbeit

Das Jesus Center auf dem Schulterblatt im Hamburger Schanzenviertel ist seit 1970 ein Anlaufpunkt für Obdachlose und Hilfsbedürftige. © NDR Foto: Merlin van Rissenbeck
Mitten im angesagten Schanzenviertel bietet das Jesus Center seit 50 Jahren Obdachlosen Hilfe an.

Einer, der fast täglich zum Mittagstisch kommt, ist Volker Mähl. Er ist in Hamburg geboren und seit acht Jahren obdachlos. Er sagt: "Das ist für mich so was wie ein Aufenthaltsort, wo ich Leute treffen kann, wo ich mich vor der Witterung schützen kann."

Erst seit dem letzten Jahr unterstützt der Bezirk Altona das Mittagessen im Café Augenblicke finanziell zu einem Drittel. Der Rest läuft wie die meiste Arbeit des evangelischen Jesus Centers über Spenden. Das bedeutet zum einen Geld, zum anderen auch Essensspenden – wie das koreanische Restaurant bok, das immer donnerstags bis zu hundert Mahlzeiten abgibt.

Schere zwischen Arm und Reich

Volker Mähl hätte gerne eine eigene Wohnung in Hamburg. Solange das nicht möglich ist, kann er im Jesus Center einmal in der Woche kostenlos duschen und auch die Kleiderkammer nutzen. Läden mit Klamotten gibt es draußen in der Schanze zuhauf. Viele kommen zum Einkaufen her. Sie komme "zum Essen, zum Feiern, zum Shoppen," so eine Passantin, die in Barmbek wohnt.

Holger Mütze leitet das Jesus Center. Das Jesus Center auf dem Schulterblatt im Hamburger Schanzenviertel ist seit 1970 ein Anlaufpunkt für Obdachlose und Hilfsbedürftige. © NDR Foto: Merlin van Rissenbeck
Holger Mütze leitet das Jesus Center und spricht von der Schere zwischen Arm und Reich, die im Schanzenviertel auseinandergeht.

Holger Mütze arbeitet vor allem mit denen zusammen, die sich vieles in den Läden nicht leisten können. Er leitet das Jesus Center und kennt die Widersprüche: "Es gibt auf der einen Seite einen großen Stamm von Leuten, die mit ganz wenig Geld, mit Sozialhilfe auskommen müssen und hier leben und auf der anderen Seite gibt es die, die hier investieren und diese teuren Wohnungen sich leisten können. Und das ist 'ne Schere, die auseinandergeht."

Mit dem Bollerwagen auf den Spielplatz

Sara, Pascal und Marian arbeiten in der Kinder- und Familienhilfe für das Center. An bis zu vier Tagen in der Woche machen sie sich mit ihrem Bollerwagen voller Spielzeug auf den Weg zum Spielplatz. Das Team ist mittlerweile eine feste Anlaufstelle für einige Jugendliche. So können sie auch bei Hausaufgaben oder Problemen in der Schule helfen.

Es gehe aber auch darum "mal in ein Museum zu gehen, zur freiwilligen Feuerwehr zu gehen, damit sie sehen, okay, wir leben zwar hier in diesem Stadtteil, aber was gibt’s eigentlich noch?", sagt Pascal Heberlein. Das Team kommt bei Jugendlichen wie Aysha Singateh gut an. Sie und ihre Freundinnen erscheinen oft zu den Nachmittagsangeboten des Vereins: "Ich find' das gut, weil man sich bei denen wohlfühlt", sagt sie.

Manchmal explizit religiös

Einige Kinder und Jugendliche kommen aus muslimischen Familien. Ist die diakonische Arbeit unter christlicher Flagge da nicht hinderlich? Viele Eltern störe es nicht. Das Jesus Center mache transparent, wann es um explizit religiöse Inhalte gehe, sagt Heberlein. Wenn zum Beispiel bei der Kinderparty zu Beginn eine Geschichte aus der Bibel vorgelesen wird, wüssten die Kinder Bescheid und könnten auch erst später dazukommen.

Das Jesus Center auf dem Schulterblatt im Hamburger Schanzenviertel ist seit 1970 ein Anlaufpunkt für Obdachlose und Hilfsbedürftige. © NDR Foto: Merlin van Rissenbeck
Der christliche Gedanke trägt die Arbeit im Jesus Center.

Aber wenn am Wochenende ein Ausflug gemacht wird, fänden manche Eltern es doch schon mal schwer zu sagen, das Kind sei mit dem Jesus Center unterwegs. Das Problem gibt es mit konfessionslosen Einrichtungen nicht. In den 50 Jahren Jesus Center ist es aber gerade der christliche Gedanke, der Holger Mütze und viele im Team dabei trägt, die oftmals auch ehrenamtliche Arbeit zu machen. "Nächstenliebe in der Schanze" hat sich der Verein als Motto gesetzt.

Mehr Begegnungsorte für wenig Geld

Zum 50-jährigen Bestehen wollte der Verein in diesem Jahr ein Nachbarschaftsfest feiern. Um Unterschiede im Viertel zu überbrücken. Wegen Corona wird es nun auf das nächste Jahr verschoben.

Holger Mütze sagt: "Wir würden uns wünschen, dass es mehr noch Begegnungsmöglichkeiten und Begegnungsorte gibt, wo man nicht viel Geld ausgeben muss - drinnen und draußen, das ist etwas, was für uns eine ganz wichtige Geschichte wird." Denn solange es diese Räume kaum gibt, wollen auch sie sie weiter schaffen.

Das Jesus Center wächst

Das Jesus Center wird sich vergrößern. Es wird mehr Platz geben, unter anderem, um einen besseren Rahmen für die Nachhilfe- und Beratungsangebote zu schaffen. Außerdem sind die Kinder- und Jugendhilfe und das Café Augenblicke nur ein Teil der Arbeit.

Dazu kommt zum einen die Unterstützung von Familien nach der Geburt eines Babys. Zum anderen betreut der Verein bis zu 25 Minderjährige in eigenen Wohnungen, darunter in den letzten Jahren viele Geflüchtete. Es ist also genug zu tun und Bedarf in der Schanze gibt es weiterhin.

Weitere Informationen
Cheyenne mit ihren Hunden unter der Brücke in Hamburg, unter der sie schläft. © NDR Foto: Lisa Hentschel

Obdachlose Frauen: Oft unsichtbar in Hamburg

Obdachlose Frauen sind in Hamburgs Straßen oft nicht sichtbar. Experten gehen von einer höheren Zahl aus als die Sozialbehörde. Viele der Frauen erleben Gewalt auf der Straße. (18.04.2020) mehr

Ein Obdachloser in Hamburg wühlt in einem Blecheimer. © NDR Foto: Marco Peter

Rot-Grün will mehr gegen Obdachlosigkeit tun

In Hamburg wollen SPD und Grüne dafür sorgen, dass weniger Menschen auf der Straße leben. Geplant ist unter anderem eine neue Unterkunft für Arbeitssuchende aus anderen EU-Staaten. (18.01.2020) mehr

Die Schuhe von zwei Obdachlosen stehen in Hamburg unter der Brücke in der Helgoländer Allee vor ihrer Schlafmatratze. © dpa picture alliance Foto: Angelika Warmuth

Herzlos: Städte vertreiben Obdachlose

In Hamburg werden Obdachlose regelrecht verjagt, besonders vor dem Hauptbahnhof. Der öffentliche Raum wird für Arme und Obdachlose immer mehr zur verbotenen Zone. (09.01.2020) mehr

Ein älterer Mann wird auf eine Blutentnahme am Arm vorbereitet. © NDR Foto: Elisabeth Weydt

Medizin-Nachwuchs hilft Obdachlosen

Viele Obdachlose haben keine Krankenversicherung. Doch gerade sie brauchen oft medizinische Hilfe. Die NDR Info Perspektiven berichten über ein Hilfsprojekt von Hamburger Studenten. (04.11.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.08.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Polizisten patrouillieren auf dem Hamburger Kiez. © picture alliance/rtn - radio tele nord Foto: rtn, frank bründel

Kiez-Kontrollen: Bezirk Mitte will Kontaktlisten überprüfen

Am Wochenende war die Polizei auf dem Hamburger Kiez unterwegs: Die Hälfte der überprüften Lokale hielt sich nicht an alle Corona-Auflagen. Das Bezirksamt lässt auch die Kontaktlisten überprüfen. mehr

Eizellen werden am 12.08.2015 in einer Kinderwunschpraxis von einer Biologin präpariert. © picture-alliance/dpa Foto: Rainer Jensen

Ungewollt kinderlos: Für eine Eizellspende nach Spanien

In Deutschland dürfen sich Frauen für einen Kinderwunsch keine fremden Eizellen einsetzen lassen. Ein Paar, das am Stadtrand von Hamburg lebt, fuhr nach Spanien. Ist diese Praxis noch zeitgemäß? mehr

Demo für sichere Schulradwege in Hamburg. © NDR Foto: Screenshot

Fahrraddemo für mehr Kindersicherheit im Verkehr

"Kidical Mass" heißt eine bundesweite Kundgebung, die für sicherere Radwege demonstriert. In Hamburg fuhren am Sonntag mehr als 200 Kinder und Erwachsene mit. mehr

Autos stehen in der Hamburger Innenstadt nach einer Sperrung der A7 im Stau. © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

A7-Sperrung: Lange Staus auf Ausweichstrecken

Noch bis Montag um 5 Uhr ist die Autobahn 7 in Hamburg inklusive Elbtunnel wegen Bauarbeiten voll gesperrt. Auf den Ausweichstrecken kam es zu langen Wartezeiten, vor allem auf der A1. mehr