Stand: 24.07.2020 08:52 Uhr

Studie vorgelegt: Superspreader bei Tönnies gefunden

In einer gemeinsamen Studie haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf (UKE), des Helmholtz-Zentrums (HZI) und des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie (HPI) die Ursprünge des ersten Coronavirus-Ausbruchs im Mai 2020 in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück untersucht. Zurückzuführen ist der Ausbruch auf einen Mitarbeiter.

Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies rekonstruiert

Die Ergebnisse rekonstruieren die auslösenden Übertragungsereignisse des Ausbruchs in der Fleischfabrik Tönnies: Ausgehend von einem Mitarbeiter wurde das Virus auf mehrere Personen in einem Umkreis von mehr als acht Metern übertragen. "Damit ist ein Superspreader für den Ausbruch bei Tönnies gefunden", sagte Adam Grundhoff, Mitautor der Studie und Forschungsgruppenleiter am HPI.

Die hauptsächliche Übertragung fand demnach im Zerlegebereich für Rinderviertel statt, in dem die Luft umgewälzt und auf zehn Grad Celsius gekühlt wird. Die Wohnsituation der Arbeiterinnen und Arbeiter spielte laut der Studie während der untersuchten Phase des Ausbruchs keine wesentliche Rolle.

Mutationen zeigen Kontakt zu Westfleisch-Mitarbeitern

Zudem zeigt eine Auswertung der Virussequenzen, dass sich alle bei Tönnies auf das Coronavirus positiv getesteten Personen aus dem Infektionscluster im Mai eine neue Kombination von acht Mutationen teilen, die zuvor noch nicht beobachtet worden war. Dazu wurden die Standorte der Beschäftigten bei der Arbeit und die Infektionsketten anhand von Virussequenzen analysiert. So stellte sich auch heraus, dass die gleichen Viren bei Infizierten im Westfleisch-Schlachthof in Dissen im Landkreis Osnabrück zu finden waren. Mitarbeiter beider Unternehmen hatten offenbar Kontakt: "Aufgrund der zeitlichen Abfolge ist davon auszugehen, dass die Infektionskette von den Westfleisch- zu den Tönnies-Mitarbeitern verlief", sagte Helmholtz-Forschungsleiter Adam Grundhoff der "Neuen Westfälischen".

Was bedeuten Ergebnisse für andere Lebensbereiche?

"Unsere Studie beleuchtet SARS-CoV-2-Infektionen in einem Arbeitsbereich, in dem verschiedene Faktoren aufeinandertreffen, die eine Übertragung über relativ weite Distanzen ermöglichen", sagte Melanie Brinkmann, Professorin und Forschungsleiterin am HZI in Braunschweig. "Es stellt sich nun die wichtige Frage, unter welchen Bedingungen Übertragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich sind."

Bedingungen in Fleischfabrik fördern Virus-Verbreitung

Schweinehälften werden in einem industriellen Fleischbetrieb verarbeitet. © NDR
Niedrige Temperatur, geringe Frischluftzufuhr und Klimaanlage fördern offenbar die Verbreitung des Corona-Virus.

"Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs - also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit - die Aerosolübertragung von SARS-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten", sagte Grundhoff. Unter diesen Bedingungen sei ein Abstand von 1,5 bis 3 Metern alleine ganz offenbar nicht ausreichend, um eine Übertragung zu verhindern.

Die Studienergebnisse wurden noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht, sondern vorab auf eine sogenannte Preprint-Plattform gestellt. Im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch in Deutschlands größtem Fleischaverareitungskomplex hatten sich insgesamt mehr als 2.000 Menschen mit dem Virus infiziert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 23.07.2020 | 20:00 Uhr

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