Psychisch Erkrankte: Mehr "geschlossene" Einrichtungsplätze

Stand: 09.12.2020 08:00 Uhr

Das Lütt Hus und drei Freie Träger in Hamburg planen zusätzliche "geschlossene" Einrichtungsplätze für psychisch Erkrankte. Doch ihnen selbst und Kritikern gehen die Pläne nicht weit genug.

Menschen mit komplexen psychischen Störungen, bei denen eine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt, können in eine sogenannte geschlossene Einrichtung eingewiesen werden. Das regelt der Paragraph 1906 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Doch in Hamburg verfallen die richterlichen Beschlüsse in der Praxis. Der Grund: Entsprechende "geschlossene" Plätze in separaten Einrichtungen fehlen. Lediglich 17 solcher Plätze gibt es bisher für ganz Hamburg.

Psychiatrie Ochsenzoll bekommt mehr Plätze

Eine Frau spaziert durch ein freies Gelände mit Nadelbäumen und Blättern auf dem Boden.
Auf dem Gelände der Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll sollen 30 weitere geschlossene Einrichtungsplätze in einem Neubau entstehen.

Die einzigen Plätze stellt das Lütt Hus auf dem Gelände der Asklepios Klinik Nord Psychiatrie Ochsenzoll. Hier sollen zusätzliche "geschlossene" Einrichtungsplätze hinzukommen. Dafür stecke man "in konkreter Planungsphase" mit der Stadt als Kostenträger, heißt es von Anke Naefcke. Für die Einrichtungsleiterin ist das längst notwendig: "Pro Jahr bekomme ich etwa 120 Aufnahmeanfragen. Bei denen ist der Hilfebedarf für diese intensive Betreuung notwendig. Doch pro Jahr kann ich nur drei bis vier Patientinnen und oder Patienten aufnehmen."

Lütt Hus: 30 "geschlossene" Plätze geplant

Laut Plan soll ein Neubau 30 zusätzliche "geschlossene" Plätze schaffen, aufgeteilt auf zwei Wohngruppen. Das könne jedoch nur der Anfang sein. "Diese Menschen haben einen Anspruch darauf, versorgt zu werden. Insofern denke ich, dass die Träger der Sozialpsychiatrie in die Verantwortung genommen werden müssen", betont Naefcke.

Hafen Hamburg, Freundeskreis Ochsenzoll, Rauhes Haus: eigene Plätze

Drei Freie Träger in Hamburg haben die Initiative ergriffen. Der Hafen - Verein für psychosoziale Hilfe Harburg e.V., die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll und Das Rauhe Haus wollen eigene "geschlossene" Plätze schaffen. Der Hafen entwickele ein Konzept für den Süderelberaum, heißt es von Geschäftsführerin Frauke Hennings. 13 Plätze soll es demnach in gut einem Jahr geben. Die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll plant bis Ende 2021 fünf zusätzliche Plätze im Bezirk Hamburg-Nord - zunächst einmal. Denn wenn sich das kleinteilige, gemeindenahe Konzept bewähre, plane die Stiftung mit weiteren Standorten, sagt Stephanie Wuensch, leitende Ärztin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Stiftungsgesellschaft. Das Rauhe Haus sieht zehn zusätzliche Plätze vor - allerdings erst bis 2024. Die Konzepte der drei Freien Träger haben eines gemein: die Planung einer dezentraler Unterbringung.

Freie Träger planen dezentrale Unterbringung

Ein Mann steht draußen vor dem Rauhen Haus und blickt noch im Morgengrauen in die Kamera.
Wolfgang Bayer fordert dezentrale Einrichtungsplätze für Menschen mit komplexer psychischer Erkrankung.

"Wir brauchen dezentrale Einrichtungsplätze. Das heißt: Wohnangebote in verschiedenen Stadtbezirken in Hamburg für Menschen mit komplexen Störungen - kleinräumig, kleinteilig und eingebettet in ein vernünftiges Versorgungssystem", betont Wolfgang Bayer, Bereichsleiter der Sozialpsychiatrie des Rauhen Hauses. Den Freien Träger stelle das jedoch vor Herausforderungen. "Dezentral ist immer aufwendig. Erst muss eine Immobilie gefunden werden, die auch noch bezahlbar ist. Und das Personal wird zusätzlich belastet."

Psychisch Erkrankte: Aufklärungsarbeit entscheidend

Wo genau die zehn zusätzlichen Plätze des Rauhen Hauses entstehen sollen, möchte Bayer noch nicht öffentlich sagen. Nur so viel: Eine der bereits bestehenden vier Einrichtungen des Freien Trägers werde abgerissen und wieder neu aufgebaut. Doch bevor man Konkretes verrate, wolle man erst mit den Nachbarn sprechen.

Denn die Unterbringung psychisch Erkrankter in unmittelbarer Nachbarschaft erfordere ein hohes Maß an Aufklärungsarbeit vor Ort: "Gegenüber Betroffenen gibt es eine Menge Vorurteile. Krimis mit psychisch kranken Straftäterinnen und Straftätern sind schließlich keine Ausnahme. Da ist es unsere Aufgabe, Verständnis zu vermitteln und bei Konflikten einzugreifen."

Versorgungslücke in Hamburg

Bei aller Mehrarbeit: Die Initiativen der Freien Träger reichen nicht aus, um die Versorgungslücke zu schließen. "Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen werden aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, verlieren ihre sozialen Bezüge und leben in einer Wohnunterkunft in einem von Hamburgs Nachbarländern. Im letzten Jahr waren es etwa 600. Sie zurück nach Hamburg zu holen, ist schwierig zu organisieren und klappt im Regelfall nicht", erzählt Bayer. Um die Lücke zu schließen, müsse sich grundlegend etwas ändern.

Straßensozialarbeit: Diskussion geht nicht weit genug

Eine Frau steht in der Hamburger Innenstadt und blickt von links nach rechts an der Kamera vorbei.
Beim Thema psychisch Erkrankte müssten alle Beteiligten besser zusammenarbeiten, betont Psychiaterin Nadja Theisinger.

Straßensozialarbeiter gehen noch einen Schritt weiter: Die Diskussion um geschlossene Plätze gehe unabhängig von der Anzahl neuer Plätze nicht weit genug. Ziel müss es sein, für psychisch Erkrankte einen selbstbestimmten Wohnraum zu schaffen. Nur so könne man Betroffene in die Gesellschaft integrieren, betont Nadja Theisinger und meint damit insbesondere Betroffene, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung auf der Straße landen. Einmal die Woche geht die Psychiaterin mit Julien Thiele, Straßensozialarbeiter der Caritas, gezielt auf psychisch erkrankte Obdachlose zu. Beide sind davon überzeugt: Passgenaue, niedrigschwellige Wohnangebote fehlen. Stephanie Wuensch, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll, betont: Geschlossene Einrichtungen könnten nur eine vorübergehende Lösung sein. Nach Aufhebung des richterlichen Beschlusses sei eine schnelle Weitervermittlung in eine Nachsorgeeinrichtung entscheidend, "sodass der Aufenthalt in dem hochstrukturiert geschützten Bereich nur so kurz wie nötig dauern muss."

Eine grundsätzliche Lösung beim Thema Unterbringung psychisch Erkrankter sehen Julien Thiele und Nadja Theisinger nur dann, wenn alle Beteiligten besser zusammenarbeiten: "Wir brauchen eine bessere, weniger bürokratische Schnittstelle zwischen Sozialpsychiatrischem Dienst, der Fachstellen für Wohnungsnothilfe und den Krankenhäusern", sagt die Psychiaterin. Nur so könne gewährleistet werden, dass psychisch Erkrankte in der jeweiligen Wohneinrichtung unterkommen, die individuell auf sie zugeschnitten ist. Und eben nicht durchs Raster fallen und dafür auf der Straße landen.

Weitere Informationen
Caritas-Sozialarbeiter Julien Thiele spricht mit einem Obdachlosen  Foto: Caritas

"Straßenvisite": Hilfe für obdachlose Menschen

Auf Augenhöhe auf obdachlose Menschen zugehen und ihnen helfen - das macht die "Straßenvisite" der Caritas in Hamburg. (29.11.2020) mehr

Ein weiß-rotes Gebäude von außen auf dem Gelände der Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll.

Lütt Hus der Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll

Das "Lütt Hus" stellt die einzigen "geschlossenen" Einrichtungsplätze für Hamburg. Weitere Plätze sind in Planung. extern

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 10.12.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Das Rathaus in Hamburg. © picture alliance / rtn - radio tele nord

Bürgerschaft beschließt Sondersitzung zu Corona-Maßnahmen

Hamburgs Parlament wird am 10. März zusammenkommen, um über die Ergebnisse der Bund-Länder-Konferenz zu beraten. mehr