Einsatzkräfte der Polizei beobachten eine "Querdenker"-Kundgebung in Berlin. © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Arzt aus Impfgegner-Szene

Stand: 23.12.2020 20:08 Uhr

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Arzt Walter Weber aus dem Stadtteil Winterhude eingeleitet. Weber hatte sich in den vergangenen Monaten bei sogenannten Querdenker-Demos in Berlin gegen die Pandemie-Maßnahmen der Bundesregierung ausgesprochen und dabei auch die Maskenpflicht kritisiert.

von Stefan Schölermann

Wie die Staatsanwaltschaft NDR Info bestätigte, geht es bei den Ermittlungen um den § 278 des Strafgesetzbuches. Danach kann ein Arzt mit bis zu zwei Jahren Gefängnis oder einer Geldbuße bestraft werden, wenn er "unrichtige Zeugnisse über den Gesundheitszustand eines Menschen zum Gebrauch bei einer Behörde oder einer Versicherung" ausstellt.

Ein Beispiel dafür wäre ein falsch ausgestelltes Attest, das einen Schüler im Unterricht von der Maskenpflicht befreien soll. Auf welche konkrete Handlung sich der Verdacht der Ermittlungsbehörde bezieht, das sagt die Staatsanwaltschaft nicht. Walter Weber hat auf mehrfache - auch telefonische - Nachfrage von NDR Info jede Stellungnahme abgelehnt.

Masken gefährlich?

Schüler einer 13.Klasse der Oberstufe der Stadtteilschule Niendorf sitzen mit Mund-Nasen-Bedeckungen im Deutsch-Unterricht. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt
Schüler tragen Mund-Nasenschutz - Weber zweifelt die Wirksamkeit an.

Fakt ist: Weber zweifelt die Wirksamkeit des so genannten Mund- und Nasenschutzes immer wieder an, hält ihn offenbar sogar für gefährlich. In einem Internet-Video sagte er im Oktober: "Ich kenne viele Patienten, die kollabiert sind und die zusammenbrechen. Ich meine, müssen denn Leute, die Masken tragen, erst sterben, bevor hier irgendwelche Maßnahmen ergriffen werden?"

Eine Sicht der Dinge, die der Präsident der Hamburger Ärztekammer, Pedram Emami, für abwegig hält. Er wisse nichts von einer tödlichen Gefahr. "Ich bin Neurochirurg. Ich trage seit 20 Jahren mehrere Stunden am Tag eine chirurgische Maske. Ich bin bis jetzt nicht daran gestorben."

Weber spricht von "Corona-Diktatur"

Walter Weber handelt nicht allein. Sein Name steht prominent auf einer Internetseite "Ärzte für Aufklärung". Nach eigenen Angaben zählte die Vereinigung im Oktober rund 700 Mitglieder. Wie man dort über die Pandemie-Maßnahmen denkt, dafür gab der 79-jährige Hamburger ein Beispiel, als er im Sommer bei einer Demonstration von Impfgegnern und Pandemie-Zweiflern vor dem Berliner Reichstag unter Beifall das Wort ergriff: "Wir sind aus Hamburg gekommen, um gegen diese Corona-Diktatur vorzugehen. Die Gewalten in dieser sogenannten Demokratie geben nicht ihr Bestes."

Bei einer anderen Demonstration in Berlin geißelte er vom Lautsprecherwagen die Impfungen gegen Corona. Dabei gehe es nicht um die Gesundheit, sondern um Manipulation und die Verabreichung von Chips zur Kontrolle der Menschen. Schuld sei vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Frau Merkel hat uns als Laborratten an die pharmazeutische Industrie verkauft."

Ärztekammer-Präsident geht auf Abstand

Pedram Emami
Ärztepräsident Pedram Emami (Archivfoto) hat "gar kein Verständnis" für die Aussagen des Arzts aus Winterhude.

Zumindest eigenwillig ist auch Webers Sicht der Dinge auf die Gefahr, die von dem Virus ausgeht. Er spricht von einer Erkältung: "Coronaviren sind Erkältungsviren und können auch mal grippeähnliche Symptome machen. Und insofern zählen wir die Zahlen der Erkältungen in Deutschland."

Es sind solche Sätze und die Wortwahl von einer Pandemie-Diktatur, die den im Iran geborenen Präsidenten der Ärztekammer Hamburg zornig stimmen. Pedram Emami: "Ich bin selber in einer Diktatur groß geworden. Ich habe gar kein Verständnis dafür, wenn Leute bei solchen Sachverhalten gleich zu martialischen Worten greifen und weit über das Ziel hinausschießen. Das steht einem Menschen, der auch noch ein wissenschaftliches Fach studiert hat, wie die Medizin, überhaupt nicht gut zu."

Hausarzt nennt Webers Aussagen gefährlich

Er wundere sich, dass es in der Pandemie Ärzte gebe, die sich mit Aussagen exponierten, obwohl sie von dem Spezialgebiet nicht viel verstünden.

Für den Hamburger Hausarzt Kai Uwe Helmers - er engagiert sich bei dem "Verein demokratischer Ärzte" - sind Aussagen, die die Pandemie-Gefahr relativieren, mit einem großen Risiko verbunden: "Ich empfinde es schon als eine Gefahr für Patienten, die sich daran halten, was er sagt. Die werden sich auch nicht impfen lassen, und die rechnen auch nicht damit, auf einer Intensivstation zu landen. Das kann Leben gefährden."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Aktuell | 24.12.2020 | 07:50 Uhr

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