Stand: 07.07.2020 15:20 Uhr  - NDR 90,3

Stutthof-Prozess: Plädoyers der Nebenkläger

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Am 23. Juli wird das Urteil im Prozess gegen Bruno D. erwartet.

Im Hamburger Prozess gegen den ehemaligen Wachmann Bruno D. im Konzentrationslager Stutthof sind am Montag die Plädoyers fortgesetzt worden. Vertreter der Nebenkläger forderten ein Urteil mit Signalwirkung und schlossen sich der Forderung der Staatsanwaltschaft an. Sie will drei Jahre Haft für den Angeklagten. Der heute 93-Jährige habe sich der Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen schuldig gemacht. Die damalige Wachmannschaft im KZ Stutthof bei Danzig sei eine Bande von Mördern und Verbrechen gewesen, so der Staatsanwalt wörtlich in seinem Plädoyer. Der Angeklagte habe den Massenmord anerkannt und weggeschaut. Da er damals noch Jugendlicher war, müsste er bei einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht bestraft werden.

Signal: Unrecht verjährt nicht

Der Angeklagte hätte wissen müssen, dass er mit seiner Tätigkeit Unrecht begangen habe, sagte der Staatsanwalt. Es fehle aber jeglicher Hinweis, dass er diesen inneren Konflikt auch ausgetragen habe. In einer "Mordmaschine" wie dem KZ Stutthof genüge es nicht, sich einfach wegzudrehen. Das Urteil müsse auch ein Signal sein, dass ein solches Unrecht nicht verjährt. Nach den Plädoyers der Nebenklägervertreter und des Verteidigers soll das Urteil in dem Prozess am 23. Juli gesprochen werden.

Bruno D.: "Habe nie von meiner Waffe Gebrauch gemacht"

Bruno D. war als 17-Jähriger Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Er soll laut Anklage "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen zu verhindern. Zum Auftakt des Verfahrens im Oktober vergangenen Jahres hatte der 93-Jährige eingeräumt, er sei 1944 zur Wehrmacht eingezogen worden. Weil er nicht frontverwendungsfähig gewesen sei, habe man ihn zum Wachdienst nach Stutthof abkommandiert. Die SS-Uniformjacke habe er nach der Rückkehr von einem Krankenhausaufenthalt anziehen müssen. Er habe viele Leichen in dem KZ gesehen, selbst aber nie von seiner Waffe Gebrauch gemacht. Der Fall wird vor der Jugendstrafkammer verhandelt, weil der Beschuldigte zur Tatzeit zwischen 17 und 18 Jahren alt war.

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Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. hat 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof begonnen. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind.

Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 07.07.2020 | 09:00 Uhr

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