Stand: 27.04.2018 15:49 Uhr

Schwierige Entscheidung: Karriere oder Familie?

von Jens Brommann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Arbeit und privates Leben in eine Balance zu bringen, ist für viele Menschen ein Spagat - besonders dann, wenn man beruflich gerade durchstartet oder sich die Chance dazu ergibt. Das treibt viele in Entscheidungsnöte, denn auch das Neinsagen will gelernt sein. Arbeitsdirektor Thomas Piehler und Ingenieur Daniel Rüter haben unterschiedliche Wege gewählt.

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Thomas Piehler hätte sich zu Beginn seiner Karriere mehr Selbstbewusstsein gewünscht, um sich gegen seine Chefs durchzusetzen.

Thomas Piehler hat nicht "Nein" gesagt. Seit 25 Jahren arbeitet der promovierte Rechtsanwalt in der Hamburger Deutschland-Zentrale des Elektronikkonzerns Philips. Zunächst als Referent für Arbeitsrecht, dann ging er die Karriereleiter steil aufwärts. Mittlerweile ist der Vater von drei Kindern Arbeitsdirektor von Philips Deutschland.

Heute würde Thomas Piehler anders handeln

Heute würde er sich anders entscheiden, sagt er: "Ich war damals zu sehr auf die Firma konzentriert und habe von 8 bis 20 Uhr geschuftet. Da bleibt nicht viel Zeit, um die Kinder aufwachsen zu sehen. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, ich hätte mehr Selbstbewusstsein gehabt, so wie es heute 30-Jährige eher haben. Die treten gegenüber dem Arbeitgeber viel selbstbewusster auf und sagen: 'Sorry, mein Leben besteht nicht nur aus Arbeit.'"

Wer junge kreative Köpfe für sein Team gewinnen und an das Unternehmen binden möchte, muss sich auf die Bedürfnisse und Arbeitszeitwünsche der Bewerber einstellen. Der Philips-Arbeitsdirektor hat sich darauf eingestellt. Aber auch heute fällt vielen das Neinsagen noch schwer, wenn ein toller Job mit einem Karrieresprung winkt.

Daniel Rüter hat Nein gesagt

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Daniel Rüter - hier mit seiner Familie - hat lange abgewägt, ob er die angebotene Teamleiterstelle annimmt oder ob er verzichtet.

Daniel Rüter hat lange überlegt. Der Familienvater von zwei kleinen Kindern wohnt am Rande Hamburgs und arbeitet als Ingenieur auf der Werft Blohm + Voss in der Prozessvorbereitung. Die angebotene Teamleiterstelle in einem Projekt mit Personalverantwortung war für ihn äußerst verlockend, es gab nur zwei Nachteile, sagt er: "Zum einen wäre der Job hauptsächlich in Bremen gewesen und zum anderen war mir klar, dass dort nicht tariflich 35 Stunden von mir verlangt worden wären, sondern 45 plus, eher in Richtung 50 Stunden die Woche, das wird natürlich auch bezahlt. Man liegt dann im außertariflichen Bereich, aber man ist auch stark eingespannt und hat keine Zeit mehr für die Familie." Mit dieser Entscheidung hat Daniel Rüter seine Vorgesetzte überrascht, die dann sehr kurzfristig eine Ersatzlösung finden musste.

Reportage-Feature

Mein Leben, meine Arbeit

01.05.2018 10:05 Uhr
NDR Info

Ein Reportage-Feature von Jens Brommann und Susanne Schäfer aus der NDR Info Wirtschaftsredaktion beschäftigt sich mit der Suche nach einer Work-Life-Balance. mehr

Neuer Metall-Tarifvertrag bietet mehr Flexibilität

Er sagte auch deshalb Nein, damit seine Ehefrau Telse nach der Elternzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin beruflich neu starten kann. Zugute kommt den beiden der neue Tarifvertrag in der Metallindustrie. Danach können Beschäftigte, die Angehörige pflegen oder Kinder erziehen, ab kommendem Jahr auf zwei Wegen ihre Arbeitszeit reduzieren. Sie können einen Teil der Tariferhöhung in acht zusätzliche freie Tage umwandeln, und sie können ihre Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf 28 Wochenstunden reduzieren.

Und genau das strebt Daniel Rüter an - auch im Interesse seiner Frau. Sie verspricht sich dadurch mehr Flexibilität: "Dass ich zumindest am Anfang mehr Luft und Raum haben werde mich einzuarbeiten und zu engagieren, um gut starten zu können. Dass ich flexibler sein kann und mein Mann auch mal die Kinder abholen kann und sie versorgt. Das macht es schon einfacher."

Familieneinkommen wird erst einmal sinken

Allerdings zunächst bei weniger Geld. Denn wenn Daniel Rüter seine Arbeitszeit als Ingenieur auf 28 Stunden senkt, wird wohl auch das Familieneinkommen sinken, weil seine Ehefrau mit ihrem neuen Job das nicht ausgleichen kann. Darauf stellt sich der 38-jährige Familienvater ein: "Ich verspreche mir davon, dass wir längerfristig wieder zwei Gehälter haben und dafür ist es natürlich eine gewisse Hypothek, die wir da aufnehmen und sagen: Okay, dann ist es jetzt mal für ein Jahr weniger, um dann, wenn meine Frau den Jobstart geschafft hat, wieder mehr Geld zu haben."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 30.04.2018 | 07:41 Uhr

Serie: "Auf der Suche nach der Work-Life-Balance"

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