Stand: 05.08.2018 06:47 Uhr

Wenn das Zuhause zur Ferienwohnung wird

Für Mieter ist es oft ein Schock: Rund 100.000 Mal kommt es im Jahr in Deutschland zu Eigenbedarfskündigungen, schätzt der Deutsche Mieterbund. Seit 2006 hat sich die Anzahl etwa verdoppelt. Doch nicht immer entspricht der Bedarf des Vermieters der Wahrheit. Der Mieterverein zu Hamburg schätzt, dass rund ein Drittel der Begründungen zumindest fragwürdig seien. Immer öfter werden Wohnungen nicht mehr dauerhaft, sondern über Portale wie "Airbnb" vermietet. Die Stadt Hamburg plant nun eine Registrierungspflicht für Anbieter von Ferienwohnungen. Wie diese genau funktionieren soll, wird derzeit erarbeitet. Warum Maßnahmen sinnvoll sein könnten, hat der NDR Reporter Benjamin Cordes in Hamburg am eigenen Leib erlebt.

Jemand steht mit einem Koffer vor einer Wohnung. Auf der Klingel steht "Ferienwohnung".  Foto: Christian Klose

Der Profit mit den Ferienwohnungen in Hamburg

Hamburg Journal -

Hamburg plant eine Registrierungspflicht für Ferienwohnungen. Denn immer öfter kündigen Vermieter Wohnungen wegen Eigenbedarfs und vermieten dann an Touristen. Ein Fallbeispiel.

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Kündigung angeblich wegen Eigenbedarfs

Drei Jahre lang wohnte Cordes in seiner Hamburger Wohnung, bis im Juli 2016 die Kündigung kommt. Auch in seinem Fall: Wegen Eigenbedarfs der Vermieterin. "Ich habe mich von meinem Freund getrennt und habe keine andere Möglichkeit unterzukommen", antwortet sie per SMS auf die Frage nach einer Begründung. Cordes muss sich danach auf dem angespannten Hamburger Wohnungsmarkt etwas Neues suchen.

Profitable Vermietung an Touristen

Doch dann erfährt er von einer früheren Nachbarin: Seine Vermieterin ist gar nicht eingezogen. Stattdessen wird die Wohnung nun über das Portal "Airbnb" angeboten, für 77 Euro pro Nacht. Hochgerechnet auf einen Monat wäre das das Dreifache der alten Miete.

Mieterverein beklagt "knallhartes Geschäftsmodell"

Laut Mieterverein zu Hamburg entspricht das nicht mehr einer ursprünglichen Idee einer Kurzzeitvermietung. Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins, erklärt: "Nach unserer Feststellung ist es ein knallhartes Geschäftsmodell, das dazu ausgerichtet ist, normale Wohnungen als Ferienwohnungen zu vermieten."

Der Verein habe die Tendenz beobachtet, dass Zimmervermietung in den Hintergrund trete. "Im Fokus stehen ganze Wohnungen, die dem Tourismus zugeführt werden und damit dem normalen Wohnungsmarkt entzogen werden."

Airbnb bestreitet die Vorwürfe

Der Anbieter "Airbnb" bestreitet das: "Der überwiegende Teil der Gastgeber auf Airbnb sind Privatpersonen, die gelegentlich einzelne Zimmer oder ihre gesamte Unterkunft anbieten", heißt es in einer Antwort an das Magazin Plusminus. "Diese Unterkunftsangebote entziehen dem Markt keinen Wohnraum." Jeder Gastgeber sei verpflichtet, "die jeweils geltenden Gesetze und Vorschriften einzuhalten".

Kaum Bußgelder für Vermieter in Hamburg

Bei einer Zweckentfremdung müssen Vermieter in Hamburg mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro rechnen. In Berlin und München beträgt das höchstmögliche Bußgeld 500.000 Euro. In der Praxis aber müssen Vermieter das Bußgeld zumindest in Hamburg nur selten zahlen. 2016 und 2017 verhängte die Stadt kein Bußgeld wegen Zweckentfremdung, 2015 wurde ein Bußgeld in Höhe von 4.000 Euro verhängt und zwei Bußgelder in Höhe von insgesamt 10.500 Euro wurden rechtskräftig.

NDR Reporter Cordes verklagt seine Vermieterin. Vor Gericht kommt es zu einem Vergleich, er bekommt 1.500 Euro Schadenersatz. Die Wohnung ist seitdem wieder regulär vermietet.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 05.08.2018 | 19:30 Uhr

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