Stand: 19.12.2018 21:19 Uhr

"Spiegel"-Journalist gibt Preise zurück

Das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat einen Betrugsfall in eigener Sache öffentlich gemacht, der den deutschen Journalismus erschüttert. Jahrelang sei man von einem vielfach preisgekrönten Reporter getäuscht worden: Der Journalist Claas Relotius stehe im Verdacht, in großem Umfang Geschichten manipuliert zu haben - einige habe er offenbar sogar ganz frei erfunden.

Relotius gibt Preise zurück

Relotius hat mittlerweile seine vier renommierten Deutschen Reporterpreise zurückgegeben. Das teilte die Jury der vom Deutschen Reporterforum vergebenen Auszeichnung am Donnerstag in Hamburg mit. Er habe sich per SMS bei ihr gemeldet und dies mitgeteilt. Er kam einer möglichen Aberkennung zuvor. Die Jury beriet seit Mittwoch über Konsequenzen.

Seit sieben Jahren beim "Spiegel"

Der Fall markiert einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des Nachrichten-Magazins. "Das ist für den 'Spiegel' eine Katastrophe", sagte der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann. "Von außen betrachtet trifft uns das in den Grundfesten unserer Glaubwürdigkeit." Als Autor oder Co-Autor habe der 33-jährige Relotius knapp 60 große Geschichten und Reportagen im "Spiegel" veröffentlicht. Seit sieben Jahren arbeitet er für das Magazin. Er schrieb aber auch für andere renommierte Zeitungen und Zeitschriften, darunter für die "Welt", die "taz", "Cicero" und "Zeit-Online".

Gerade erst ausgezeichnet

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Der "Spiegel" nennt den Fall einen Tiefpunkt in der Geschichte des Nachrichtenmagazins.

Für eine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte Relotius vor wenigen Tagen noch den Deutschen Reporterpreis erhalten. Doch nun gehe man davon aus, dass "vieles in der Geschichte erdacht, erfunden und gelogen" sei. "Ein fantasievolles Machwerk", heißt es vom Nachrichtenmagazin jetzt. Relotius habe die Fälschungen inzwischen zugegeben und seinen Vertrag am Montag gekündigt.

Aufgedeckt worden ist der Fall laut "Spiegel" nach internen Hinweisen und eigenen Recherchen. Aufgeflogen war Relotius offenbar durch einen Bericht über eine amerikanische Bürgerwehr, die an der Grenze zu Mexiko Streife läuft. Eine Aktivistin der Gruppe hatte darauf aufmerksam gemacht, dass der Reporter mit keinem Mitglied der Bürgerwehr gesprochen hatte.

Kommentar
NDR Info

Betrugsskandal: Mehr Demut im Journalismus täte gut

20.12.2018 17:08 Uhr
NDR Info

Am Tag nach dem Auffliegen des Betrugsskandals beim "Spiegel" hat Claas Relotius seine Reporterpreise zurückgegeben. NDR Hörfunk-Chefredakteurin Claudia Spiewak kommentiert. mehr

Interne Aufarbeitung angekündigt

Mit einer eigens einsetzten Kommission will der "Spiegel" den Fall jetzt intern aufarbeiten. Schwierig ist aber die Frage, wie das Magazin verhindern will, dass so etwas wieder passiert. Gerade das journalistische Genre der Reportage ist für die Dokumentare kompliziert, die jeden Text vor Veröffentlichung gegenchecken. Bei investigativen Geschichten stützen sich Journalisten auf Unterlagen oder Studien. Bei Reportagen, so Klusmann, sammele ein Reporter vor allem eigene Eindrücke ein: "Das heißt, es gibt eigentlich nur den einen Zeugen, den Protagonisten selber und den Reporter. Und ein Stück weit muss der Dokumentar darauf vertrauen, dass der Kollege, der Reporter ihm da keinen Mist erzählt und nicht irgendwas vormacht, nicht irgendwas erfindet."

DJV: "Großen Schaden zugefügt"

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) reagierte betroffen. "Der vermeintliche Reporter hat nicht nur dem 'Spiegel' großen Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus in den Dreck gezogen", sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Dem Journalisten habe offensichtlich jegliches Verantwortungsgefühl für sein Blatt und die Leser gefehlt. Auch die Jurys der Journalistenpreise reagieren: Die Ulrich-Wickert-Stiftung entzog dem Ex-"Spiegel"-Autoren den Peter-Scholl-Latour-Preis.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 20.12.2018 | 13:00 Uhr

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