Stand: 08.04.2020 17:33 Uhr  - Hamburg Journal

UKE: Corona-Lage "stabil, kontrolliert und ruhig"

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat am Mittwoch über die Corona-Situation in Hamburg informiert. Bei einer Pressekonferenz mit dem Leiter der Intensivmedizin, Stefan Kluge, der Leiterin der Infektiologie, Marylyn Addo, sowie dem Leiter der Transfusionsmedizin, Sven Peine, ging es unter anderem um Antikörpertests und Plasmaspenden - aber auch um die Frage, wann die strengen Corona-Auflagen im öffentlichen Leben gelockert werden können.

100 Patienten auf Intensivstationen in Hamburgs Kliniken

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Virologin Marylyn Addo: "Die Lage in Hamburg ist stabil."

"Die Corona-Lage in Hamburg ist derzeit stabil, kontrolliert und ruhig. Das ist auch mein Eindruck aus anderen Unikliniken in der Nation", sagte Addo. Zurzeit würden 50 Patientinnen und Patienten stationär am UKE behandelt, davon 26 auf der Intensivstation. Diese hätten häufig eine schwere beidseitige Lungenentzündung und benötigten eine Beatmungstherapie, fügte Kluge hinzu. Das decke sich mit den Erfahrungen der anderen Universitätskliniken in Deutschland: Etwa 50 bis 90 Prozent würden daher in einem künstlichen Koma beatmet. "Wir versorgen in Hamburg in circa 20 Häusern circa 100 Patienten mit Covid-19 auf den Intensivstationen", so Kluge. Er bat alle Kliniken darum, ihre Auslastungszahlen und freie Kapazitäten von Intensivbetten ins "DIVI-Register" einzugeben. Dort bekomme man einen guten Überblick, wie viele Patientinnen und Patienten derzeit in intensivmedizinischer Behandlung seien.

Die meisten kurieren sich zu Hause aus

In den vergangenen Wochen seien etwa 80 Menschen behandelt worden, davon wurden Addo zufolge mehr als 40 wieder entlassen - entweder geheilt oder in die häusliche Isolation. "Auf der Normalstation präsentieren sich die Patienten weiterhin mit klassischen Symptomen wie Fieber, Husten und Atembeschwerden", so Addo. Daher würden sie auch stationär mit einer unterstützenden Therapie behandelt. Hat jemand zum Beispiel Fieber, würden fiebersenkende Maßnahmen angewendet, bei Atemnot gebe es Sauerstoff, bei einer bakteriellen Superinfektion Antibiotika. Mehr als die Hälfte der Menschen, die sich in der Notaufnahme vorstellen, gingen wieder nach Hause, um sich dort auszukurieren, sagte die Virologin weiter.

300 neue Intensivpatienten pro Tag in Deutschland

"Wir sehen bei diesen Daten, dass wir immer noch einen Zuwachs haben von circa 300 Intensivpatienten pro Tag in Deutschland", so der Leiter der Intensivmedizin. Man habe noch viele Kapazitäten frei in Deutschland, bislang seien 28.000 Betten verzeichnet. Darin lägen auch Patientinnen und Patienten ohne Covid-19, zum Beispiel mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall. Diese dürften nicht vernachlässigt werden. Dennoch sei noch viel Platz, sodass auch Patientinnen und Patienten aus dem Ausland aufgenommen werden könnten, meinte Kluge. Am UKE gebe es 140 Intensivbetten, davon seien 128 ausgelegt für eine Beatmungstherapie. Es sei ein großer Vorteil, dass man sich in Deutschland darauf vorbereiten konnte, betonte Kluge. Dennoch sei der Organisationaufwand sehr hoch, da zum Beispiel auch Personal aus anderen Bereichen in die Intensivpflege eingearbeitet werden müsste. Nicht notwendige Operationen seien abgesagt worden. Dringliche Eingriffe müssten aber natürlich auch weiter durchgeführt werden, versicherte der Intensivmediziner. Das gelte etwa bei einer Krebs-Erkrankung. Hier könnten die Patienten "nicht vertröstet werden".

Durchschnittsalter von Intensivpatienten bei 60 Jahren

Das Durchschnittsalter von Covid-19-Erkrankten auf der Intensivstation liege bei 60 Jahren. "Wir wissen, dass die Erkrankung gefährlicher wird mit zunehmendem Lebensalter und Begleiterkrankungen", sagte Kluge. Ab 50 steige das Risiko. Als Begleiterkrankungen nannte er zum Beispiel Bluthochdruck, Herz-Kreislauf- sowie Lungen- und Nierenerkrankungen, aber auch Diabetes und Krebs.

Kluge für vorsichtige Lockerung strenger Maßnahmen

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Intensivmediziner Kluge: Man muss über eine Exit-Strategie nachdenken.

Man wisse noch nicht genau, wann die große Welle an Erkrankten komme, so Kluge. "Im Moment sehen wir noch kein Abflachen. Dann müssten ja mehr Patienten aus dem Krankenhaus entlassen werden als wieder neu aufgenommen werden." Es könne auch sein, dass es einen zweigipfeligen Verlauf gebe, wenn die Bundesregierung die Maßnahmen lockert, erklärte Kluge. "Auf der anderen Seite sehen wir auch, dass man die strengen Maßnahmen nicht ewig so weiterlaufen lassen kann. Wir müssen wahrscheinlich schon bald zu einer schrittweisen Reduktion kommen", sagte der Leiter der Intensivmedizin - möglicherweise schon im April. Kluge sagte, jetzt müsse über eine Exit-Strategie nachgedacht werden "und es kann auch sein, dass die regional sehr unterschiedlich aussieht". So habe etwa Bayern immer noch die höchste Covid-19-Infektionsquote in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen sei sie am niedrigsten - und entsprechend könnte dort auch über einen früheren Schulneustart gesprochen werden.

Addo: Studien mit zwei Substanzen

"Wir sehen davon ab, individuelle Heilversuche mit experimentellen Substanzen durchzuführen", sagte Addo. Man gebe eine experimentelle Medikation ausschließlich im Rahmen von kontrollierten Studien. "Diese haben hier am UKE begonnen", so die Virologin. Und zwar erst mal mit zwei Substanzen: Remdesivir und Hydroxychloroquin. Remdesivir sei breit antiviral wirksam und auch schon bei Ebola eingesetzt worden. Dieses Medikament habe sich schon bei ersten Patienten-Daten vielversprechend gezeigt, sagte die Leiterin der Infektiologie. Es sei bereits bei ersten Patienten eingesetzt und gut vertragen worden. Da es sich aber um kontrollierte Studien handele, müsse man noch etwa sechs bis acht Wochen warten, bis Zwischenanalysen über die Wirksamkeit vorliegen. Die zweite Studie mit Hydroxychloroquin hat Addo zufolge in der vergangenen Woche begonnen, gemeinsam mit der Universität Tübingen. Auch hier zeige sich eine gute Verträglichkeit.

PCR-Test erkennt frische Infektionen

Sven Peine, der Leiter der Transfusionsmedizin am UKE, sagte, es sei großartig gewesen, dass man in Deutschland, aber auch international schnell in der Lage war, PCR-Tests zu verwenden. So könne das Virus selbst getestet und nachgewiesen werden, um frische Infektionen zu erkennen, Quarantäne-Maßnahmen zu ergreifen, Kontaktpersonen zu identifizieren und diese ebenfalls in die Isolation zu bringen. "Diese Tests sind das, was uns im Moment hilft, die Verbreitung zu erkennen und zu vermeiden", so Peine.

Antikörpertest: "Für Einzelnen kein unmittelbarer Nutzen"

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Transfusionsmediziner Peine sprach unter anderem über Antikörpertests.

Antikörpertests könne man nutzen, um zu sagen, dass jemand Covid-19 hatte. "Die Antikörperbildung beginnt nach circa fünf Tagen bis drei Wochen nach Erkrankungsbeginn und kann dann helfen, Verläufe nachzuvollziehen", erklärte Peine. Sie seien wichtig, um Infektionsketten zu schließen und um zu sehen, wo möglicherweise eine Infektion entstanden ist - beispielsweise in Pflegeheimen. Nach Einschätzung des Transfusionsmediziners werden Antikörpertests eine große Rolle spielen, um zu erkennen, wie weit sich das Virus bereits in Deutschland verbreitet hat und in wie vielen Fällen es auch schon unbemerkt in der Bevölkerung gewesen ist. Für jeden Einzelnen würden diese Tests aber keinen unmittelbaren Nutzen bringen. "Niemand muss sich im Internet selbst so einen Test besorgen. Der hilft ihm nicht weiter", so Peine.

UKE und Stadt Hamburg validieren Testsysteme

Peine wies zudem darauf hin, dass das UKE derzeit mit der Stadt Hamburg aktuelle Testsysteme auf ihre Qualität hin validiert. So würden Blutspender untersucht, ob diese sich unbemerkt infiziert haben. "Nach allem, was wir bisher wissen, sind die erkrankten Patienten nicht oder erst in ganz späten Krankheitsphasen auch positiv für den Erreger im Blut", so Peine. "Der Blutspender, der symptomfrei kommt, kein Fieber hat, keine Erkältungsanzeichen hat, der hat diesen Erreger nicht im Blut und gibt ihn damit auch nicht weiter."

Nur gesunde Menschen können Blut spenden

Daran schließe auch die Anwendung von rekonvaleszentem Plasma an, sagte Peine. Dafür seien die Antikörpertests wichtig. "Das heißt, wir können anhand dieser Tests erkennen, wer hat Kontakt gehabt und wie gut war seine Immunantwort?". Am UKE gebe es jetzt die Möglichkeit für Interessierte, sich über die Internetseite der Blutspende am UKE zu registrieren. Peine betonte aber, dass man zunächst einmal sammele und kategorisiere, denn es sei weiterhin wichtig, dass Blut- oder Plasmaspenderinnen und -spender gesund seien. "Wenn jemand einen Herzinfarkt oder einen Tumor hatte, kann er kein Blut oder Plasma spenden."

Keine einzelnen Heilversuche mit Plasma

Auch die Tests mit Plasma würden aber nicht bei einzelnen Heilversuchen gemacht, so Peine. Es brauche strukturierte Studien. Das UKE sei in zwei Konsortien vertreten, in denen man auch schaue, welche Studie man machen wolle. "Wir sind natürlich auch in der Lage, im einzelnen Heilversuch ganz schnell so ein Plasma herzustellen. Wir wollen das bewusst nicht und versuchen, das wirklich im Rahmen von Studien anzuwenden - dort, wo es Sinn macht", sagte der Transfusionsmediziner. Er persönlich sei der Meinung, dass man vor allem von geheilten Menschen profitieren könne, die nach acht oder zwölf Wochen wieder Blut spenden dürften. Dieses Blutplasma könne man dann zur Antikörpergewinnung nutzen.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 08.04.2020 | 19:30 Uhr

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