Stand: 20.07.2020 17:33 Uhr

Stutthof-Prozess: Verteidigung fordert Freispruch

Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig sitzt im Hamburger Landgericht und verdeckt sein Gesicht mit einer blauen Mappe. © picture alliance / dpa Foto: Axel Heimken
Im Prozess gegen den 93-Jährigen wird das Urteil für Donnerstag erwartet.

Im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wachmann hat der Verteidiger am Montag einen Freispruch verlangt. Für den Fall einer Verurteilung seines Mandanten plädierte er auf eine Bewährungsstrafe. Aus damaliger Sicht sei der Wachdienst kein Verbrechen gewesen, man könne seinen Mandanten nicht für die dort verübten Morde mitverantwortlich machen. Dem angeklagten 93-jährigen Bruno D. wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen. Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer eine Jugendstrafe von drei Jahren Haft gefordert. Das Urteil soll am Donnerstag verkündet werden.

Entschuldigung des Angeklagten

Der Angeklagte entschuldigte sich in seinem sogenannten letzten Wort für die Verbrechen im Konzentrationslager Stutthof. "Heute möchte ich mich bei denen, die durch diese Hölle des Wahnsinns gegangen sind, und deren Angehörigen, entschuldigen - so etwas darf niemals wiederholt werden", sagte der 93-Jährige. Er selbst habe dort aber nicht freiwillig gedient, ergänzte der Angeklagte. Er habe erst durch den Prozess von dem wahren Ausmaß der in dem Lager verübten "Grausamkeiten" erfahren. Er hätte zudem "mit Sicherheit" auch die Chance genutzt, sich dem Dienst dort wieder zu entziehen, sofern dies möglich gewesen wäre.

Zum Prozessauftakt im Oktober vergangenen Jahres hatte der Angeklagte eingeräumt, dass er vom 9. August 1944 bis zum 26. April 1945 Wachmann im KZ Stutthof bei Danzig war. Weil er als Wehrmachtssoldat nicht frontverwendungsfähig war, sei er zum Wachdienst in das Lager abkommandiert worden.

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EIne Visualisierung zeigt einen Soldaten vor einem Zaun. © NDR Foto: Screenshot
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Bruno D.: Der Fall in Zahlen

Der SS-Wachmann Bruno D. des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vor dem Landgericht Hamburg verantworten. 2 Min

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. hat 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof begonnen. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind.

Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Weitere Informationen
Der Angeklagte Bruno D. im Gerichtssaal. Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann ist wegen Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft war er als junger Mann von August 1944 bis April 1945 im Konzentrationslager Stutthof. © picture alliance/dpa/Pool/dpa Foto: Markus Scholz

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Hamburg: Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird zum Beginn eines weiteren Prozesstages von einem Arzt in den Sitzungssaal des Landgerichts geschoben. Zum Schutz des Angeklagten vor dem neuartigen Coronavirus werden strenge Hygienevorschriften eingehalten. © picture alliance/Christian Charisius/dpa/Pool/dpa Foto: Christian Charisius

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Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 20.07.2020 | 14:00 Uhr

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