Tschentscher will mehr Sichtbarkeit des jüdischen Lebens

Stand: 07.10.2020 07:43 Uhr

Mit Schutz, aber vor allem mit mehr positiver Sichtbarkeit des jüdischen Lebens in Hamburg wollen Senat und jüdische Gemeinde dem Antisemitismus entgegentreten.

Es gehe darum, jüdisches Leben in der Stadt "zur Normalität werden zu lassen, erfahrbar zu machen auch für diejenigen, die nicht jüdisch, aber interessiert sind", sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) am Dienstag nach einem Treffen mit Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und dem ersten und zweiten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Philipp Stricharz und Eli Fel, im Rathaus. Stricharz hatte zuvor gefordert, die Sicherheit für die Gemeinde zu verbessern, auch durch bauliche Veränderungen. Es könne nicht sein, dass Juden nicht einmal mehr vor der Synagoge eine Kippa tragen dürften. Polizeisprecherin Sandra Levgrün hatte am Dienstag betont: "Wir werden uns nun mit allen Beteiligten an einen Tisch setzen und besprechen, welche Lehren man aus dem Angriff ziehen kann."

VIDEO: "Jüdisches Leben in Stadt zur Normalität werden lassen" (6 Min)

Eli Fel betonte am Dienstagabend im Hamburg Journal, Antisemitische Straftaten hätten in den vergangenen Jahren überall in Deutschland zugenommen. "Wir haben mit Hass, Unkenntnis und Vorurteilen zu tun, die im Netz verbreitet werden", sagt er. "Es ist wichtig, dass ein Dialog stattfindet", sagte er.

Tschentscher setzt auf persönliches Erleben

Bürgermeister Tschentscher betonte, man wolle auf die junge Generation setzen. So könnte Hamburger Schülerinnen und Schülern durch gegenseitige Besuche mit israelischen Schülerinnen und Schülern "der persönliche Kontakt, das persönliche Erleben" der jüdischen Kultur und des Landes Israel ermöglicht werden.

Derweil sagte Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank, die Benennung eines Hamburger Antisemitismusbeauftragten sei sowohl der Bürgerschaft als auch dem rot-grünen Senat "ein großes Anliegen". Kritik der Opposition, dass dies zu lange dauere, wies sie zurück. Zunächst müsse der Runde Tisch und die Findung eines geeigneten Kandidaten abgewartet werden.

Jüdischer Student aus Krankenhaus entlassen

Dem zusammengeschlagenen jüdischen Studenten geht es inzwischen offenbar besser. Nach Informationen von NDR 90,3 ist er aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der Student war am Sonntagnachmittag vor der Synagoge in Hamburg-Eimsbüttel von einem 29-jährigen Mann im Tarnanzug mit einem Klappspaten geschlagen worden und hatte schwere Kopfverletzungen erlitten.

29-Jähriger möglicherweise nicht schuldfähig?

Hamburgs Polizei und Staatsanwaltschaft gehen weiter von einem judenfeindlichen Motiv bei dem Angriff aus. Der 29 Jahre alte Beschuldigte ist aber möglicherweise nicht schuldfähig. Das soll ein Gutachten klären. Ein Haftrichter ordnete an, dass der Mann in einer geschlossenen Hamburger Psychiatrie untergebracht wird. Der Mann soll nach Informationen der Ermittler weder Kontakt zu rechtsextremen Netzwerken gehabt haben, noch hatte er offenbar vor, seinen Angriff im Internet zu verbreiten. Das grenzt diese Attacke von dem Angriff auf die Synagoge in Halle vor fast genau einem Jahr ab.

Der Mann lebte offenbar erst seit ein paar Monaten in Hamburg - zuletzt in einer Wohnung in Langenhorn. Gemeldet war der 29-Jährige in Berlin. Dort soll er im vergangenen Jahr in einem Übergangswohnheim für Spätaussiedler, Geflüchtete und jüdische Zuwandererinnen und Zuwanderer gelebt haben. Dort soll er auch schon aufgefallen sein.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 06.10.2020 | 18:00 Uhr

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