Stand: 24.01.2020 20:29 Uhr  - Hamburg Journal

Stutthof-Prozess: Zeuge sah Hinrichtungen

Bild vergrößern
Dem 93-jährigen Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen.

Im Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof ist am Freitag die Erklärung eines norwegischen Überlebenden verlesen worden. Der heute 97 Jahre alte Johan Solberg war demnach als Mitglied der norwegischen Widerstandsbewegung im Frühjahr 1944 gefangen genommen worden. Am 13. August 1944 kam er mit rund 50 Gefangenen aus Norwegen in das Lager bei Danzig. "Meine erste Begegnung mit dem Lager war ein Schockerlebnis", hieß es in der Erklärung. Er habe gesehen, wie Wagen mit Leichen zum Krematorium geschoben worden seien. Ein Mann habe den Toten die Goldzähne herausgezogen.

Zeuge: Jugendliche neben Weihnachtsbaum erhängt

Er habe elf Hinrichtungen beobachtet, ließ Solberg von seinem Sohn in der Erklärung protokollieren. "Am stärksten beeindruckt hat mich die Hinrichtung von zwei russischen Jungen am vierten Weihnachtstag (28. Dezember)." Die beiden Jugendlichen seien neben einem Weihnachtsbaum erhängt worden.

Stutthof-Prozess: Zeuge berichtet von Hinrichtungen

Hamburg Journal -

Im Prozess gegen einen früheren SS-Wachmann, der im Konzentrationslager Stutthof eingesetzt war, hat ein Zeuge aus Norwegen eine Erklärung abgegeben. Nach Hamburg kam sein Sohn.

4,2 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Nach Verlesung der Erklärung beantwortete der Sohn des Zeugen Fragen. Er sagte, dass er die Erklärung in Gegenwart seines Vaters geschrieben habe. Dieser sei krank, aber völlig klar im Kopf. Der Vater habe 1995 auf 90 Seiten seine Erinnerungen aufgeschrieben. Auf diesen Aufzeichnungen basiere die Erklärung. Solberg wurde der Erklärung zufolge in Stutthof vergleichsweise gut behandelt. Am schlimmsten hätten es die Juden im Lager gehabt. Über mehrere Wochen habe er gesehen, wie täglich etwa 100 von ihnen zur Gaskammer gehen mussten. Alle hätten gewusst, wohin es ging.

Bild vergrößern
Der Sohn des Zeugen, Gunnar Stolberg, kam zum Prozess nach Hamburg.

Beim Verlassen des Gerichtssaals gingen der Sohn, der Rechtsbeistand und eine Dolmetscherin auf den Angeklagten zu und gaben ihm die Hand. Weil es dem Angeklagten nach der Pause nach Angaben von Ärzten nicht gut ging, verzichtete das Gericht auf die eigentlich geplante weitere Anhörung des Historikers Stefan Hördler.

Anklage: Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen

Videos
01:37

Bruno D.: Der Fall in Zahlen

Der SS-Wachmann Bruno D. des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vor dem Landgericht Hamburg verantworten. Video (01:37 min)

Angeklagter in dem Prozess ist ein 93-Jähriger, der von August 1944 bis April 1945 in Stutthof als Wachmann im Einsatz war. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen. Er soll laut Anklage "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen zu verhindern. Der Fall wird vor der Jugendstrafkammer verhandelt, weil der Beschuldigte zur Tatzeit 17 bis 18 Jahre alt war.

Der Prozess läuft seit Mitte Oktober. Bislang gab es 14 Verhandlungstage, die wegen des Alters des Angeklagten auf zwei Stunden begrenzt sind. Das Gericht hat 17 weitere Termine bis zum 15. Mai angesetzt.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. hat 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof begonnen. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind.

Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Weitere Informationen

KZ-Prozess: Nebenkläger zieht zurück

Im Hamburger KZ-Wachmann-Prozess hat ein zweifelhafter Zeuge seine Nebenklage zurückgegezogen. Der angebliche NS-Überlebende war offenbar nie im Konzentrationslager Stutthof. (13.01.2020) mehr

Historiker belastet früheren KZ-Wachmann

Im Prozess gegen den früheren KZ-Wachmann Bruno D. hat ein Historiker dessen Angaben widerlegt. Unterdessen gibt es Zweifel an einem Nebenkläger, der den Angeklagten umarmt hatte. (06.01.2020) mehr

KZ-Wachmann: "Keinen Beitrag zum Holocaust geleistet"

Im Hamburger Prozess gegen einen früheren KZ-Wachmann hat der Angeklagte ausgesagt, dass er nicht am Holocaust beteiligt gewesen sei. Er hätte nie auf einen Menschen geschossen. (17.12.2020) mehr

Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. Jedes Jahr am 27. Januar erinnert ein Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 24.01.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:44
Hamburg Journal
03:43
Hamburg Journal
02:25
Hamburg Journal