Stand: 01.10.2015 19:45 Uhr

Wie ein Dankeschön zu Tränen rührt

Am Hamburger Hauptbahnhof helfen seit Wochen viele Ehrenamtliche den ankommenden Flüchtlingen. Im Organisationsteam der freiwilligen Helfer ist auch eine Mitarbeiterin von NDR.de aktiv. Sie erzählt von einer Nachtschicht, die sie an ihre Grenzen gebracht hat.

Flüchtlingshilfe am Hamburger Hauptbahnhof. © dpa-Bildfunk Foto: Bodo Marks
Freiwillige Helfer organisieren am Hamburger Hauptbahnhof seit Wochen unbürokratisch Hilfe für Flüchtlinge.

Es ist 12 Uhr Mittag, als ich anfange zu heulen. Ich lehne meinen Kopf an Svenjas* Schulter und vergrabe mein Gesicht in ihrer Jacke. Martha, Chris und die anderen Helfer, mit denen Svenja gerade spricht, fragen, was los ist. Ich kann nicht antworten; ich schluchze. Svenja nimmt mich mit raus aus der Bahnhofshalle. Ich bin seit 13 Stunden für das Organisationsteam der Flüchtlingshilfe am Hamburger Hauptbahnhof. Ich bin seit 30 Stunden wach. Soeben ist die Mauer meiner Professionalität eingestürzt.

Ansprechpartner für alles und jeden

Was ist passiert? Die Nacht hat mit dem üblichen Chaos begonnen. Viele aus dem sogenannten Orga-Team sind vor Ort: unter der Treppe im Eingangsbereich der Wandelhalle des Hauptbahnhofs. Einige räumen das Durcheinander dort auf, andere holen die Flüchtlinge von den Gleisen ab. Svenja und ich sind bis morgens 6 Uhr für den Orga-Tisch eingeteilt. Dort sind wir Ansprechpartner für alles und jeden: Wo kann ich Geld spenden? Wie kann ich helfen? Wo bekommt man SIM-Karten und Strom für die Handy-Akkus her? Wo können wir Menschen noch zum Schlafen hinschicken? Will jemand nach Heide, Gießen, Paris, London?

Übersetzer sind die wichtigsten Helfer

Flüchtlinge auf der Durchreise

Die Menschen, denen die Helfer am Hamburger Hauptbahnhof seit mehreren Wochen bei der Weiterreise helfen, wollen zu rund 90 Prozent nicht in Deutschland bleiben. Die meisten sind auf dem Weg zu Familie und Freunden in Schweden. Die Helfer, von denen viele selbst nach Deutschland geflohen sind, geben Informationen zur Weiterreise oder Asyl in Hamburg, verteilen Wasser und Essen, vermitteln Schlafplätze für eine Nacht und organisieren medizinische Versorgung.

Fast alle Flüchtlinge, die aus Ungarn über Österreich bis nach Hamburg gekommen sind, wollen nach Schweden. Einige wenige nach Dänemark, Finnland oder Norwegen. Am "Orga-Tisch" unter der Treppe laufen die Informationen aus anderen Städten zusammen. Wie viele Plätze hat Lübeck auf der Fähre nach Trelleborg? Wie viele Schlafplätze kann Rostock heute Nacht organisieren? Wie viele Flüchtlinge werden gleich aus München ankommen? Die Informationen ändern sich minütlich. Unser Ziel: die Weiterreise der Menschen so schnell und angenehm wie möglich zu gestalten. Ihnen ein Lächeln zu schenken. Die wichtigsten Helfer dabei sind die Übersetzer. Sie achten darauf, dass keine Unbekannten mit den Flüchtlingen sprechen. Sie erzählen uns von den Fragen und Problemen der Schutzsuchenden. Viele der Übersetzer sind selbst geflohen. Ohne sie würde am Hamburger Hauptbahnhof niemand Hilfe anbieten können. Ohne sie würden jede Nacht Hunderte Erwachsene und Kinder dort schlafen.

Die Weiterreise ist ihnen wichtig

Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof. © dpa-Bildfunk Foto: Bodo Marks
Mit der Regionalbahn reist eine Gruppe von Flüchtlingen von Hamburg aus weiter.

Gegen 4 Uhr wird klar, dass wir Flüchtlinge, die einen Pass haben, heute noch auf eine Fähre nach Schweden schicken können. Mit Übersetzer Karim gehe ich in das Schauspielhaus. Das Theater gegenüber des Bahnhofes ist schon von Anfang an eine Stätte der Hilfe. Jede Nacht schieben die Angestellten Nachtwache – die heutige Schicht empfängt uns in Decken gehüllt neben Tischen voll Brötchen und Wasser. Wir wecken Familienoberhaupt nach Familienoberhaupt. Ich bin nicht das erste Mal hier, aber heute Nacht kann ich den Blick von den vielen Kindern, die hier schlafen, nicht abwenden. Auf den Matratzen liegen Babys, die nichts kennen außer Flucht.

Es dauert lange, die Erwachsenen zu wecken, denn auf ihrer Flucht haben sie heute Nacht endlich wieder einen sicheren und ruhigen Schlafplatz gefunden. Ich fühle mich schlecht, sie so früh aus dem Schlaf zu reißen. Aber die Weiterreise zu Freunden oder Familie ist ihnen wichtig - das weiß ich auch. Wir finden eine Familie mit drei Kindern und einige Männer, die den Zug nehmen wollen. Ich schreibe ihre Namen und Passdaten auf und maile sie an die Helfer an der Fähre. Als wir aus dem Schauspielhaus kommen, erreichen die unzähligen Flüchtlinge, die an anderen Orten geschlafen haben, den Bahnhof. Sie wollen jetzt weiterreisen.

Flüchtlinge haben noch nie Probleme bereitet

Es ist noch früher Morgen, als die Polizei uns bittet, bald alle Flüchtlinge aus der Vorhalle zu bringen: Hooligans würden zu Fußballspielen anreisen und die Polizisten wollen mögliche Angriffe vermeiden. Wir wissen, dass genau zur selben Zeit auch etwa 250 Flüchtlinge ankommen werden. Eine ungeheure Zahl – und wir sind nicht mal zehn Helfer. Während wir versuchen weitere Helfer zu mobilisieren, fängt es an zu regnen. Der Zug kommt an. Es sind etwa 300 Menschen - und wie immer viele Familien mit Kindern. Wir bringen sie raus auf den Bahnhofsvorplatz und suchen nach Polizisten, die Präsenz zeigen. Ich renne durch den Regen und habe das Gefühl, dass ich innerlich seit Stunden renne. Die Flüchtlinge wollen wissen, wie sie weiterkommen. Immer wieder fragen sie; immer wieder erklären die Übersetzer, dass es bald weitergehen wird. Alle bleiben ruhig - die Flüchtlinge haben mir noch nie Probleme bereitet.

*Zum Schutz der Flüchtlinge und Helfer sind die Namen in diesem Artikel verändert.

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 17.09.2015 | 14:00 Uhr

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