Stand: 23.12.2019 14:04 Uhr

Glasbläserhöfe: Inklusives Familienleben in Hamburg

Alleine schafft sie es nicht: Mireille Hartmann ist geistig behindert und kann nur leichte Sprache lesen. Um die Post, die sie zum Beispiel vom Amt oder von der Schule ihres Sohnes Lukas bekommt, lesen und verstehen zu können, braucht sie Unterstützung. "Ich würde es nicht auf die Reihe kriegen, weil ich die Post oder die Erziehung von Lukas sehr schwer finde", sagt Hartmann. "Er ist jetzt zehn, wenn er erstmal 14 oder 15 Jahre alt ist und die Pubertät anfängt, dann ist es für mich sehr hilfreich, wenn ich von den Betreuern Unterstützung kriege."

Glasbläserhöfe ermöglichen Zusammenleben

Dass die Alleinerziehende Mireille Hartmann und ihr Sohn Lukas zusammen wohnen, ist nicht selbstverständlich. Zum einen wird noch immer kaum darüber gesprochen, dass Menschen mit einer Behinderung Kinder haben. Zum anderen gibt es in Hamburg nur wenig Wohnungen, wo Familien trotz geistiger Behinderung eines Familienmitglieds zusammen wohnen können.

Als Mireille Hartmann ihren Sohn auf die Welt brachte, wollte das Jugendamt ihn in Obhut nehmen. Hartmann und ihre Familie konnten das verhindern. Seit vier Jahren lebt sie nun mit ihrem Sohn in Hamburg-Bergedorf im Neubaugebiet Glasbläserhöfe der Stiftung Alsterdorf.

Eltern mit Behinderung sind Tabu-Thema

Insgesamt leben hier elf Familien, in denen die Eltern eine Behinderung haben und die Hilfe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung Alsterdorf bekommen. Organisiert wird diese Hilfe vor Ort von Elisa Mangold. "Der Hauptpart, den wir machen, ist die Unterstützung bei der Erziehung der Kinder", sagt sie. "Nebenher gibt es dann noch Themen wie Post-Bearbeitung, Briefe lesen oder entlastende Gespräche. Aber der Hauptteil unserer Arbeit ist es, die Eltern darin zu stärken, mit ihren Kindern zusammenzuleben."

Jeder Mensch hat das Recht auf eine Familie - das ist der Grundsatz und der Leitgedanke für die Arbeit in diesem Projekt. Doch leider seien Eltern mit einer Behinderung immer noch ein Tabu-Thema, sagt Mangold. "Wir erleben es auch hier im Quartier teilweise, dass nicht alle Nachbarn die Familien hier gerne sehen beziehungsweise akzeptieren."

Drei Frauen und ein Kind backen Kekse.
Ohne die Betreuerinnen wäre gemeinsames Backen eine schwere Aufgabe für Mireille Hartmann und ihren Sohn Lukas.
Unterstützung im Alltag

Hartmann und ihr Sohn haben beide eine feste Ansprechpartnerin. Melissa Krüger kümmert sich zwei Mal in der Woche um Lukas und Kathrin Kleemann-Riepshoff um Mireille Hartmann. Gemeinsam mit Betreuerin Melissa hat der zehnjährige Lukas gerade die Zutaten für die Weihnachtsbäckerei eingekauft. "Ich finde das cool, dass wir alle zusammen backen, ich nenne das manchmal auch Teamwork", sagt Lukas.

"Melissa ist die tollste Betreuerin, ich bin wirklich mit ihr zufrieden", sagt Mireille Hartmann und Lukas ergänzt: "Sie unterstützt mich immer." Und Melissa Krüger sagt: "Das sieht man manchmal gar nicht so sehr, wir unterhalten uns manchmal darüber, was du gerne machen möchtest, was Du so brauchst und dann schauen wir, dass wir das erfüllen können."

Sicherheit für besondere Familien

Mireille Hartmann und Lukas brauchen eine besondere Struktur im Alltag. Um ihre Woche im Blick zu behalten, gibt es im Flur einen Wochenplan. Darauf sind alle wichtigen Termine mit Bildern eingetragen. "Sonst habe ich den Überblick nicht in meinem Kopf. Dann geht ein Termin flöten", sagt Mireille Hartmann und zeigt auf den Kalender. "Wenn ich den Kalender nicht hätte, hätte ich heute zum Beispiel einen Termin versemmelt."

Eine Hand zeigt auf eine Tafel, auf ein Wochenplan mit verschiedenen Aktivitäten zu sehen ist.
Wochenplan der Hartmanns: Mit Symbolen und leichter Sprache wird hier der Alltag geplant.

Für die Plätzchen hatte sich Lukas Schokostreusel gewünscht. Der Zehnjährige hat keine Probleme im Alltag, nächstes Jahr wechselt er an eine Stadtteilschule. "Die Familien brauchen teilweise noch die Sicherheit, zu wissen: Es ist jemand da", sagt Elisa Mangold von der Stiftung Alsterdorf. Für die Familien sei es einfach gut, zu wissen: "Wenn was ist, kann ich anrufen und es kommt jemand", sagt Mangold. "Oder einfach auch nur, um zu wissen: Ich habe morgen einen Termin und kann das dann nachbesprechen, wenn eine Situation mit ihrem Kind eskaliert ist oder es einen Konflikt gab."

Weihnachtsbaum Ende November geschmückt

Für Weihnachten ist nun alles bereit. Den Weihnachtsbaum haben Mireille Hartmann und ihr Sohn schon Ende November geschmückt. Lukas hat für Heiligabend den Flohwalzer auf dem E-Piano vorbereitet. Und probt lieber noch einmal, damit an Weihnachten alles sitzt.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.12.2019 | 19:30 Uhr

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