Ein Foto in schwarz-weiß von einem Sternenkind. © Stiftung "Dein Sternenkind" Foto: Stiftung "Dein Sternenkind"

Sternenkinder: Das erste und das letzte Foto

Sendedatum: 13.10.2020 19:40 Uhr

Sternenkinder sind Babies, die tot geboren werden. Fotografinnen und Fotografen helfen trauernden Familien ehrenamtlich mit Bildern beim Abschied nehmen.

von Antonia Reiff

Die Fotografinnen und Fotografen haben sich dafür in einer Stiftung organisiert. Anlässlich der Hamburger Hospizwoche erzählen sie, dass es sich dabei immer noch um ein Tabuthema handelt und warum diese Erinnerungsbilder gleichzeitig für die Eltern so wichtig sind. Désirée Pundschus ist Hamburgerin und eine von denen, die diese bleibenden Erinnerungen schafft.

Sternenkinder: Verlust schwer greifbar

Wenn ein Leben endet bevor es richtig begonnen hat, dann ist dieser Verlust schwer greifbar. Eltern von Sternenkindern haben mit ihrem Neugeborenen nur diesen einen, kurzen Moment nach der Geburt. Diesen Moment gilt es darzustellen und fotografisch festzuhalten: "Ich bin Mutter, ich bin Vater, ich habe ein Bild davon - ich glaube, das ist ganz wichtig. Wenn man ein Kind kriegt, begleitet einen das ein Leben lang. Mütter oder Väter, die ein 'Sternchen' bekommen, haben ja auch ein Kind. Nur dieses Kind begleitet sie nicht, sie sehen es nicht. Sie haben nur diesen einen Moment und müssen es dann weggeben", so die Fotografin.

Ein Foto in schwarz-weiß von der kleinen Hand eines Sternenkindes. © Stiftung "Dein Sternenkind" Foto: Stiftung "Dein Sternenkind"

AUDIO: Sternenkinder: Abschiednehmen möglich machen (3 Min)

Das erste und das letzte Bild

Zur Erinnerung machen die Fotografinnen und Fotografen direkt nach der Geburt das erste und das letzte Bild von Neugeborenen, die den Sprung in die Welt nicht geschafft haben. "Ich glaube, das Geschenk ist, diese kurze Zeit, die Eltern mit ihrem Kind haben, in Fotos zu dokumentieren, damit sie auch später, wenn die Erinnerung langsam verblasst, noch verfügbar ist", sagt Pundschus.

Ästhetische Bilder nehmen die Angst

Ein Foto in schwarz-weiß von der kleinen Hand eines Sternenkindes. © Stiftung "Dein Sternenkind" Foto: Stiftung "Dein Sternenkind"
Detailreiche Nahaufnahmen helfen Eltern bei der Erinnerung.

Die Hamburgerin macht durch den Einsatz von Licht, der richtigen Perspektive und Tüchern oder Decken authentische und schöne Bilder. Bei vielen ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, dass es sich um Fotos von verstorbenen Neugeborenen handelt. Vielmehr nehmen sie durch ihre Ästhetik dem Betrachter die Angst vor diesem tabuisierten Thema. Fotografiert werden in Nahaufnahmen kleine, aber reale Details an den Babies. Klassische Motive sind die kleinen Füße, Ohren oder Hände. Désirée Pundschus macht aber auch Bilder von der Familie. "Wir dokumentieren auch das Abschiednehmen. Also die Eltern zusammen mit dem Kind in der Umgebung."

Das Abschiednehmen festhalten

Dieses bewusste Begrüßen und gleichzeitige Verabschieden eines Sternenkindes gibt es noch nicht lange. Die Trauerbewältigung durch ein Erinnerungsfoto zu unterstützen, macht sich die Stiftung "Dein Sternenkind" seit 2013 zur Aufgabe. Der Fotograf Oliver Wendtland erklärt: "Wir halten das Thema für extrem wichtig, weil die Totgeburt von Kindern ein absolutes Tabuthema ist, das es nicht sein muss. Wir hören immer wieder von Frauen und Eltern, die vor 20, 30 Jahren ihre Kinder tot zur Welt bringen mussten, dass sie so etwas auch gerne gehabt hätten und dass sie keinerlei Erinnerungen an ihre Kinder haben. Das wollen wir ändern."

Stiftung koordiniert mehr als 600 Fotografinnen und Fotografen

Die Stiftung koordiniert mehr als 600 Fotografinnen und Fotografen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie alle sind als Ehrenamtliche über eine App vernetzt und durch eine Alarmfunktion rund um die Uhr erreichbar. Meistens kommt der Notruf vom Klinikpersonal. Bis ein Fotograf oder eine Fotografin gefunden ist, vergehen im Durchschnitt nur 30 Minuten. Sie fahren dann zum Fotografieren in das jeweilige Krankenhaus und lassen den Eltern die Bilder kostenlos als Geschenk zukommen.

Fotos wichtig für die Trauerbewältigung

Informationen und Hilfe für verwaiste Eltern

Für Betroffene oder auch für Fotografen, die sich selbst engagieren wollen, gibt es alle weiteren Informationen auf der Webseite der Stiftung dein-sternenkind.eu.

Hilfe für Eltern von Sternenkindern gibt es in Hamburg zum Beispiel bei der Elterninitiative "still geboren" oder bei der Hebamme Janette Harazin. Sie bietet in Ihrer Praxis monatlich ein Treffen für Sterneneltern an. Kontakt: sternenelterntreff@gmx.

Die Fotografinnen und Fotografen verstehen sich nicht als Seelsorgerinnen und Seelsorger. Sie wollen den betroffenen Eltern, die in der Situation oft überfordert sind, etwas abnehmen. "Sie haben nicht die Zeit und nicht den Kopf dafür frei, sich Gedanken über ein Foto zu machen", erzählt Pundschus. Deswegen sei es so wichtig, dass diese Aufgabe von dem Klinikpersonal und den Fotografen übernommen werde, die wissen, wie bedeutend diese Bilder sein können.

Ein Ehrenamt mit Sinn

Anfangs hatte die Fotografin selbst Angst vor ihrem ersten Foto-Einsatz. Auf dem Weg in den Kreißsaal war sie kurz davor umzudrehen und nach Hause zu fahren, berichtet sie. "Aber danach war alles gut und ich bin dabei geblieben. Das ist das erste Mal, dass ich ein Ehrenamt habe, wo ich wirklich einen Sinn darin sehe."

3.200 Einsätze bei "stillen Geburten" in einem Jahr

Mit zunehmender Bekanntheit dieser Arbeit wächst auch die Nachfrage. In den letzten 12 Monaten hat die Stiftung über 3.200 Foto-Einsätze bei den "stillen Geburten" koordiniert. Allein im Oktober dieses Jahres waren es schon über 100 Einsätze. Désirée Pundschus wünscht sich trotzdem noch einen offeneren Umgang mit dem Thema: "Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Man sollte eine gute Erinnerung haben, so traurig die Situation auch ist."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 13.10.2020 | 19:40 Uhr

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