Stand: 11.07.2020 11:41 Uhr

Prozessauftakt: War zweifache Mutter IS-Mitglied?

Die 30-jährige Elina F. muss sich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Hamburg vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der zweifachen Mutter keine Kämpfe oder Attentate vor, dafür gebe es keinerlei Hinweise. Dennoch steht sie seit Freitag vor Gericht. "Ihr wird vorgeworfen, dass sie ein bisschen Propaganda gemacht haben soll", sagt Ina Franck, die Anwältin der Angeklagten. "Und dass sie ihrem Mann den Rücken freigehalten haben soll, damit der kämpfen kann - also schlicht Haushaltsführung."

Angeklagte räumt Fehler ein

Kochen und Waschen kann ausreichend sein, um als Terroristin zu gelten. Das hatte der Bundesgerichtshof entschieden. Entscheidend ist, ob man die Organisation wissentlich von innen her gefördert und unterstützt habe. Sie sei nie eine überzeugte Islamistin gewesen, sagt Elina F. heute, aber sie habe Fehler gemacht. "Ich stelle mich meiner Verantwortung", sagt sie. "Das Wichtigste in meinem Leben war aber, meine Kinder in Sicherheit zu bringen."

Freund radikalisierte sich

Ihre beiden Söhne wurden auf dem Gebiet des sogenannten Islamischen Staates (IS) geboren und stammen von zwei IS-Kämpfern. Der erste hieß Erkan. Sie verliebte sich in Hamburg in ihn, als die Terrororganisation für Erkan noch kein Thema war. Doch er radikalisierte sich und sie reiste mit ihm nach Syrien zum IS. Die Ernüchterung kam schnell, als Erkan im Kampf starb.

Elina F.
Elina F. floh mit ihren beiden Kindern aus dem Gebiet des sogenannten Islamischen Staates.

Elina F. wurde mit einem weiteren IS-Kämpfer verheiratet, von ihm stammt der zweite Sohn. Sie flüchtete mit ihren Kindern, aber der Weg zurück nach Deutschland sollte Jahre dauern. Lange war sie in einem kurdischen Lager gefangen und dann kam sie plötzlich wieder frei. "Ich habe dann ein paar Syrer gefragt, wo der Weg zu den Türken ist und die haben mir gesagt, ich muss 15 Kilometer durch die Wüste laufen." Das tat sie.

Nach langem diplomatischen Tauziehen wird Elina F. mit ihren Kindern aus der Türkei abgeschoben. Sie wird sofort verhaftet und von den Kindern getrennt. Das ersehnte Wiedersehen mit ihrer Mutter, die in Hamburg wohnt, musste warten. Inzwischen ist Elina F. auf freiem Fuß und lebt wieder mit ihren Kindern zusammen. Die Jungs hätten die traumatischen Erfahrungen verhältnismäßig gut verkraftet. Nur Fluggeräusche am Himmel erinnerten sie an die Kampfdohnen.

Prozess wird fortgesetzt

Es falle Elina F. aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung schwer, offen zu sprechen, sagt ihre Anwältin. Das sei aber notwendig, so die Richterin beim Prozessauftakt am Freitag, um ihr Geständnis würdigen zu können. Der Prozess wird fortgesetzt.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 10.07.2020 | 19:30 Uhr

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