Stand: 11.07.2020 15:24 Uhr  - Hamburg Journal

Rassismus in Hamburg: Nur ein Bruchteil erfasst

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Benoit A. ist schon mehrfach in Bus oder Bahn beleidigt und beschimpft worden.

Er wurde rassistisch beleidigt und verhöhnt. Mitten in Hamburg-Poppenbüttel. Der 21-jährige Benoit A. war mit dem Bus auf dem Weg zur Arbeit, als zwei Männer ihn rassistisch beleidigten. Einer der Männer habe ihn beim Einsteigen "übelst rassistisch beschimpft, dann beim Aussteigen an der anderen Bushaltestelle als Affe bezeichnet", sagt A.

Für den Auszubildenden nichts Neues. "Das war allein in diesem Jahr das dritte Mal", sagt der Auszubildende. "Ich wurde in der Bahn auf dem Weg nach Hause schon mal als 'Nigger' bezeichnet und es hieß: 'Scheiß Schwarze, ich habe keine Lust auf die'."

Kein Einzelfall: Rassistischer Vorfall im Linienbus

Hamburg Journal -

Ein Auszubildender berichtet von rassistischen Beleidigungen in Hamburg-Poppenbüttel. Beratungsstellen bestätigen: Die Zahl rassistischer und antisemitischer Vorfälle in Hamburg sei hoch.

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Beratungsstelle: Rassistische Vorfälle nehmen zu

Nissar Gardi berät Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Immer mehr Menschen melden sich bei ihr. Es gebe in Hamburg viele rassistische und antisemitische Vorfälle sowie rechte Gewalt. "Und das ist in den letzten Jahren angestiegen", sagt Gardi von der Beratungsstelle Empower. "Das kriegen wir auch als Projekt mit, die Beratungsbedarfe steigen massiv und Berichte aus den Communitys, den Gemeinden sind einschlägig."

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Nissar Gardi berät in Hamburg Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

Nur ein Bruchteil rassistischer Übergriffe wie der in Poppenbüttel auf Benoit A.werde überhaupt erfasst. "Rassismus und Antisemitismus sind in Deutschland und auch in Hamburg, auch wenn wir uns als weltoffene Stadt und als Tor zur Welt sehen, so legitimiert, dass es sagbar und machbar ist", sagt Gardi. "Und es wird so verschwiegen, dass Menschen nicht reagieren, wenn Rassismus und Antisemitismus vor ihren Augen passieren."

Kolonialerbe nicht aufgearbeitet

Ein möglicher Grund dafür ist die mangelnde Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Deutschland war im 19. Jahrhundert eine Kolonialmacht und aus dieser Zeit stammt so manches Rollenbild von Weißen und Schwarzen. "Die Tatsache, dass diese Vergangenheit noch nicht mal ansatzweise aufgearbeitet wurde, heißt in der logischen Konsequenz, dass das Thema Rassismus noch noch mal ansatzweise aufgearbeitet wurde und sich über 400 Jahre etablieren konnte", sagt Kodjo Valentin Gläser von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. "Das hat zur Folge, dass sich das im Denken und im Handeln bis heute festgesetzt hat."

Das bekam auch Benoit A. zu spüren und er kämpft dagegen. "Rassismus ist für viele Menschen alltäglich, aber viele wissen das nicht", sagt A. "Ich habe hier in Deutschland mitbekommen, dass viele sagen: 'Rassismus gibt es hier gar nicht mehr'. Aber in der Haut eines anderen ist es nicht so wie in meiner Haut zum Beispiel." Einer der beiden Männer, die ihn belästigten, wurde mittlerweile von der Polizei gefasst. Gegen ihn wird nun wegen Beleidigung ermittelt.

Weitere Informationen

21-Jähriger berichtet von rassistischen Pöbeleien

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 11.07.2020 | 19:30 Uhr

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