Stand: 02.08.2019 14:07 Uhr

Trotz Ehe für alle (noch) keine Rechte für alle

von Merlin van Rissenbeck
Bild vergrößern
Simone und Johanna hoffen auf eine rechtliche Gleichstellung gegenüber Paaren aus Mann und Frau.

Mami, Mama und Juno - eine Familie aus Barmbek-Süd in Hamburg. Aber der rechtliche Weg dorthin war kompliziert. Gut zehn Monate lang stand Mama - Simone - alleine in der Geburtsurkunde. Das Jugendamt schickte ihr Broschüren für alleinerziehende Mütter. Dabei gibt es ja auch Mami - Johanna - also die zweite Mutter.

Unsicherheit vor und nach der Geburt

Wenige Minuten, nachdem Simone Juno auf die Welt gebracht hat, lag sie auch auf Johannas Bauch. Die beiden Frauen hatten zuvor alles zusammen geplant, sich im Internet nötige Informationen zusammengesucht: Die Schwangerschaft lief über eine Samenbank. Rund zwei Wochen vor der Geburt setzte Simone eine handschriftliche Sorgerechtsverfügung für den Notfall auf. Trotzdem konnte sie nicht sicher sein, dass Juno bei Johanna bleiben kann, wenn ihr selbst etwas passieren sollte: "Das fand ich am Schwierigsten, dieses Gefühl, es garantiert mir niemand, dass mein Kind genau dahinkommt, wo es hinkommen muss, wenn mit mir irgendetwas ist."

Johanna (rechts) mit ihrer Tochter Juno, die sie adoptieren musste. Juno spielt mit ihrem Spielzeug.

Viele Hürden für gleichgeschlechtliche Eltern

Hamburg Journal -

Trotz Ehe für alle bleibt das gemeinsame Erziehen eines Kindes für gleichgeschlechtliche Eltern schwierig. Wenn eine lesbische Mutter das Kind austrägt, muss ihre Ehefrau das Kind adoptieren.

3,79 bei 29 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Einzige Möglichkeit: Stiefkindadoption

Wenn eine Frau in einer lesbischen Ehe ein Kind bekommt, wird ihre Ehefrau bei der Geburt nicht automatisch auch Mutter. Bei verschiedengeschlechtlichen Paaren dagegen wird der Ehemann, ob biologischer Vater oder nicht, rechtlicher Vater. Lesbischen Paaren bleibt derzeit der Weg der Stiefkindadoption, der meist etwa ein Jahr lang dauert. Dafür müssen sie unter anderem zu einem Notar gehen und viele Auskünfte geben: Nachweise über Finanzen, den Gesundheitszustand und ein umfangreiches Schreiben, in dem sie ihren privaten Werdegang auflisten inklusive der Fragen "Was verbindet sie mit dem Kind?" und "Warum möchten Sie adoptieren?".

Für Simone und Johanna war das Verfahren ein großer Aufwand. Und: Wirklich nachvollziehen können sie die Ungleichbehandlung gegenüber Ehepaaren aus einer Frau und einem Mann nicht. Sie habe sich richtig erniedrigt gefühlt, betont Johanna. "Diese Stiefkindadoption ist ja eigentlich für ganz andere Fälle gemacht." Im Falle von zwei Menschen, die zusammen ein Wunschkind bekommen, sei dieser Adoptionsprozess fehl am Platz.

Keine Änderung nach der Ehe für alle

Auch die Ehe für alle hat an dieser Regelung des Abstammungsrechts nichts geändert. Als die Ehe-Öffnung angekündigt wurde, haben Simone und Johanna mit Freunden drei Tage lang gefeiert. Sie waren sich sicher: Bei Junos Geschwisterchen wird alles anders. "Wir hatten uns das alles sehr blumig ausgemalt. Wir dachten, endlich könnten wir ganz selbstverständlich in der Kinderwunschklinik empfangen werden oder die künstliche Befruchtung unterstützt werden, wie das bei verschiedengeschlechtlichen Ehepaaren ja ist. Die Enttäuschung war dann riesig", beschreibt Simone ihr Gefühl vor zwei Jahren.

Denn kurz nach der Freude über mehr Gleichstellung kam die große Ernüchterung, dass es auch beim zweiten Kind nicht einfacher für die beiden Frauen wird. Aus Protest hatte sich das Paar deshalb dagegen entschieden zu heiraten und ist verpartnert geblieben, "bis die Ehe für alle für uns nicht mehr eine leere Hülse ist", so Simone. 

Gesetzesentwurf zum Abstimmungsrecht

Inzwischen gibt es einen Hoffnungsschimmer: Im März dieses Jahres hat Katarina Barley noch als Bundesjustizministerin einen Entwurf für ein neues Abstammungsrecht vorgelegt. Danach soll unter anderem die Partnerin der Frau, die ein Kind zur Welt bringt, automatisch auch die Mutter des Kindes werden. Ob und wann das Gesetz beschlossen wird, ist noch unklar.

Auch Gabriela Lünsmann, Hamburger Fachanwältin für Familienrecht, ist der Meinung, "dass das Abstammungsrecht aktuell nicht zeitgemäß ist". Es bilde sehr viele Familienformen nicht ab. Sie hofft, dass es vielleicht schon im kommenden Jahr Chancen auf eine Änderung der Rechtslage gibt. Für Simone und Johanna käme diese neue Regelung allerdings zu spät, weil das zweite Kind des Paares im Herbst zur Welt kommt. Dieses Mal ist Johanna schwanger und Simone wird den Verwaltungsprozess durchlaufen. Ein Vorteil diesmal: Sie sind schon ein bisschen in Übung, was den Aufwand angeht.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 02.08.2019 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

01:55
Hamburg Journal
02:07
Hamburg Journal
02:01
Hamburg Journal