Stand: 02.03.2019 06:00 Uhr

Quereinsteiger gesucht: Vom Logistiker zum Erzieher

Höchstens zehn Kinder auf eine Fachkraft: Mehr sollen es in Hamburger Kitas ab Januar 2024 nicht mehr sein. Darauf hatte die Stadt sich im vergangenen Herbst mit der Initiative "Mehr Hände für Hamburger Kitas" geeinigt. Die Stadt will nun jedes Jahr rund 500 Erzieher einstellen, um die Betreuung zu verbessern und rührt die Werbetrommel für den Beruf. Am Donnerstag fand etwa in der Agentur für Arbeit an der Kurt-Schumacher-Allee eine Kontakt- und Jobbörse statt, die besonders Quereinsteiger ansprechen sollte. Denn ohne sie ist die Aufgabe angesichts des Fachkräftemangels in den Hamburger Einrichtungen kaum zu lösen. Im Kindergarten am Sievekingplatz arbeiten bereits zwei angehende Erzieher, die den Jobwechsel gewagt haben.

Marcel bereitet in seiner Kita-Gruppe die Mittagsruhe vor. "Du darfst gerne schon mal deine Schuhe ausziehen und dann kannst du dir ein Buch nehmen und eine Decke", sagt er. Der 32-Jährige saß vor einigen Jahren noch in einer Logistik-Firma am Schreibtisch. "Es war eine berufliche und eine persönliche Unzufriedenheit da, ich habe nach dem Sinn im Berufsleben gesucht", sagt er.

"Ich mach noch mal komplett was Neues"

Auch sein Kollege Andreas haderte mit Anfang 40 mit seinem alten Kaufmannsjob. "Einige sind in dem Alter in der Midlife-Krise und fangen an, Saxofon zu spielen oder kaufen sich ein Boot", erzählt er. "Und ich hab gesagt: Ich mach noch mal komplett was Neues."

Zwei Jahre Berufsschule haben beide Männer schon hinter sich. Dort mussten sie nach Jahren im Berufsalltag erst einmal das Lernen wieder lernen. "Das hört sich jetzt blöd an, aber wir haben zwei Jahre wirklich von morgens bis nachmittags einen vollen Acht-Stunden-Tag nur Theorie gehabt. Das ist anstrengend", sagt Andreas.

Langer Weg zum Erzieher

Finanziert hat die Umschulung das Arbeitsamt. Erst im letzten Lehrjahr steht die Praxis in der Kita an. "Man sollte sich bewusst sein, dass das ein langer Weg ist" sagt Marcel. "Man muss sich auch bewusst sein, dass man finanzielle und private Einbußen hat, um diesen Erzieher zu erlangen. Und man sollte auf jeden Fall Spaß an der Arbeit mit Kindern haben."

Kita-Leiterin Evelin Hoop unterrichtet regelmäßig Umschüler. Sie hat gerne Quereinsteiger im Team, denn "das sind Leute, die unterschiedliche Sachen mitbringen. Aus den vorherigen Berufen, aus der Lebenserfahrung, weil sie auch schon älter sind und weil sie es wirklich freiwillig aus vollem Herzen machen", sagt sie.

"Ich wachse mit den Kindern"

Dem stimmt Andreas zu. Er habe neuen Sinn gefunden im Beruf, sagt er und Marcel nickt. "Ich komme morgens gern her, wachse mit den Kindern. Die Kinder haben die Möglichkeit, an uns zu wachsen - in einem professionellen Umfeld in einem tollen Team. Und das ist die tägliche Freude. Selbst wenn man schlechte Laune hat, so ein Kinderlachen zaubert einem doch immer noch ein Lächeln aufs Gesicht."

Für beide Quereinsteiger steht fest: Sie haben einen guten Deal gemacht, als sie Schreibtisch und Computer gegen eine Horde Drei- bis Sechsjähriger getauscht haben.

Weitere Informationen

Kita-Betreuung: Opposition kritisiert Senat

Hamburgs Oppositionsparteien meinen, der rot-grüne Senat hinke bei der Kita-Betreuung seinen Ansprüchen hinterher. In der Bürgerschaft gab es zu dem Thema eine hitzige Debatte. (02.11.2018) mehr

Kita-Ausbau: Hamburg sucht Tausende Erzieher

Die Hamburger Sozialbehörde hat sich viel vorgenommen: Sie will 9.000 zusätzliche Kita-Plätze schaffen. Um genügend neue Erzieher zu gewinnen, sind Ausbildungs-Beschränkungen aufgehoben worden. (04.10.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 27.02.2019 | 10:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:52
Hamburg Journal
02:35
Hamburg Journal
02:26
Hamburg Journal