Stand: 08.12.2017 18:00 Uhr

Von Beust berät umstrittenen Glücksspiel-Anbieter

Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister, Ole von Beust, berät mittlerweile Unternehmen. Nach Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" arbeitet er seit Anfang des Jahres unter anderem für einen Konzern, der in Deutschland auch illegales Glücksspiel anbietet. Bei Weggefährten führt das zu Irritationen, nicht zuletzt weil sich der Ex-Bürgermeister lange Zeit im Kampf gegen verbotenes Glücksspiel engagiert hat.

Ole von Beust steht nicht nur in der Hansestadt für norddeutsche Tugenden. Während seiner neunjährigen Amtszeit wurde der CDU-Politiker dafür geschätzt, dass er zu seinem Wort stand, keinen Sinn für Prunk und Protz zeigte und sich auch ansonsten an die politischen Spielregeln hielt. Dieser hanseatische Nimbus umgibt von Beust noch immer, sieben Jahre nach seiner Zeit als Bürgermeister. Und glaubt man seinen Geschäftspartnern, die sich heute von seiner Polit-Beratungsagentur Ole von Beust Consulting GmbH beraten lassen, dann liegt gerade hierin eine besondere Qualität seiner Agentur, die er nach seinem Ausscheiden aus der Politik gegründet hat.

Früherer Einsatz gegen illegales Glücksspiel

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Ole von Beust berät heute Unternehmen - unter anderem Glücksspiel-Anbieter.

Einer dieser Kunden war für mehrere Jahre der Deutsche Lotto- und Toto-Block, die Vertretung der staatlichen Lotterien in Deutschland. Zu von Beusts Aufgaben für Lotto-Toto gehörte es damals auch, den Kampf gegen illegale Glücksspielanbieter zu führen, die seit einigen Jahren in Deutschland Fuß fassen. Eine scheinbar gute Wahl, denn von Beust bezog auch schon während seiner Zeit als Bürgermeister klar Stellung gegen illegales Glücksspiel. Umso glaubhafter konnte er dieses Anliegen in der Folge vertreten. Anlässlich eines Glücksspielsymposiums erklärte von Beust beispielsweise im September 2016, die Diskussion um die Liberalisierung des Glücksspielmarktes sei brisant, da es um die Frage gehe, ob die Gesellschaft dem damit verbundenen Suchtpotenzial etwas entgegen stelle oder ob man sich geschlagen gebe. "Hier bedarf es einer klaren Antwort der Politik: Die Aufsichten sind zu stärken und auszubauen."

Ole von Beust wechselt die Seiten

Doch Ende 2016 fand die bisher harmonische Geschäftsverbindung zwischen von Beust und dem Lotto-Toto-Block ein abruptes Ende. Über die Gründe schweigen sich beide Seiten bis heute aus. Nun zeigen Recherchen von NDR und SZ, dass die Kündigung des Vertrags einen einfachen, wenn auch wenig hanseatischen Grund hatte. Von Beust hat die Seiten gewechselt. Seit Beginn dieses Jahres berät seine Kommunikations-Agentur den kanadischen Glücksspielkonzern The Stars Group, zu dem auch Branchenriesen wie Pokerstars und Pokerstars Casino zählen. Diese Angebote zielen auch auf den gesamten deutschen Markt, verfügen hierzulande aber lediglich über eine Lizenz für Schleswig-Holstein, es handelt sich somit im Rest Deutschlands um nicht-lizenzierte und somit illegale Glücksspielangebote.

Dem Vernehmen nach brachte von Beust den staatlichen Lotterien seine Neuorientierung in einem wenig schonenden Gespräch bei. Aus dem Lotto-Toto-Block heißt es, die Ansage sei völlig überraschend gekommen, man sei schockiert gewesen, als man erfahren habe, dass von Beust nun ausgerechnet Lobbyarbeit für die Gegenseite machen wolle. Personen, die mit dem Vorgang vertraut sind, erklären, dass für von Beusts Entscheidung ein einfacher Grund ausschlaggebend gewesen seien soll: Das Unternehmen The Stars Group würde mit riesigen Beraterhonoraren locken, da könnten die staatlichen Lotterien nicht mithalten.

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Die Internetseite Pokerstars will auch deutsche Kunden ansprechen - und wirbt plakativ: "Nichts könnte einfacher sein".

The Stars Group bestätigte auf Nachfrage, dass man mit von Beust zusammenarbeite. Ein Sprecher betonte, dass man über zahlreiche europäische Glücksspiel-Lizenzen verfüge und somit - gemäß europäischem Recht - auch in Deutschland Onlinespiele anbieten könne. Juristen und Glücksspielexperten weisen diese Auffassung strikt zurück; das Bundesverwaltungsgericht hat das deutsche Online-Glücksspielverbot in einem Urteil Ende Oktober bestätigt.

FBI ermittelte gegen Pokerstars

Pikant ist die Geschichte nicht zuletzt deshalb, weil einzelne Sparten von The Stars Group, namentlich die populäre Seite Pokerstars, eine gelinde gesagt bewegte Geschichte haben. Pokerstars hat über Jahre hinweg auch in den USA verbotenerweise Online-Glücksspiele angeboten, bis im Jahr 2011 das FBI aufmerksam wurde.

Die amerikanischen Ermittler sammelten Beweise und bereiteten letztlich einen Prozess vor, wie es ihn im Bereich des illegalen Glücksspiels bis dahin noch nicht gegeben hatte: Bankkonten wurden eingefroren, die Webseite von Pokerstars gesperrt, Verfahren gegen hohe Manager eingeleitet wegen Betrugs, Geldwäsche und illegalen Glücksspiels. Ein Jahr verhandelten die Pokerstars-Anwälte. Letztlich einigte man sich mit dem Justizministerium der USA auf einen Vergleich. Pokerstars zahlte 731 Millionen US-Dollar, das Verfahren wurde eingestellt.

Pokerstars in den "Paradise Papers"

Podcast
37:44

Paradise Papers (Folge 3): Unter strahlender Sonne

07.11.2017 19:00 Uhr
NDR Info

Die Reise der NDR Info Reporter durch das Schattenreich der Steueroasen führt in Folge 3 auch in die Welt des illegalen Glücksspiels. Audio (37:44 min)

Der Gründer von Pokerstars, Isai Scheinberg, wird bis heute vom FBI gesucht, ihm droht eine 50-jährige Gefängnisstrafe. Dokumente aus den "Paradise Papers" legen den Verdacht nahe, dass Scheinberg heute auf der Isle of Man lebt, wo auch Pokerstars lizenziert ist. Im Jahr 2014 kaufte The Stars Group, für die nun von Beust arbeitet, den Glücksspiel-Anbieter. Der Kaufpreis lag bei fast fünf Milliarden US-Dollar. Ausweislich der "Paradise Papers" wird Pokerstars auch heute noch von der Steueroase Isle of Man aus betrieben. Ein Sprecher erklärte dazu, als globales Unternehmen habe man zahlreiche Tochterfirmen auf der ganzen Welt, erfülle aber alle steuerlichen Pflichten.

Ole von Beust wollte sich auf Nachfrage nicht zu Details der Geschäftsverbindung äußern. Grundsätzlich sei es aber wichtig, den Glücksspielmarkt so zu regeln, das die verschiedenen Glücksspielarten - "Online" und "Offline" - berücksichtigt würden, erklärte eine Sprecherin NDR und SZ. Dabei spiele auch die "Kanalisierung in legale Angebote eine wichtige Rolle".

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Daten-Leak enthüllt Steuertricks der Reichen

NDR, WDR und SZ-Reporter haben mit Kollegen aus aller Welt geheime Unterlagen der Finanzindustrie ausgewertet. Die Recherchen legen viele Steuertricks offen. Mehr bei tagesschau.de. extern

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Weniger Casino, mehr Kontrolle

NDR Info

Mehrere deutsche Banken wickeln Zahlungen für illegale Online-Casinos ab, wie Recherchen von NDR und "SZ" im Zuge der "Paradise Papers" gezeigt haben. Einige Banken wollen Konsequenzen ziehen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 08.12.2017 | 19:30 Uhr

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